made by Axel Birkmann
made by Axel Birkmann
Schule der Mörder
Schule der Mörder

Tödlicher Aufguss

Tanz der Vampire.pdf
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Tanz der Vampire


Es war kurz vor halb Zwölf um Mitternacht. Melanie Schütz fuhr mit ihrem Audi durch die Dunkelheit. Obwohl Freising eine Studentenstadt ist, in der auch in der Nacht allerlei junges Volk durch die schmalen Gassen der Altstadt pilgerte auf der Suche nach einem Drink, nach heißer Musik oder nach einem letzten Happen, schien am heutigen Tag die Stadt wie ausgestorben. Leer. Fast keine Fahrzeuge unterwegs. Nur die Lichtkegel von Dieter Burgers BMW konnte Melanie im Rückspiegel erkennen, der ihr seit ihrer Wohnung folgte. Auf der Straße nach Kranzberg zum Treffpunkt im Freisinger Forst waren sie ganz allein. Mitten im Wald sollte die Party stattfinden und man konnte sie nur zu Fuß erreichen.

Zum Autofahren hatte sie Turnschuhe angezogen. Das war bequemer. Ihre Lackstiefel, den Umhang und die Peitsche hatte sie in einem Rucksack verstaut. Über ihr schwarzes Sexy Outfit hatte sie einen Trenchcoat gezogen. Sie wollte auf keinen Fall auffallen und kein beflissener Polizeibeamter sollte sie in diesem Aufzug erkennen können. Zwischen Freising und dem kleinen Ort Thalhausen führte ein links von der Straße abgehender Schotterweg zu einem Wanderparkplatz am Anfang des Waldes. Genau dort wollte sie hin.

Seit etwa einem Kilometer waren die Lichter hinter ihr verschwunden. Burger hatte die Scheinwerfer wahrscheinlich ausgeschaltet und sich im Wald mit seinem Einsatzteam getroffen. Er war ihre Rückendeckung. Egal was passieren sollte, sie musste sich auf ihn verlassen können. Da alle Mobiltelefone und Digitalkameras vom Wachdienst eingesammelt werden würden, das hatte ihr Sabrina noch vorher gesteckt, hatte Dieter darauf bestanden ein Mikrofon an ihrer Korsage und einen kleinen Kopfhörer an der Perücke zu befestigen. Dort würde sicher niemand danach suchen. Und so war sie immer mit den Einsatzkräften per Funk verbunden, konnte also jederzeit ihren Einsatz beenden, wann und wo sie wollte.

Trotzdem hatte sie ein mulmiges Gefühl. Vor drei Stunden war sie noch selbstsicher und selbstbewusst auf ihren Kollegen zugegangen und hatte ihn spielerisch mit ihrem schauspielerischen Talent als Domina auf die Knie gezwungen. Jetzt musste das alles auch im Ernstfall klappen. Und da hatte sie doch noch einige erhebliche Bedenken. Sie stellte ihren Audi auf dem Parkplatz am Waldrand ab. Mehrere Fahrzuge parkten hier schon. Mit Kennzeichen aus der ganzen Umgebung: München, Freising, Erding, Dachau und sogar Starnberg. Und alles Fahrzeuge ihrer Schätzung nach ab 50.000 Euro aufwärts. Ihr kleiner Audi kam ihr neben den Karossen wie ein Kinderwagen vor.

Sie klappte die Sonnenblende herunter, öffnete den Spiegel und schminkte sich das Gesicht: eine vornehme Blässe, dunkle Augenhöhlen, eine leichte Rotfärbung darunter, wie die blutunterlaufenen Augen eines Vampirs, ein letzter Zug mit dem schwarzen Lippenstift, und sie war fertig. Dann setzte sie die lange Kunsthaarperücke auf, setzte sich neben den Mund auf die Wange noch ein Schönheitspflästerchen und betrachtete sich ein letztes Mal im Spiegel.

»Es wird schon gut gehen. Verstehst du mich, Dieter?«, sprach sie leise in ihr Dekolleté.

»Ja, alles gut, ich höre dich sehr gut, du brauchst gar nicht so laut reden. Das Mikrofon hat eine enorme Reichweite und ist sehr sensibel«, hörte sie leise die Antwort an ihrem Ohr.

»Gut, dann gehe ich mal los. Der Tanz der Vampire kann beginnen.«

Melanie klappte den Spiegel zu, stieg aus und blickte sich um. Niemand war zu sehen. Nur die parkenden Wagen. Sie näherte sich einem der Fahrzeuge und beugte sich mit dem Kopf auf das Kennzeichen, um es besser lesen zu können. Landkreis Starnberg. Sollte sie vielleicht die Autonummern aufschreiben, durchfuhr es sie. Als ob jemand ihre Gedanken gelesen hatte, sagte eine leise Stimme in ihrem Ohr: »Die Kennzeichen haben wir schon, die brauchst du dir nicht zu notieren. Konzentriere dich nur auf deine Rolle. Mehr nicht. Und mache dir keine Sorgen. Wir sind da. Wir passen auf dich auf. Okay.«

»Ja, das werde ich.« Melanie atmete erleichtert auf. Ihre Kollegen waren in der Nähe und beobachteten sie. Ein gutes Gefühl.

Das sollte es sein. Doch das war es nicht. Mit einem flauen Magen schulterte sie den Rucksack und kämpfte sich auf einem schmalen Pfad durch den Wald einen Hang hoch, einem Schild folgend, auf dem Waldkapelle Oberberghausen stand. Der Mond war von Wolken verdunkelt und so war es schwer für sie, sich in der Dunkelheit zu Recht zu finden. Es dauerte eine ganze Weile bis sich ihre Augen an die Finsternis gewöhnt hatten. Jeder Schritt wurde für sie schwerer, je mehr sie sich dem Kirchlein näherte, obwohl sie mit ihren Turnschuhen sicher auftreten konnte. Doch ihre Gedanken machten ihr zu schaffen. Auf was hatte sie sich da eingelassen? Sie hätte auf Dieter Burger hören und auf diese idiotische Idee verzichten sollen, halb nackt, nur mit Lack und Seide bekleidet und mit einem bleichen Gesicht auf ein Treffen hormonell ausgeprägter Menschen zu gehen. Und nicht zu wissen, was da auf sie zukommen konnte. Alle Unterstützung von Sabrina würde nichts helfen, wenn man sie enttarnte. Und dann könnte es zu spät sein. 

Auf halber Strecke war sie fast soweit, alles liegen und fallen zu lassen und umzukehren. Sie blieb stehen und blickte sehnsüchtig den Waldweg zurück zum Parkplatz. Am liebsten würde sie jetzt den Waldhügel herunter rennen, sich in ihr Auto setzen und nach Hause fahren, den ganzen Krempel ausziehen und sich in ihre Badewanne legen. Und dann in einem Schaumbad untertauchen. Doch das war reine Illusion.

»Melanie, was ist los?« hörte sie wieder die Stimme in ihrem Ohr. Dieter Burger beobachtete sie und er machte sich Sorgen.

»Sollen wir den Einsatz abbrechen?«, fragte er besorgt.

Melanie drehte sich wieder um und spähte durch den Wald Richtung Kircherl.

»Nein!«, flüsterte sie und schritt mutig weiter. »Nein. Nein. Ich habe nur eine kurze Pause gemacht. Es geht schon. Ich bin gleich da, dann schalte ich den Ohrstöpsel aus, nicht dass es noch jemand mithört. Das Mikrofon bleibt an. Also wie vereinbart, beim Wort „Zugriff“ stürmt ihr die Veranstaltung. Korrekt?«

»Korrekt. Und jetzt toi, toi, toi, Melanie. Alles wird gut.«

»Dein Wort in Gottes Ohr.«

Sie schaltete den Ohrstöpsel aus und stakste weiter durch den Wald.

Melanie hatte sich nach dem ehemaligen kleinen Weiler mitten im Forst erkundigt. Laut einem alten Text, der vor Jahren noch eines der schmiedeeisernen Grabkreuze zierte, war diese Stelle mitten im Wald ein Ort voller Widersprüche: Eine kleine Kirche, die vom Künstlerischen her sicher nichts Wertvolles zu bieten hatte und trotzdem anziehend war. Ein arg dem Verfall preisgegebenes unscheinbares Waldhüterhaus, das neugierig machte. Ein kleiner Friedhof um die Kirche herum, dessen schmiedeeiserne Grabkreuze völlig überwachsen waren, die Tafeln verwittert und größtenteils schon unleserlich. Ein Dorf, das der Natur hat weichen müssen, wo die Menschheit es doch seit Jahrzehnten nur umgekehrt erleben kann. Tatsächlich wollte sich die Natur, nach und nach, alles von Menschenhand Geschaffene zurückholen.

Als sie auf den Schotterweg einbog, der die letzten Hundert Meter zur Kapelle ausmachen sollte, konnte sie  vor sich, mitten zwischen den Bäumen, einen Lichtschein erkennen. Dort musste es sein, sagte sie zu sich, atmete mit einem kräftigen Zug die frische Waldluft ein und hielt genau auf die Lichtquelle zu.

Jemand hatte eine Absperrung quer über die Straße gezogen, zwei Fackeln auf beiden Seiten aufgestellt. Drei Wachmänner versperrten Melanie den Weg. Einer kam ihr entgegen und begrüßte sie höflich: »Guten Abend, herzlich willkommen. Ihren Namen bitte?«

»Bloodrayne!«, antwortete Melanie.

Der Mann schaute mit einer Taschenlampe auf eine Liste und fand den Codenamen von Sabrina Koller darauf. Er hakte sie ab.

»Sie kommen alleine?«, fragte er und sah sie dabei von oben bis unten an.

»Ja«, sagte sie nur knapp.

»Sie waren das letzte Mal mit Nikodemos hier.«

»Bitte?«

»Nikodemos«, wiederholte der Wachmann.

Melanie dachte blitzschnell nach. Nikodemos war der Codename von Markus Backhaus. Damit hatte sie nicht gerechnet, dass die Veranstalter so gut darüber Buch führten.

»Nikodemos ist zu Hause. Ich bin allein da. Er war böse«, lachte sie leicht hysterisch und fügte noch hinzu: »Und wer böse ist, darf nicht mit.«

Der Wachmann sah sie verwirrt an, doch er war sofort wieder bei der Sache und sagte: »Gut. In Ordnung. Und nun bitte Ihren Berechtigungscode.«

Melanie kramte aus ihrem Rucksack Sabrinas Telefon, öffnete die SMS Anwendung und hielt dem Mann den Barcode entgegen, den sie gestern Nacht als Bestätigung für den Event gesendet bekommen hatte. Der Mann zog ein Lesegerät aus der Tasche, scannte den Code, kontrollierte seinen Monitor und nickte freundlich.

»Danke, alles in Ordnung. Das Handy behalte ich, das bekommen Sie wieder, wenn Sie gehen. Nummer 73. Bitte merken Sie sich die Ziffer.«

Der Wachmann klebte einen kleinen Aufkleber mit der Nummer 73 auf das Gerät und legte es in eine Plastikwanne zu den Mobilfunkgeräten der anderen Gäste.

»So und nun wünsche ich Ihnen viel Spaß und einen angenehmen Aufenthalt.«

Melanie glotzte den Wachmann dämlich an. Gott sei Dank war es dunkel und er konnte ihren Gesichtausdruck nicht erkennen. Checkte sie gerade in einem Hotel ein, fragte sie sich. »Und hier am schwarzen Brett sehen Sie die Zeiten unserer Gästeanimation: 10 Uhr Pilatus, 11 Uhr Minigolf, und um 15 Uhr Nordic Walking. Viel Spaß bei uns im Haus.«

»Bloodrayne!«, sagte der Wachmann. Melanie erwachte aus ihrem Traum.

»Ja bitte?« Melanie zuckte zusammen.

»Hier rechts haben wir ein Zelt aufgebaut, in dem sie sich frisch machen und umziehen können. Auf dem Platz vor der Kirche ist ein Zelt mit Getränken und kleinen Häppchen. Die Messe beginnt pünktlich um Mitternacht. Beeilen Sie sich, damit Sie nichts verpassen.«

»Danke, danke.« Und schon hatte Melanie den Checkpoint verlassen.

Während der Wachmann mit ihr die Formalitäten geklärt hatte, standen seine beiden Kollegen nur breitbeinig herum, sagten kein Wort und schauten zu. Sie waren alle miteinander verkabelt. Melanie hatte den Knopf im Ohr des Mannes entdeckt und sein Mikrofon am Revers seiner Jacke. Was für eine Organisation? Zweihundert Euro pro Mann. Das war eigentlich nicht viel Geld. Sie hatte circa 30 bis 40 Fahrzeuge gezählt. Sie war eine der Letzten. Mit einem Blick über die Schulter des Wachhabenden hatte sie die Liste erhaschen können. Sechzig bis siebzig Personen, davon die Hälfte Männer, also 30 bis 40. Das ganze mal 200. Das ergab ein Budget von knapp 6 bis 8 Tausend Euro pro Messe. Und allein der Aufwand: Security, Zelte, Verpflegung und Transport. Viel blieb da nicht übrig. Und bei den 200 Euro traf es ganz bestimmt keine Armen. Wenn sie an den Fuhrpark auf dem Parkplatz dachte.

Im Umkleidezelt, das nur spärlich mit dicken fetten Kerzen ausgeleuchtet wurde, entledigte sie sich ihrer Turnschuhe, zwängte sich in die Lackstiefel, streifte den Trenchcoat ab und hängte sich den Umhang lässig über die Schulter. Im hinteren Teil hatten die Veranstalter fahrbare Garderobenständer aufgestellt, an denen die Gäste ihre normale Kleidung aufhängen konnten.

Sie packte alles in den Rucksack.

Im vorderen Teil des Zeltes thronte ein riesiger goldumrandeter Spiegel, gespenstisch von Kerzen erhellt. Daneben zwei Porzellanwaschbecken und zwei Karaffen mit frischem Wasser. Melanie war begeistert. Bis jetzt hatten die unbekannten Organisatoren an alles gedacht. Sie benetzte leicht ihre Schläfen, drehte sich vor dem Spiegel langsam um die eigene Achse und war sichtlich zufrieden mit dem was sie da sah: eine sinnliche erregende schwarzhaarige Lady in Lack und Seide. Verboten sexy und verdorben erotisch. Jetzt galt es Farbe zu bekennen und sich ins Getümmel zu werfen. Es war kurz vor Mitternacht. Kurz vor der Geisterstunde. Der Spuk müsste gleich beginnen.

Sie schritt majestätisch auf ihren Highheels, die Lederpeitsche am Handgelenk baumelnd, aus dem Zelt auf den Platz vor der Kirche. Es war nicht ganz einfach mit den hochhakigen Absätzen über den Waldboden zu laufen. Doch wer schön sein wollte, der musste leiden, fiel es ihr ein. Ein blöder Spruch.

Fackeln erhellten die Umgebung und mächtige Laubbäume warfen dunkle Schatten in die Nacht. Vor der Mauer des kleinen Friedhofes hatte man eine Art Altar aufgebaut. Auch dieser wurde von dicken runden weißen Kerzen beleuchtet, die in massiven silbernen Ständern steckten. Links vom Altar unter einem gewaltigen Laubbaum versteckt stand das Verpflegungszeit, ein weißer Baldachin, in dem mehrere Bistrotische standen, die mit Getränken und kleinen Snacks, Fingerfood, gedeckt waren. Und eine kleine Bar, auf der in Kühlern Flaschen auf Eis gelagert waren.

»Vornehm geht die Welt zu Grunde«, flüsterte Melanie leise zu sich selbst. Diese Veranstaltung war aufgezogen wie ein VIP-Bereich eines elitären Konzertes oder einer extravaganten Sportveranstaltung. Wenigstens stellte sie es sich so vor, da sie sich noch nie mit einem Veryimportantpersonbändchen auf so einem Event tummeln hatte dürfen.

Und dann waren diese 200 Euro für die Herrschaften doch gut angelegt. Es gab genug zu Trinken, zu Essen, eine angenehme Atmosphäre, leichte nicht zu laute Musik und später geilen animalischen Sex. Da ging der Preis doch. Im Swingerclub oder in einem Bordell war es sicher nicht billiger. Der einzige Nachteil hingegen war, dass man, bei einer solchen Freiluftveranstaltung, auf das Wetter angewiesen war. Doch der April und der Mai in diesem Jahr hatten Temperaturen wie sonst eigentlich nur der Hochsommer. Typisch Deutschland halt. Der Frühling sonnig und extrem heiß, der Sommer dann verregnet und während der Wiesenzeit lachte dann wieder die Sonne über dem Bayernland.

Obwohl nicht viel Kleidung ihren Körper verhüllte, fror sie nicht. Trotzdem lief es ihr eiskalt den Rücken herunter. Das kam sicher von der Aufregung, der Stimmung auf diesem Gelände, die Nähe des Gotteshauses und des Friedhofes und von den Blicken, die man ihr entgegen warf. Frauen wie Männer. Die Frauen eher abschätzend, was für eine Konkurrenz sich da erdreistete auf diese Messe zu kommen, die Männer verheißungsvoll lächelnd mit einer gewisse Vorfreude im Gesicht, mit ihr später ins Gespräch oder in Tuchfühlung kommen zu dürfen.

In selben Moment in dem sie die Blicke der Anwesenden auf ihrem knapp verhüllten Körper spürte, fühlte sie sich vollkommen nackt. Obwohl Sabrina alles getan hatte, ihre weiblichen Reize gekonnt zu verstecken, empfand sie die Blicke der Gäste eher als unangenehm. Wie kleine Nadelstiche pieksten sie in ihren Busen und ihren Schoß, obwohl alles unter Lack und Seide verborgen war und verborgen bleiben sollte.

Etwas hatte sie ganz vergessen Sabrina zu fragen, wie kommuniziert man untereinander auf einer Hotblood Messe. Gab es gewisse Symbole, eine Zeichensprache, Gesten und Mimik oder sprach man ganz normal. Wie zum Beispiel: »Guten Abend, du heiße Lady der Nacht. Du siehst gut aus, verdammt gut, möchtest du mir vielleicht mal einen Blasen?«

Und dann als mögliche Antwort: »Nein danke, ich habe mir noch nicht die Zähne geputzt. Aber später vielleicht. Ich muss eben noch den FC Bayern München Star auspeitschen, wegen dem verschossenen Elfmeter vom Wochenende. Ach und der dicke Starfriseur bettelt auch um ein paar Hiebe. Hat er mir doch letzte Woche die Frisur versaut. Und der Herr Wetterprophet. Er mag es besonders hart. Sagt selbst Alice Schwarzer. Und die muss es ja wissen. Vor allem bei Ostwind und Sturmböen aus Ostnordost. Aber ich komme gerne auf Sie zurück. Unter welcher Dame finde ich Sie denn später wieder.«

Melanie hatte sich vorgestellt, wie eine solche Kommunikation von statten gehen könnte, und war über den Quatsch, den sie ihr Gehirn ausdachte so angetan, dass sie plötzlich lauthals loslachte. Ihr Lachen klang fast hysterisch, als sie sich die Situation in allen Details vorstellte. Einige der Gäste drehten sich um, um zu schauen, woher dieses freche Lachen kam.

Melanie hielt sich blitzschnell die Hand vor den Mund und verschwand im Gastronomiezelt und kippte auf Ex ein Glas des Prickelwassers herunter. Sie konnte nicht entscheiden, ob es Sekt, Prosecco oder Champagner war, aber es benetzte ihre Kehle und hinderte sie daran lauthals weiter zu lachen. Dann schnappte sie sich ein zweites Glas und stellte sich ein wenig abseits um nun ihrerseits die Gäste zu beobachten.

Es standen etwa 70 bis 80 Damen und Herren auf der ebenen Fläche vor der Kirche und warteten andächtig auf die Eröffnung der Messe. Alle waren kostümiert. Die Männer trugen enge dunkle Hosen, Rüschenhemden oder auch Kniebundhosen und Schuhe mit Schnallen. Und über allem mitunter auch mal ein schwarzer Umhang. Ihre Gesichter hatten sie teilweise weiß oder aschfahl gefärbt, mit dunklen Augenrändern, schwarzen Lippen und auf dem Kopf trug der eine oder andere eine Perücke mit gewelltem langen Haar, Tradition unter der Herrschaft der Könige in Frankreich. Melanie fand, die Herren hätten auch einem Musketierfilm entspringen können, wenn ihre Gesichtsfarbe nicht diese Totenblässe aufzeigen würde. Aber ein spitzer Degen baumelte an keiner Seite.

Die Frauen waren ganz unterschiedlich gekleidet. Melanie unterschied zwischen elegant und gediegen, erotisch und sinnlich, pervers und vulgär.

Das elegante Drittel hatte sich den Herren angepasst, weite taillierte Kleider, verführerische Dekolletés, Silberschmuck, Seidenhandschuhe und teilweise auch lange Perücken. Es waren sicher nicht ihre echten Haare. Wie sie selbst eine in Schwarz trug, so überwiegte bei den Damen auch diese Farbe, nur wenige hatten graue oder weiße auf dem Kopf.

Das zweite Drittel, erotisch und sinnlich, bevorzugte Seidenwäsche, Korsagen, halterlose Strümpfe, Strapse, Fuß- und Strumpfbänder und Umhänge aus schwarzem oder silbernem Chiffon.

Das letzte Drittel nutzte die Gelegenheit sich vulgär und frivol zu kleiden. An Material überwiegten hauptsächlich Lack, Gummi und Leder. Die Damen, die sich zu dieser Verkleidung entschieden hatten, trugen kniehohe Leder- oder Lackstiefel, Hotpants oder Slips aus dem gleichen Material und Bustiers, bei denen der Busen teilweise nur halbverdeckt war, die Brustwarzen oben herausschienen, teilweise nackt oder nur mit einem schwarzen runden Pflaster beklebt waren. Am Hals hatte die eine oder andere der Damen ein Lederband mit glänzenden Edelstahldornen, die im Kerzenlicht gefährlich funkelten.

Wie ein Hundeband, dachte Melanie, es fehlte nur noch die Leine, dann könnte man diese Frauen wie einen Vierbeiner Gassi führen. Aber vielleicht war das ja auch so gewollt. Gab es denn nicht auch die Hunderolle bei den Sado-Maso Spielen, in der typische Elemente der Hundehaltung und -erziehung nachgeahmt wurden, fragte sie sich. Ein Part schlüpft in die Rolle eines Tieres, der andere ist der Halter, Besitzer oder Erzieher des Tieres. Nur was hatte diese seltsame Sexualpraktik mit einer Hotblood Messe zu tun, die eher einem Tanz der Vampire nachgestellt sein sollte, als dem Sado-Maso Genre.

Melanie würde es schon sehr interessant finden, zu erfahren, was Menschen daran lag, sich mit sexuellem Hintergrund wie ein Tier behandeln zu lassen? Oder wo lag der sexuelle Reiz darin einen anderen Menschen wie ein Tier zu behandeln? Diese Frauen mussten aber ihr Aussehen genießen, denn sie waren provokant und machten den Männern anzügliche Gesten, die sie aufmerksam beobachteten.

Melanie war so in Gedanken beim Betrachten der unterschiedlichen Gäste, dass sie erschrocken zusammen zuckte als plötzlich eine unsichtbare Glocke die Mitternachtsstunde mit zwölf Schlägen ankündigte. Sie stellte ihr Glas Champagner ab und gesellte sich unter die Wartenden um besser sehen zu können. Erstaunlicherweise waren viele der Frauen und Männer von sportlicher Statur. Es gab keine dicken Männer um sie herum und die Frauen hatten meistens eine weibliche Figur, mit schlanker Taille und großem Busen. Und egal, welche Kostümierung die Gäste auch gewählt hatte, alle sahen sauber und gepflegt aus, ganz besonders die Damen in Lack, Gummi und Leder.

Nach dem zwölften Glockenschlag, sprühten neben dem Altar zwei Feuerwerksvulkane silberne Lichteffekte in den Himmel. Zwei Personen in weißen Umhängen erschienen aus dem Nebel und schritten majestätisch auf den Altar zu. Der Altar musste aus Pappmache oder Gips sein, dachte Melanie, denn wie hätte man ihn denn sonst hierher bringen können. Aus Stein? Da hätten sie einen Kranwagen benutzen müssen. Und das wäre aufgefallen. Es war ihr sowieso nicht ganz klar, warum diesen Aufwand mitten im Freisinger Forst niemand Fremdes mitbekommen hatte. Anscheinend hatten die Securities das Gelände wirklich gut abgeschirmt. Und außerdem war es Nacht, wer sollte sich um diese Zeit mitten im Wald herumtreiben? Außer uns?

  Die beiden Personen, die mit ihren Umhängen wie keltische Priester aussahen, murmelten unverständliche Worte, in einer Sprache, die sie noch nie gehört hatte und trotzdem antworteten die Anwesenden immer wieder wie auf Kommando im selben Tonfall. Melanie schloss sich dem Genuschel an, tat wenigstens so, damit sie nicht auffiel. Bei einem der nächsten Sätze verstand sie die Sprache, es war Latein, das die beiden Priester langsam und betont sprachen. Es klang fast wie ein Glaubensbekenntnis, das die Gemeinde im Dialog wiederholte. Latein auf einer schwarzen Messe. Ungewöhnlich. Schade, dachte sie, dass sie kein Wort verstand, aber ihre erste Fremdsprache an der Schule in Gera war Russisch gewesen, die Sprache des revolutionären Bruderstaates, und erst die Zweite war Englisch, die Sprache des Klassenfeindes USA. Der Latein-Unterricht besaß im Bildungswesen der DDR leider niemals jene Bedeutung, die ihm in der Bundesrepublik zugemessen wurde.

Den Schluss des Sprechgesangs bildete ein für Melanie unbekanntes Wort. Es lautete »Shemhamphorasch« und wurde von der Gruppe leise murmelnd immer wiederholt. Dann drehten sich die beiden Priester um und Melanie konnte die beiden im Kerzenlicht besser erkennen: Dem Körper nach, waren es ein Mann und eine Frau. Sie hatten beide Silber farbige Masken über ihrem Gesicht. Nur die Mundpartie war frei gelassen. Ihre Masken glänzten im Kerzenlicht.

Der Mann hielt auf einmal eine silberne Schale wie einen Pokal vor sich, die Frau ein silbernes Tablett, auf der Backoblaten lagen, Hostien wie im christlichen Abendmahl in der Kirche. Der Priester hob den Kelch an seinen Mund und trank einen Schluck daraus. Die Gemeinde fing jetzt an sich im Rhythmus hin- und herzubewegen. Während der Priester den Kelch auf dem Altar abstellte, verteilte die Priesterin die Hostien unter den Anwesenden. Immer wieder murmelten die Leute das für Melanie unbekannte Wort »Shemhamphorasch«.

Mittlerweile hatte auch sie die vier Silben im Kopf und ließ ihren Oberkörper kreisen. Als plötzlich die Priesterin vor ihr stand und ihr das Tablett mit den Opfergaben entgegen hielt, zuckte sie sichtlich zusammen. Eine junge Frau stand ihr gegenüber in einem weißen Umhang, ähnlich dem ihren. Obwohl die Maske den oberen Teil des Gesichtes verdeckte, konnte Melanie die Augen der Frau erkennen. Dunkle Augen funkelten sie unter der Maske an. Der Mund der Frau hatte volle sinnliche Lippen, die mit schwarzem Lippenstift gefärbt waren. Unter dem Umhang konnte Melanie eine makellose Figur erkennen, der Körper der Frau war nur in einen schwarzen BH, einen knappen Slip und Stiefel, die bis weit über die Knie reichten, verhüllt. Ihre Haare waren lang und schwarz. Eine Perücke. Als die Frau auf sie zu kam und sich immer wieder zu den einzelnen Gästen umdrehte, um die Hostien zu verteilen, wehte der Umhang lose am Rücken und gab eine Stelle Haut frei, die Melanie bisher nur aus einer Bleistiftzeichnung des Polizeizeichners her kannte. Und auf der war sie unverhüllt. Sie erspähte das kleine Tattoo. Eine schwarze Lilie.

Melanie identifizierte die Frau. Die schwarzhaarige attraktive Frau, die nun halbnackt mit einer Maske über dem Gesicht vor ihr stand und darauf wartete, dass Melanie eine Hostie nahm, war die Frau mit der schwarzen Lilie auf dem Rücken, die Black Widow, wie sie Sabrina genannt hatte, die schwarze Witwe.

Melanie lief es eiskalt den Rücken herunter. So nah war der Verdächtigen noch keiner gekommen. In der Therme war sie ihren beiden Kollegen Kreithmeier und Zeidler durch einen kühnen Sprung entkommen. Die Frau sagte kein Wort und hielt die Silberplatte Melanie noch ein Stück weiter entgegen, quasi eine nonverbale Aufforderung endlich ein Stück davon zu nehmen. Melanie langte zu und legte sich eines der kleinen runden Dinger auf die Hand. Die Frau nickte zufrieden und wandte sich an den nächsten Jünger.

Vorsichtig verstaute Melanie die Hostie in einer Tasche ihres Umhangs. Sie wollte das trockene Ding auf keinen Fall herunterschlucken. Sollte sich Dieter Burger darum kümmern. Sollten vermeintliche Drogen darin enthalten sein, wäre es sicher besser, auf den Genuss zu verzichten. Melanie wollte einen klaren Kopf behalten und nicht die Kontrolle verlieren.

Nachdem jeder eine dieser Opfergabe bekommen hatte, betete der erste Priester etwas Ähnliches wie das Glaubensbekenntnis, ebenfalls auf Latein, wahrscheinlich nur mit einem anderen Text, doch dem Rhythmus und dem Wortlaut dem christlichen sehr ähnlich. Dann entließ er seine Jünger und das Volk verteilte sich auf dem Platz. Die Aufmerksamkeit galt von nun ab nicht mehr der Zeremonie der Messe sondern dem anderen Geschlecht. Es bildeten sich jetzt Grüppchen und Pärchen, um sich in einer Nacht der grenzenlosen Leidenschaft zu ergehen.

Über im Wald versteckte Boxen erklang Musik. Sie hatten also auch ein Notstromaggregat und eine Musikanlage, registrierte Melanie. Der erste Song, der aus unsichtbaren Lautsprechern über die Lichtung vor der kleinen Kapelle durch den Forst hallte, war ein Stück von Michael Jackson: Thriller. Alle Gäste stellten sich wie auf Kommando in Reih und Glied nebeneinander auf, sangen und bewegten sich zum Rhythmus des Liedes.

 

 

 

It's close to midnight and something evil's lurking in the dark

Under the moonlight, you see a sight that almost stops your heart

You try to scream but terror takes the sound before you make it

You start to freeze as horror looks you right between the eyes

You're paralyzed

 

'Cause this is thriller, thriller night

And no one's gonna save you from the beast about to strike

You know it's thriller, thriller night

You're fighting for your life inside a killer,

 thriller tonight[1]

 

Der Song wurde vor allem durch das Video bekannt, in dem Michael Jackson sich vor einer Gruppe von Zombies auf einem Friedhof selbst in einen Untoten verwandelt. Dann tanzen sie alle zusammen zu den Beatklängen des berühmten Songs. Jackson bewegt sich abstrakt und abgehackt, die Gruppe der Untoten macht ihm alles nach.

So sah es jetzt auch aus. Die beiden Priester tanzten vor und die Gäste folgten ihren Bewegungen. Melanie war überrascht wie gekonnt das alles aussah, als ob ein Choreograf die Tanzschritte mit ihnen einstudiert hatte. Melanie war begeistert. Sie erkannte auch die nächsten Songs, unter anderem Stücke aus der Rocky Horror Picture Show, dem Musical Tanz der Vampire, Songs der Gruppe Blutengel und zu allerletzt elektronische Technomusik mit tiefem regelmäßigen Bassdrum und eintönigen Melodien. Dazu brennende Fackeln und Feuer speiende Vulkane.

 Wer jetzt noch keinen Partner zum Schmusen, Knutschen oder Begrabschen hatte, der ließ seinen Körper im Sound der Musik im Dämmerlicht einiger Dutzend Fackeln wiegen, die plötzlich wie von Geisterhand entzündet den Vorplatz der Kirche gespenstisch erhellten. Wenn es nicht um den Auftrag ginge, eine potentielle Mörderin zu fassen, könnte ihr diese Party richtig Spaß machen. Selten hatte sie eine solche erotisch knisternde Stimmung auf einer Fete erleben können.

Melanie verließ die Tanzfläche und schlich zurück ins Verpflegungszelt. Sie genehmigte sich ein weiteres Glas des perlenden Getränks. Sie sollte vielleicht aufpassen, dachte sie, als sie den ersten Schluck nahm. Auch der Alkohol konnte ihr die Sinne rauben. Nur nicht so schnell wie chemische Drogencocktails. Im Trinken war sie schon immer standhaft gewesen. Das Blubberwasser war lecker und stilles Wasser passte irgendwie nicht und Blut war noch nicht im Angebot.

Wie sie da stand, das Glas in der Linken, die Peitsche lässig in der Rechten an ihrer Seiten baumelnd, trat ein Mann aus dem Dunkel auf sie zu und sagte: »Bloodrayne, die Vampirkönigin, die Fürstin der Untoten, ein sehr ausgefallener Name.«

»Die Tochter von Vampirkönig Kagan. In meinen Adern fließt Menschen- und Vampirblut. Ich bin eine Daywalkerin, eine Tageswandlerin«, sagte Melanie brav ihr auswendig gelerntes Sätzchen.

»Ich weiß, ich kenne die Geschichte der rumänischen Prinzessin aus dem 18. Jahrhundert. Nur Bloodrayne ist halb Mensch, halb Vampir und somit ein Dampir, ohne die Resistenz gegenüber Sonnenlicht. Aber dafür ist normales Wasser für Sie tödlich. Deswegen trinken sie Champagner. Und sie ist keine Daywalkerin, wie Sie behaupten, Sie sehen also, ich kenne mich aus. Darf ich mich vorstellen: Joseph Curven, eine Romanfigur von H.P. Lovecraft.«

»Nie davon gehört«, antwortete Melanie mit tiefer rauchiger Stimme.

»Sein finsterer Ruf resultierte aus seinem seltsamen Verhalten, sich nachts auf den Friedhöfen der Stadt herumzutreiben und der Alchemie auf einem weit von der Stadt abgelegen Farmhaus nachzugehen. Schreie und dämonische Beschwörungen auf seinem abgelegen Anwesen, sowie seine Eigenschaft, selbst nach Jahrzehnten nicht gealtert zu sein, ließen diesen Curven nach und nach den Ruf eines dunklen Hexenmeisters, der von seinen Mitmenschen gemieden wird, erlangen.«

»Spannend. Und deswegen der etwas aus der Mode gekommene Anzug, die Schnürstiefel und der alte Hut.«

»Sie beobachten sehr gut. Ich aber auch. Und ich bin mir sicher, dass ich Sie auf einer dieser Messen noch nie gesehen habe. Ist das richtig?«

»Das muss ich Sie leider enttäuschen. Ich war schon öfter und zwar immer in Begleitung«, log sie.

»Mit einer These haben Sie jedoch Recht, ich bin heute das erste Mal allein hier. Das habe ich mir gegönnt. Allein.«

»Und in welcher Rolle?«, wurde sie gefragt.

»In der Rolle einer Männer verachtenden Königin der Nacht, die es einmal richtig auskosten will, die Männer als Sklaven in den Dreck zu zerren und sicher nicht um von einem antiquierten Romanhelden angebaggert zu werden.«

Melanie drückte dem völlig verdutzt da stehenden Joseph Curven ihr leeres Glas in die Hand, verschwand mit wehendem Umhang aus dem Zelt und mischte sich unter die Tanzenden. Der antike Hexenmeister schaute fassungslos hinterher.

Sie war über sich selbst erstaunt, wie sie fast halbnackt dem Mann eine Abfuhr gegeben hatte. Das Kostüm, die Perücke und ihre Anonymität schützten sie, obwohl dieser Mann verdammt nahe an sie herangekommen war und sie sicher mit weiteren Fragen gequält hätte. Leicht hätte sie sich in Widersprüche verstricken können. Ihr Geheimnis, unter dem Namen von Sabrina hier aufzutauchen, hätte leicht gelüftet werden können. So war es sicher besser, erst einmal unterzutauchen. Sie schob ihren Körper auf die Tanzfläche.

Überall neben ihr regten sich die Tänzer und Tänzerinnen in akrobatischen Turnübungen, die eher einem Geschlechtsverkehr auf der Bühne ähnelten, als einem hippigen Trance-Dance. Die Männer hatten die Arme um die Frauen geschlungen, die ihre Brüste, ihren Po, oder aber auch ihren Schoss am jeweiligen Tanzpartner rieben. Wie sie sehen konnte, waren einige Frauenhände in den weiten Hosen der Männer verschwunden oder Männerhände fummelten unter der Korsage einiger Frauen. Das Kerzenlicht, die schwüle Nacht und der eintönig hämmernde Sound verwandelten die Tänzer in ein williges erotisch ausgehungertes Publikum. Das sah den Tanz als reine Notwendigkeit, um sich dem anderen Geschlecht bis auf wenige Zentimeter zu nähern, und um im Anschluss von dort aus direkt zum Vorspiel im Wald, auf einer der Holzbänke, die für die wenigen christlichen Gottesdienste vor die Kirche aufgebaut worden waren oder aber auf der Friedhofsmauer hinüber zu wechseln.

Es dauerte nicht lange, und die ersten Paare küssten, saugten, kratzen und verkeilten sich in allen möglichen Stellungen ineinander ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass man ja nicht allein war, und theoretisch alles, was man jetzt hier anstellte, von den anderen gesehen werden konnte. Da Melanie sich ohne männliche Begleitung auf der Tanzfläche bewegte und jedem Blick der Männerwelt gekonnt auswich, Männern, die sie schon nackt auf den Boden gezerrt unter sich vorstellten, hatte sie die Möglichkeit, den einzelnen Paare etwas genauer zuzuschauen. Sie hatte noch nie an einer Swingerparty teilgenommen, zwar immer davon gehört, und der eine oder andere ihrer flüchtigen Bekanntschaften hätte sie gerne schon einmal dazu mitgenommen, doch eher um selbst auf seine Kosten zu kommen, als sich dort um sie zu kümmern. Und so hatte sie immer dankend aber bestimmend abgelehnt. Nun stand sie mitten drin und wusste gar nicht wohin sie zuerst hinschauen sollte.

Ihr erster Eindruck, dass es sich hauptsächlich um schöne und anschauliche Menschen handelte, bestätigte sich. Die Frauen sahen aus wie Göttinnen, egal, was sie anhatten und die Männer waren sportlich und trainiert. Auch wenn die ersten Paare jetzt zur Sache kamen und es miteinander trieben, das Ganze hatte nichts Unanständiges an sich. Über der Waldlichtung lag eine prickelnde erotische Stimmung, wie sie sie vorher noch nie erlebt hatte. Die sich hier Liebenden und Vergnügenden waren nicht ganz nackt, sie hatten immer noch ein paar Kleidungsstücke an, trotzdem konnte sie sehen, wie einige Frauen ihren Sexpartner genüsslich mit dem Mund befriedigten, und einige Männer ihren Kopf zwischen den gespreizten Beinen ihrer Liebesgöttin hatten. Es war wirklich egal, ob jemand direkt daneben stand, denn jeder war so auf sich und seinen Partner fixiert, dass er nicht mitbekam, was das Pärchen nebenan so trieb.

Eine Frau befriedigte mit der Zunge gleich zwei Männer. Sie standen mit heruntergelassenen Hosen da, während sie vor ihnen kniete und es einmal rechts und einmal links mit Zunge und Mund dem jeweiligen Mann besorgte.

Stöhnen oder ekstatische Schreie gingen in der Musik unter. Wenn Melanie nicht gewusst hätte, um was es ich bei dieser Seance handelte, es hätten auch die Aufnahmen zu einem neuen Musikvideo einer bekannten Rappergruppe sein können. Hübsche Frauen, muskulöse Männer, und alle wogen sich sinnlich im Rhythmus der Basedrums. Wenn sie nicht beruflich hier wäre, könnte sie direkt gefallen an dieser Veranstaltung finden, obwohl diese Priesterprozession zu Beginn ihr nicht ganz geheuer gewesen war. Lateinische Worte, dann dieses merkwürdige Wort Shemhamphorasch und das alles vor diesem im Wald allein stehenden christlichen Gotteshaus.

Die Wahl des Platzes war merkwürdig. Und gläubige Satansjünger waren diese Menschen hier ihrer Meinung nach definitiv nicht. Es war eher wie ein Modegag, ein Trend, dem man nachhakte, so lange er noch jung war, ihm ganz einfach ohne Sinn und Verstand nacheiferte. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Neugier und Interesse. Wenn er abebbte, dann schied man eben aus, dann gab es wieder etwas Anderes. Vielleicht eine römische Togaparty, eine Sexorgie mit Sklaven, Vestalinnen und Gladiatorenkämpfen. Oder eine Indianerparty. Junge Squaws würden von den roten Kriegern entführt, gefesselt und entjungfert. Der Fantasie waren da sicher keine Grenzen gesetzt.

Melanie wogte federnd über die Tanzfläche, sie wollte nach der Priesterin Ausschau halten, die ihr die Hostie überreicht hatte, und die in direktem Verdacht war, den Schriftsteller Markus Backhaus in der Sauna ermordet zu haben. Warum hatte man sich ihm erledigt? Und wo war diese Frau?

Sicher, die Location und der Anlass für so eine Sexorgie könnte eine Veröffentlichung wert sein, vor allem bei der Prominenz, die sich hier frisch, fröhlich und frei durch den Wald vögelte. Aber deswegen brachte man niemanden um. Außerdem wollte sie die Anwesenden näher betrachten, natürlich ohne Aufzufallen. Dieter Burger hätte ihr eine kleine Kamera auf den Busen setzen sollen. Das wäre sicher spannend, die illustre Gesellschaft abzulichten und die Bilder später durch den LKA Computer rattern zu lassen. Doch Burger hatte abgelehnt. Einmal wegen der Lichtverhältnisse und einmal wegen der Gefahr einer möglichen Entlarvung ihrer Person. Zwei Menschen tot, einer verschwunden, vielleicht mit Gewalt entführt, das sollte reichen.

An der Friedhofsmauer entdeckte sie die Priesterin, die Black Widow. Sie hatte ihre Maske abgenommen. Die Frau saß breitbeinig auf den Steinen, während ein gut gewachsener Musketier sie mit kräftigen Stößen zum Höhepunkt bringen wollte. Sie stützte sich mit einer Hand ab, mit der anderen hatte sie sich in die Perücke des Mannes gekrallt. Sie drehte sich und schaute plötzlich in Melanies Richtung. Ihre Blicke trafen sich. Melanie kannte diese Augen. Sie war wie gelähmt, doch sie konnte nicht wegsehen. Das Gesicht der Frau war wunderschön. Und sie starrte sie an, während der Mann mit immer heftigeren Stößen in sie eindrang. Es war keine Scheu oder Verlegenheit in ihrem Ausdruck. Es war fast so, als ob diese Frau darauf wartete, ihren Höhepunkt zu bekommen, und dabei tief in Melanies Augen schauen zu dürfen, rein aus Neugier, um zu sehen, ob es sie erregte und wie sie darauf reagierte.

Gebannt sah Melanie zu, wie der Mann immer schneller wurde. Mit einem kräftigen letzten Stoß kam er und zeitgleich bäumte sich die junge Frau auf, ließ sich kurz nach hinten fallen, um sich sofort wieder mit der Hand am Kopf des Mannes nach vorne zu ziehen. Immer den Blick direkt auf Melanie gerichtet, näherten sich ihre Lippen seinem Hals, sie öffnete langsam ihren Mund und zwei lange Eckzähne blitzten im Kerzenlicht kurz auf, bevor sie sie in den Hals den Mannes bohrte, direkt am Sitz der Halsschlagader. Es war wie in einem billigen Vampirfilm. Der Sexpartner wurde von der Untoten direkt nach dem Beischlaf gebissen und würde sich nun selbst in ein blutsaugendes Monster der Nacht verwandeln. Ihre Augen fixierten Melanie, ihre Zähne schienen im Hals des Opfers zu sein und ihr Mund saugte. Der Mann musste es genießen, denn er stöhnte noch immer und hatte seinen Schwanz noch unweigerlich im Schoss der Frau.

Black Widow ließ den Mann nun aus ihrer Umklammerung. Er trat einen Schritt zurück, zog seine Hose hoch und griff sich an den Hals. Außer einem Knutschfleck war nichts zu erkennen. Kein Blut, keine Bissmahle, keine Verletzung. Er küsste die Frau auf den Mund, dann schritt er etwas taumelig an Melanie vorbei Richtung Champagnerzelt. Er ließ die Frau auf der Mauer zurück, warf Melanie einen Kuss zu und verschwand im Zelt.

Melanie stand immer noch wie versteinert da. Dieser Akt hatte sie fasziniert. Sie hatte noch nie real zugesehen, wie es zwei miteinander getan haben. Es war anders als auf den billigen Pornofilmchen, die nach Mitternacht über die Mattscheibe flimmerten. Es war nicht geschauspielert mit zusätzlichem Gestöhne aus dem Synchronisationsstudio. Es war Wirklichkeit. Und sie hatte daneben gestanden und zugesehen. Obwohl sie eigentlich gar nichts gesehen hatte. Kein erigiertes Glied, keine Scham, keinen nackten Busen, nur die rhythmische Bewegung des Mannes im Takt der Musik. Es hätte auch ein Tanz gewesen sein können. Doch es war Sex. Purer Sex.

Die Augen der Frau hatten ihr das verraten. Und sie selbst hatte solange gebannt zugeschaut, sich mit aller Gewalt nicht abwenden können, bis die Frau vor ihr zum Orgasmus gekommen war. Und der war nicht gespielt, das spürte sie. Eine Frau würde das sofort merken, ein Mann eher nicht. Sie stand immer noch wie angewurzelt da, musste an ihren Traum denken, wie sie vor allen Anwesenden auf so einer Messe auf dem Altar genommen wurde.

Gott sei Dank war ihr Kollege Burger nicht da. Wie hätte das denn ausgesehen, wenn sie bei einem Undercover-Einsatz im Swinger-Milieu auch noch Spaß daran gefunden hätte von wildfremden Männern flach gelegt zu werden. Sie schmunzelte und fasste sich im Unterbewusstsein an ihren Schoss. Das Gesehene war nicht ohne Spuren zu hinterlassen an ihr vorbeigegangen. Es war besser, sich wieder zu sammeln, noch ein Glas Sekt zu trinken und nach der unbekannten Anita und ihrem Mann Ausschau zu halten. Obwohl das sicher schwer sein würde, sie konnte nicht jedem Pärchen so auf die Pelle rücken und die vielen Perücken und Masken würden die Suche nicht gerade vereinfachen.

»Hat es dir gefallen?«, riss eine weibliche Stimme Melanie plötzlich aus den Gedanken. Die angesprochene machte große Augen und blickte sprachlos auf die junge Frau, die jetzt vor ihr stand und sie liebevoll anlächelte.

»Ich habe dich beobachtet. Es hat dir gefallen, das habe ich gesehen. Bist du jetzt ganz feucht?«

Eine Hand hatte sich auf ihre Scham gelegt und ein Finger drückte sanft auf ihren Kitzler. Normalerweise wäre Melanie sofort einen Meter zurück gesprungen, doch sie konnte nicht. Sie stand wie gelähmt und ließ es mit sich geschehen.

Die Hand zog sich wieder zurück.

»Du bist heute hier als Domina erschienen. Hast du schon einen Sklaven gefunden? Einen Mann? Oder lieber eine Frau? Mit was spielst du am Liebsten?« Melanie antwortete nicht.

Black Widow fuhr mit ihrer Hand an Melanies rechtem Arm herunter. Melanies Härchen stellten sich bei der Berührung auf. Dann streichelte die Frau über den Handrücken und hob Melanies Arm am Gelenk nach oben. Schlaff hing die Lederpeitsche herunter. Black Widow fasste die Lederschnur zwischen Daumen und Zeigefinger und ließ den Riemen prüfend hindurch gleiten.

»Eine wunderschöne Peitsche. Und hast du schon?«, wiederholte sie ihre Frage. »Hast du schon einen Sklaven oder eine Sklavin gefunden?«

Melanie stand immer noch wie versteinert da. Sie war auf jede Anmache eines Mannes von Sabrina vorbereitet worden, und nun dies. Auf die sexuelle Belästigung einer Frau, darauf hatte sich nichts entgegen zu setzen.

»Du hast noch nicht, das weiß ich« beantworte die Frau die an Melanie gestellte Frage selbst.  »Sonst hättest du mir nicht so fasziniert zugesehen. Komm! Folge mir!«

Die Frau packte das Ende der Peitsche und tänzelte voraus, Melanie hinter sich an der Peitsche herziehend. Sie zog sie ins Zelt. Den Mann, der gerade noch mit seinem Penis in ihr drin gesteckt hatte, schubste sie herrisch zur Seite, füllte zwei Glaser und überreichte eines davon Melanie. Ihr Mund näherte sich verführerisch Melanies Ohr und sie flüsterte: »Auf dein und mein Kommen. Schön, dass ich gerade gekommen bin, und du hierher gekommen bist. Und es soll nicht dein letztes Kommen sein. Glaube mir.«

Dabei öffnete sie leicht ihren Mund und biss Melanie sanft in den Hals. Die Vampirzähne waren aus einem weichen Material, Latex oder Gummi, sie gaben nach, kein Eindringen der scharfen Beißer in ihrer Halsschlagader, trotzdem verspürte Melanie eine ungeahnte Lust. Während die Frau an ihrem Hals knabberte, fühlte sie ihre Hand erneut in ihrem Schoß. Ihr Geist sagte, gehe zurück, löse dich von dieser Frau, das ist nicht richtig, was du hier tust, doch ihr Fleisch hörte nicht auf sie, es war willig und streckte sich genüsslich den ungewohnten Streicheleinheit entgegen.

Black Widow löste ihren Mund von Melanies Hals, ihre Hand arbeitete weiter. Sie sah Melanie direkt in die Augen. Melanie fasste mit ihrer Hand über die der Frau und drückte sie noch mehr auf ihre Vagina. Immer schneller wurden die Bewegungen. Leise und nur mit einem fast nicht hörbaren Röcheln kam Melanie in der Hand der jungen Frau mit der schwarzen Lilie auf dem Rücken. Beide hatten sie dieses Spiel genossen. Sie blickten sich tief in die Augen, prosteten sich zu, während Melanie noch innerlich nachbebte. Sie hätte am Liebsten ihre Geilheit in den Wald hinausgeschrien. Da sie aber wusste, dass sie verkabelt war, obwohl ihr das in ihrer höchsten Erregtheit völlig egal gewesen wäre, hatte sie ihre Atmung und ihre Geräusche versucht unter Kontrolle zu halten. Dieter Burger und sein Team sollten an Hand der Tonaufnahmen nicht darauf schließen können, was sie so alles im Wald anstellte.

»Du bist nicht besonders gesprächig«, bemerkte Black Widow. »Und du bist neu hier, ich habe dich hier noch nie gesehen.«

 Melanie schwieg noch immer. Was sollte sie auch sagen, dass sie die Freundin des toten Schriftstellers sei, den du in der Therme ermordet haben sollst? Vielleicht auch noch am Tod des jungen Wildgrubers mitverantwortlich? Oder soll ich sagen, dass ich von der Mordkommission bin und wie James Bond alles für mein Vaterland tue. Selbst Sex mit den bösen Buben und Mädchen der Gegenseite? Soll ich das alles sagen? Da schweige ich lieber.

Die schwarze Witwe peilte Melanie genau an. Sie fixierte jede ihrer Bewegungen, sie wurde nicht schlau aus dieser Frau, und das machte sie besonders scharf. Obwohl sie es immer wieder auch mit Männern trieb, ihre animalische Kraft in sich spüren wollte, der Sex mit einer Frau war etwas anderes. Hier musste sich keiner beweisen, keiner seinem Ego zeigen, was ein toller Hecht er war. Der Sex war sanfter, gefühlvoller und geiler. Das Wichtigste für sie war, dass Liebe und Sex unter Frauen mehr war als mit Mann und Frau. Jeder Sex zwischen Frauen brachte einen Höhepunkt. Männer erlebten meist ihren Höhepunkt und die Frau konnte sehen wo sie bleibt. Frauen küssten sich, leckten sich, bissen sich, fingerten sich gegenseitig, das war der intensivste Sex den eine Frau haben konnte. Nicht immer nur rein und raus. Während sie darüber sinnierte, versuchte sie aus ihrem Gegenüber schlau zu werden. Diese Kostümierung als Domina passte nicht zu dieser Frau. Sie war einfühlsam, konnte Genuss von Konsum unterscheiden und hatte sich trotzdem gerade eben fast unter Kontrolle. Niemand der Anwesenden hatte bemerkt was zwischen ihnen beiden passiert war. Jeder war zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Melanie sah die Frau an, sie war zehn Jahre jünger als sie, eine knackige Figur und wie die meisten der Frauen, eine Perücke auf dem Kopf: schwarz mit langen Locken bis auf die Hüfte. Ihre dunklen Augen sahen freundlich auf sie, mit einem kleinen Touch sexueller Begierde. Wie sie mich hochgebracht hatte, mit wenigen Zärtlichkeiten zum Orgasmus gestreichelt hatte. Eine Frau, die ganz genau wusste, was und wie Frau es mag. Konnte so ein zärtliches Wesen zu einem kaltblütigen Mord fähig sein? Berechnend und eiskalt? Ohne Hemmungen und Moral? Schwer sich das vorzustellen.

»Wie ist dein Name?«, fragte Melanie.

»Es spricht? Ein Wunder«, stichelte sie. »Mein Name?«, sie überlegte, dann antwortete sie.

»Black Widow, die schwarze Witwe.«

Sabrina hatte Recht gehabt. Die Namen waren korrekt.

»Und du?«

»Bloodrayne«, sagte Melanie.

»Die Vampirprinzessin. Halb Mensch, halb Vampir.«

Melanie sah ihr direkt in die dunklen Augen. »Schwarze Witwe? Hast du deinen Mann umgebracht?«

»Nein. Ich war nie verheiratet. Den Namen habe ich von jemandem bekommen, das ist aber eine lange Geschichte und passt nicht hierher. Lass uns lieber noch ein bisschen Spaß haben. Zusammen? Oder möchtest du lieber, dass ich dir einen Sklaven organisiere, der es dir mal richtig besorgt. Ich kenne da so einige.«

»Nein, nach der Nummer hier, brauche ich keinen Mann mehr.«

»Kann ich verstehen«, sagte sie leise. »Gut, dann lass uns gehen. Komm, ich weiß wo wir ungestört sein können.«

Melanie folgte der Frau. Auf was hatte sie sich da eingelassen? Sie flüsterte ohne dass die schwarze Witwe es hören konnte, in ihr Mikrofon am Dekolleté. »Ich folge der Verdächtigen. Bleibt bitte an mir dran.«

Die junge Frau führte sie durch ein Gittertürchen auf den Friedhof vor der Kapelle. Rechts und links vom Wege lagen Pärchen im Gras in eindeutigen Stellungen. Die Party war im vollen Gange und jeder versuchte auf seine Kosten zu kommen. 

Melanie folgte ohne Fragen zu stellen der Frau in dem weißen Umhang, vorbei an schmiedeeisernen Kreuzen der Verstorbenen des alten Weilers. Auf der anderen Seite war eine zweite Tür, durch die schlüpften sie und stiegen ein paar Stufen den Hang hinunter bis zu einem Weg, den sie talwärts einschlugen. An einer Kreuzung blieb die Schwarze Witwe stehen und deutete auf eine Holzbank, die seitlich von ihnen am Wegrand stand.

»Das ist mein Platz. Ich liebe ihn. Meine Denkerbank.«

Sie setzten sich.

»Musst du denn denken?«, fragte Melanie.

»Ja, das muss ich?«

»Und über was?«

»Über dich«, antwortete sie.

»Über mich? Was gibt es denn da Großartiges zu denken?«

»Sehr viel.«

»Und was genau?«

»Wer du bist, was du hier machst und vor allem, was du hier willst. Was versprichst du dir davon, wenn du auf eine solche Party gehst?«

»Das sind viele Fragen auf einmal«, sagte Melanie.

»Stimmt.« Die Frau umarmte Melanie und gab ihr zögerlich einen Kuss auf den Mund.

Melanie war noch nie von einer Frau geküsst worden, nur von Männern und die wussten nicht immer ganz genau, was sie mit ihrer Zunge machen sollten, ob in ihrem Mund oder an anderen wichtigen Körperteilen. Es kam ihr immer so vor, dass es gemacht werden musste, weil der Mann meinte, die Frau will es so. Kräftig in ihrem Mund umhersuchende Zungen waren nicht besonders erotisch und teilweise musste sie aufpassen, dass es sie nicht würgte. An andere erogene Zonen wollte sie gar nicht denken. Doch der Kuss von dieser Frau, zaghaft, nicht fordernd, doch liebevoll, feucht und sanft, das war etwas anderes. Vorsichtig erwiderte sie den Kuss. Vorsichtig, um nichts zu zerstören, nicht das brennende Gefühl nach mehr zu verscheuchen. Als sie sich behutsam voneinander lösten und nach Luft schnappten, blickten sie sich in die Augen, sagten nichts und streichelten sich gegenseitig mit den Fingerspitzen die Wangen.

»Du kannst toll küssen?«, unterbrach Black Widow die Stille.

»Danke. Du aber auch. Wie heißt du?«

»Das weißt du doch, Black Widow.«

»Nein, das meine ich nicht, deinen richtigen Namen«, hakte Melanie behutsam nach.

Black Widow löste sich etwas von ihr. »Das ist gegen unsere Regeln, das darf ich nicht.«

»Black Widow ist für mich kein schöner Name. Du kannst ihn im Forum und auf diesen Treffen benützen. Ich will wissen wie du heißt. Nur deinen Vornamen, mehr nicht. Und ich behalte es für mich. Versprochen.«

Die Frau stand auf und machte ein paar Schritte aus dem Schatten heraus ins Mondlicht. Sie stand da und dachte nach. Zwei Arme schlängelten sich von hinten um sie. Melanie war ihr gefolgt und umarmte sie.

»Dein Namen, Prinzessin der Nacht, deinen Namen?«, fragte sie zärtlich.

Die Frau drehte sich um küsste Melanie noch leidenschaftlicher und berührte dabei sanft ihren Busen.

Sie löste sich aus der Umklammerung, sah Melanie ins Gesicht und sagte: »Alexandra heiße ich, Alexandra.«

»Alexandra«, wiederholte Melanie. »Ein sehr schöner Name, und ich bin der Meinung, der Name passt auch zu dir. Alexandra, die Schützende, die Männer abwehrende, die, die im Kampf die Männer abwehrt, die Wehrhafte, die Kämpferin.«

»Das hast du sehr schön gesagt. Woher weißt du das alles?«, fragte die Angesprochene.

»Internet«, sagte Melanie kurz.

»Und dein Namen?«

»Melanie.«

»Gibt es auch hier eine Erklärung?«

»Ja. Die Dunkle, die Dunkelhaarige, die in Schwarz Gekleidete. In der griechischen Mythologie ist Melania der Beiname der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter.«

»Fruchtbarkeitsgöttin?« Alexandra lächelte. »Das passt zu dir.«

Sie küsste Melanie erneut. Die beiden Frauen setzten sich wieder auf die Bank.

»Ich habe noch nie so eine Frau wie dich getroffen«, sagte Alexandra und streichelte Melanie den Arm.

»Ich auch nicht. Und ich habe außerdem noch nie eine Frau geküsst.«

»Ich weiß, das habe ich sofort gemerkt. Aber du bist nicht lesbisch. Ist es für dich etwas Neues?«

»Ich muss zugeben ja, aber auch etwas für mich Unbegreifliches«, sagte Melanie.

»Positiv oder negativ?«, fragte Alexandra sie.

»Eher positiv.«

»Darf ich dich wiedersehen und dann nicht auf einem dieser Treffen? Privat? Ganz privat?«, fragte Alexandra leise.

»Es entspricht nicht den Statuten von Vampiredates, das weißt du«, antwortete Melanie.

»Ja, das weiß ich. Aber Regeln sind dazu da, gebrochen zu werden. Und das tue ich gerne. Immer wieder.«

»Ich bin viel zu alt für dich«, entgegnete Melanie.

»Niemals. Du bist jung, du bist hübsch, du bist begehrenswert.«

»Und ich bin nicht lesbisch.«

»Ich auch nicht«, fügte Alexandra Melanies Bemerkung hinzu. »Aber ich bin ehrlich. So zärtlich wie eine Frau zu einer Frau sein kann, so zärtlich wird es niemals ein Mann sein können.«

Melanie war verunsichert, es wurde langsam Zeit mit dieser Charade aufzuhören. Die Kommissarin und die Mörderin. Klang eher nach dem Titel eines französischen Films der Films noir von Francois Truffaut. Sie sah Alexandra an. Was sie mit ihr in der letzten Stunde erlebt hatte, durfte sie niemanden erzählen. Und sie wiedertreffen? Wer weiß? Es war besser wieder zurück auf das Fest zu gehen. Ganz allein mit Alexandra hier im Wald? Das war zu gefährlich, vor allem für ihre eigene Gefühlswelt.

»Alexandra, gehen wir zurück, ich brauche etwas zu trinken«, sagte sie und machte Anstalten zurück aufs Fest zu gehen.

»Natürlich, Melanie, natürlich«, sagte Alexandra ganz in Gedanken.

»Gut, wir treffen uns einmal privat. Egal, was heute noch passieren wird, ich werde da sein«, sagte Melanie geheimnisvoll.

»Danke. Morgen um 16 Uhr auf dem Waldfriedhof in Freising, vor der Aussegnungshalle. Geht das klar?«

»Ich werde da sein«, sagte Melanie bestimmend.

Alexandra schaute sie verblüfft an, dann küsste sie die Kommissarin erneut auf den Mund. »Egal, was heute noch passiert, ich werde auch da sein, Melanie. Und jetzt bitte vergiss’ meinen Namen, auf dem Fest bin ich Black Widow. Bitte.«

»Komm du schwarze Witwe, genug herumgeknutscht, trinken wir etwas.«

»Du hast Recht. Es gibt heute doch noch das Opfer.«

»Um drei Uhr früh?«, fragte Melanie. Sie tat erstaunt. Hatte sie sich doch noch rechtzeitig abgemeldet.

»Ja«, sagte Alexandra. »Eine Frau wird vom Oberen Priester auf dem Altar genommen. Der Höhepunkt unserer heißblütigen Messe.«



[1] Es ist fast Mitternacht, und etwas Böses lauert im Dunkeln

Unter dem Mondlicht erblickst du etwas, das fast dein Herz zum Stillstand bringt

Du versuchst, zu schreien, aber Schrecken nimmt ihm den Klang, bevor du's getan hast

Du beginnst zu erstarren, wenn dir der Horror direkt in die Augen schaut

Du bist gelähmt

 

Denn das ist ein Thriller, Thriller Nacht

Und niemand wird dich vor der Bestie retten, die gleich auf dich einschlagen wird

Du weißt, das ist ein Thriller, Thriller Nacht

Du kämpfst um dein Leben Innerhalb eines Mörders

Thriller heute Abend, yeah