made by Axel Birkmann
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Schule der Mörder
Schule der Mörder

Schule der Mörder

Die schwarze Mamba.pdf
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Die schwarze Mamba


Benjamin öffnete die Tür, er hatte ein weiße Schürze um die Taille gewickelt und einen Kochlöffel in der Hand.

„Signora Andrea. Prego. Gomm bitte herrein.“

Andrea schaute erstaunt an Benjamin herunter.

„Störe ich dich vielleicht bei deiner Lieblingskochsendung mit Jamie Oliver oder gibt es gerade das perfekte Promidinner im Fernsehen?“

„Nein, keines von beidem. Gomm bbitte, setzz ddich bbitte hieerheer und verhallte dich stilll“, machte er einen deutsch sprechenden Italiener nach.

„Also, bekomme ich jetzt etwa Redeverbot?“, maulte Andrea, setzte sich aber brav an den festlich gedeckten Esstisch in Benjamins kleinem Apartment. Benjamin hatte den Tisch mit viel Liebe für zwei Personen eingedeckt, mit tiefen Tellern, mehreren Arten von Weingläsern und farbigen Servietten. 

„Nein, nein, ich bin gleich fertig. Wenn du es so siehst, dann ist es tatsächlich das perfekte Promidinner. Du bist die Prominente und ich bin der perfekte Koch. Es dauert nicht mehr lange. Ich bin gleich fertig“, wiederholte Benjamin.

Er stand in der offenen Wohnküche hinter dem Tresen und goss aus einem Edelstahltopf Wasser in den Ausguss. Nudelwasser. Er schüttete die Nudeln in ein Sieb und spülte sie unter fließendem Wasser ab. Dann gab er sie zurück in den Topf. Es waren breite lange Nudeln, ähnlich den Tagliatelle. Er fügte ein Stück Butter hinzu, schüttelte den Topf, damit sich die Butter auf den heißen Nudeln besser verteilen konnte. Danach holte er zwei Teller vom Esstisch und stellte sie auf den Tresen. Mit einer Nudelzange erwischte er einen Schwung Nudeln und ließ sie auf die Teller fallen. Aus einem anderen Topf, den Andrea jetzt erst sehen konnte, schöpfte er mit einer Kelle eine dunkelrote Soße und goss sie über die dampfenden Nudeln. Aus einer Küchenschublade zauberte er eine Metallreibe hervor und rieb eine Spur Parmesankäse über jeden Teller.

Prego Signora, Tagliatelle alla Casa, prego“, Benjamin wirbelte mit beiden Tellern in den Händen um den Küchentresen herum und platzierte diese gekonnt auf den weißen Platztellern. Auch wenn Andrea jetzt keinen Hunger gehabt hätte, den dampfenden Nudeln mit der duftenden Soße hätte sie nicht widerstehen können. Benjamin ging noch einmal hinter den Tresen und kam mit einer fast meterhohen Pfeffermühle wieder.

Pepe fresco, Signora?“, fragte er und wirbelte die schwarzbraune Keule vor ihrem Gesicht. Sie musste aufpassen, dass er ihr nicht mit dieser Riesen-Pfeffermühle einen Kinnhaken gab oder einen Zahn ausschlug.

Si Signor, un poco!“

Er streute mit einer geschickten Handbewegung etwas schwarzen Pfeffer auf ihre Nudeln, brachte die Mühle zurück in die Küche und kam mit einer Flasche Rotwein zurück.

„Zur Feier des heutigen Tages, ein Brunello di Montalcino 1992. Darf ich, Signora?“

„Wo hast du den denn her?“ „

„Den habe ich mir mit der Hilfe einer gewissen Claire bei Monsieur Gratton ausgeliehen. Und da ich nicht die passenden Gläser für den edlen Tropfen hatte, habe ich die Gläser gleich mit ausgeliehen. Er wird sie am Wochenende nicht vermissen. Und für den Wein bedanken wir uns ganz besonders, dafür dürfen sie uns einen Tag mehr überwachen.“

Er füllte die beiden Kristallgläser mit dem funkelnden Rotwein. In zwei kleinere goss er frisches Wasser aus einer Karaffe.

„Spinnst du? Die bekommen doch alles mit, was du hier sagst! Das weißt du doch!“

„Sie können uns sehen, aber nicht hören. Und das Etikett der Flasche ist mit der Kameraeinstellung nicht zu lesen. Wenn jemand uns gerade abhören sollte, dann würde er nur Luciano Pavarotti hören. Ich habe das Mikrofon entdeckt und meinen MP3 Player direkt daneben angeschlossen, es ist eine Doppel CD von Pavarotti. Sie hören gerade die Essential Romantic Collection, da ist so jeder seiner Schmusesongs darauf, den er je gesungen hat; richtig passend zu unserem romantischen italienischen Candlelightdinner. Wenn sie nicht aufpassen, wird der Schmalz ihre gesamte Anlage zerstören. Zum Wohl, Signora Andrea, Salute!“

Benjamin erhob sein Glas. Andrea tat es ihm gleich und sie prosteten sich vorsichtig zu. Ein leises Klingen ertönte von den kristallenen Gläsern.

„Bon appétit. Guten Appetit.“

Andrea war begeistert von Benjamins Soße. Sie roch nach Tomaten und frischem Basilikum. Und es waren kleine Schinkenstückchen in der Soße, Andrea schmeckte Paprika und Sardellen heraus. Benjamin erklärte ihr, dass er die Soße mit den Resten aus der Küche des Haupthauses zusammengezaubert hatte. Claire war mit ihm durch die Vorratskammern gegangen und er durfte sich aussuchen, was er wollte. Claire schien sowieso einen Narren an ihm gefressen zu haben, seit er ihr erzählt hatte, dass er früher Kochkurse in Thailändischer und Chinesischer Küche gegeben habe. Er hatte ihr gleich einige Tipps verraten.

Claire hatte vor einigen Tagen ein vorzügliches Thaicurry gemacht, wofür sie mit viel Lob bedacht worden war. Andrea hatte gesehen, wie Claire Benjamin zugezwinkert hatte, als Baptiste Gratton der älteren Köchin vor der gesamten Truppe zu ihrem Einfallsreichtum und ihrer Kochkunst gratulierte. Mit so einer Komplizin an der Seite waren die Vorratsräume und der Weinkellner des Monsieur Gratton kein Hindernis mehr für Benjamin.

Es schmeckte vorzüglich. Benjamin hatte mit wenigen Zutaten aus Resten ein Nudelgericht gezaubert, für das er in Venedig zum Dogen ernannt worden wäre. Zum Nachtisch servierte er ein Tiramisu, das von Amaretto nur so triefte.

„Schämst du dich eigentlich nicht, in dem Land von Paul Bocuse italienisch zu kochen?“

„Die Nouvelle Cuisine ist etwas für Hungerhaken. Ich liebe eher die Küche der italienischen Mamma. Ich hasse es, wenn ich das Entrecôte unter der Erbse suchen muss. Ich liebe es zu Essen, aber nicht zu Hungern. Das sieht man mir wohl an“, sagte er und streichelte liebevoll über seinen Bauch.

„Naja, jetzt übertreibe mal nicht, so dick bist du auch nicht. Ein kleines Bäuchlein! Sagt ihr Männer denn nicht immer, ein Mann ohne Bauch sei ein Krüppel, oder so?“

Er ging nicht darauf ein.

„Noch einen Espresso oder Cappuccino?“

„Ja, einen Espresso bitte!“

Nach dem Essen schaltete Benjamin die CD mit Pavarotti aus. Er gab Andrea ein Zeichen, und sie sprachen wieder über Alltägliches wie die Kurse, die Teilnehmer, das Essen, das schöne Wetter, die nahe Küste und das Leben in Frankreich. Benjamin lud sie schließlich zu einem Spaziergang ein, den Andrea gern annahm.

Außerhalb der Reichweite versteckter Kameras und Mikrofone, nicht weit vom klaren Wasser des Pools, saßen sie auf den Steinen und machten Pläne, wie sie wieder in den Raum unter der Erde kommen wollten.

„Was ist, wenn sie wieder den Code geändert haben?“ 

„Keine Angst, Andrea, ich habe aus den Buchstaben Antares noch andere Zahlenkombinationen gefunden, sie sind alle in meinem Handy gespeichert, so hinterlasse ich nirgends ein beschriebenes Blatt Papier, das uns eventuell verraten könnte. Morgen ist Samstag, ich denke, wir sollten uns erst am Sonntag wieder dorthin wagen. Ich werde morgen eine Motorradtour machen und du kannst wie üblich joggen gehen.“

„Okay, dann am Sonntag!“

Andrea half Benjamin in der Küche, zog sich aber dann zurück und verschwand in ihrem Zimmer. Entspannt legte sich auf ihr Bett. Filmt mich nur, ihr Blödmänner, dachte sie, wenn ihr denkt, ich mache hier jetzt einen heißen Striptease für euch Spanner und streichele mich dann selbst, da habt ihr euch aber geschnitten. Ohne Eintritt zu bezahlen gibt es hier nichts, rein gar nichts.

Sie zog sich unter der Bettdecke aus und schlüpfte in ihr Nachthemd. Dann erst ging sie ins Bad. Sie stand vor dem Spiegel und sah konzentriert auf ihr Spiegelbild. Ihr blond gefärbtes Haar begann an einigen Stellen nachzuschwärzen.

Sie würde gerne wieder ihre langen schwarzen Haare wie früher haben. Hier kannte sie keiner, konnte sie es wagen, sie nicht mehr nachzufärben? Sie war untergetaucht. Ob sie sich wohl fühlte, das konnte sie mit Bestimmtheit nicht sagen. Sie musste kurz an das erregende Erlebnis unter der Dusche denken. Auf jeden Fall war sie erst einmal sicher, hier würde sie niemand vermuten und finden. Wie Unrecht sie doch haben sollte.

Andrea öffnete mit der Chipkarte die schmale Tür an der separaten Einfahrt zum Gästehaus. Sie hatte ihre Laufsachen an, einen kleinen iPod Shuffle an die Jogginghose geklemmt, ein dünnes Handtuch über den Schultern und schon ging es zu den Klängen von Coldplay los. Sie trabte Richtung Süden über einige ausgetretene Feldwege, die durch das Niedergestrüpp der Macchia oder durch Zistrosenblüten führten. In ihrem Kopfhörer summte Viva La Vida, einer der neueren Songs der Gruppe Coldplay.

Es war Samstag, 8 Uhr am frühen Morgen. Auf den Straßen war niemand zu sehen. Nur vereinzelt standen ein paar Autos vor den Einfahrten der Villengrundstücke. Menschen waren keine unterwegs. Sie sah auch nicht den dunklen Lieferwagen, der schräg gegenüber der Einfahrt des Gästehauses stand. Viel zu sehr war sie mit sich selbst beschäftigt, als dass sie Ohr oder Auge für ihre Umwelt gehabt hätte. Ihr Instinkt, der sie schon öfter vor herankommenden Gefahren gewarnt hatte, rührte sich diesmal nicht.

Gleichmäßig trabte sie weiter. Hinter ihr war der Lieferwagen langsam ins Rollen geraten. Coldplay, ihr pochendes Herz und ihr schnaufendes Atmen verhinderten, dass sie etwas davon mitbekam. Es ging alles sehr schnell. Sie spürte einen kleinen Stich am Hals wie von einer Wespe. Mit ihrer rechten Hand wollte sie das Insekt von ihrer Haut wegjagen, aber statt einer Wespe hielt sie einen kleinen gefiederten Pfeil in der Hand, zwei Zentimeter lang, mit einer bunten Federquaste. Gerade noch konnte sie den Pfeil in ihrer Hand verdutzt betrachten, als ihr die Beine wegbrachen und sie vornüber auf den weichen Wiesenboden fiel. Jemand zog ihr eine Kapuze über das Gesicht. Feste Hände packten sie und zerrten sie hoch. Dann verlor Andrea das Bewusstsein.

 

Andrea erwachte. Es dauerte einige Zeit, bis ihre Augen die Umgebung wahrnehmen konnten. Ihre Gliedmassen waren taub. Sie konnte sie nicht bewegen. Ihre Schulter schmerzte und sie hatte keinen Ohrenstöpsel mehr im Ohr. Im Mund spürte sie einen fürchterlichen Geschmack. Zu gerne hätte sie sich die Zähne geputzt, aber das ging nicht, denn sie saß gefesselt auf einem Lehnstuhl. Man hatte mit Klebeband ihre Hände auf den Rücken und ihre Beine an die vorderen Stuhlbeine gebunden.

Sie saß in einem düsteren Raum und sie konnte Stimmengewirr vernehmen. Ihre Ohren meldeten sich wieder zurück und ihre Sehnerven nahmen wieder die Tätigkeit auf. Dagegen tat sich ihr Gehirn noch schwer, die empfangenen Informationen zu sortieren und zu begreifen. Was ist passiert, fragte sie sich. Was mache ich hier? Und wer sind diese Leute?

Fragen über Fragen, aber ihr Gehirn fand keine Antworten. Ein Mann kam auf sie zu und sagte:

„Veronique Dufour oder wie Sie auch immer heißen, wir haben ein paar Fragen an Sie. Es gibt jemanden, der sich ausgesprochen freuen wird, Sie wieder zu sehen.“

Andrea öffnete die Augen und blinzelte einem dunkelhäutigen Mann ins Gesicht.

„Wenn Sie nur ein paar Fragen haben, warum müssen Sie mich dann entführen und fesseln?“

„Wir wissen, dass Sie sehr schnell und hart mit Ihren Fäusten umgehen können. Und wir wussten nicht, ob Sie freiwillig mitgekommen wären.“

„Sie verwechseln mich mit jemandem. Binden Sie mich los.“

„Lieber nicht. Beantworten Sie unsere Fragen, dann lassen wir Sie wieder gehen.“

„Binden Sie mich los, dann werde ich versuchen, Ihre Fragen zu beantworten.“

„Mein Name ist Tarek Rasheed. Wir wollen doch die Etikette wahren; nicht wahr, Frau Dufour.“

„Dufour? Dufour kenne ich nicht. Habe ich nie gehört. Mein Name ist nicht Dufour, ich heiße Steiner, Andrea Steiner. Ich bin Sportlehrerin. Sie müssen mich verwechseln. Kann ich jetzt bitte gehen. Man wird mich bald vermissen.“

„In den nächsten Stunden wird Sie niemand vermissen. Ich wiederhole mich, mein Name ist Rasheed. Ich bin der persönliche Beschützer meines Herrn, der Sie gerne sprechen möchte. Und diese hier“, er deutete auf drei Männer in schwarzen Hosen und schwarzen Polos, „gehören zu mir. Auch sie sind für die Sicherheit meines Herrn verantwortlich. Durch Sie und Ihren Freund sind wir in Ungnade gefallen. Wir haben unseren Herrn im Stich gelassen. Er wurde durch Sie verletzt und betrogen. Was sagen Sie nun, Frau Dufour? Fällt es Ihnen langsam wieder ein?“

In Andreas Kopf ratterte es. Sie wurde sich langsam bewusst, dass sie in großer Gefahr steckte. Wenn es wahr war, was sich ihr Gehirn zusammenreimte, dann hatte sie hier die ehemalige Leibwache des Prinzen Mahmut Nazir Bin Sharif vor sich, die sich jetzt an ihr rächen wollte, weil diese Kerle durch Damian Afford und Veronique Dufour in Marbella arbeitslos geworden waren. Veronique Dufour war tot, aber es schien so, als ob diese Männer genauestens über sie Bescheid wussten. Konnte sie bluffen, sie täuschen oder war es zu spät?

„Ich weiß wirklich nicht, worum es geht? Lassen Sie mich ganz einfach gehen und ich verrate niemandem, dass Sie mich betäubt, entführt und gefangen gehalten haben. Sieht doch nach einem fairen Deal aus, oder?“

„Machen Sie sich nicht lächerlich. Wir wissen, Sie arbeiten jetzt für eine Stiftung. Das ist in Ordnung! Aber Sie waren vor einiger Zeit in Marbella und waren an Bord einer Yacht, der Fatima. Und das ist nicht in Ordnung. Können Sie sich erinnern? Natürlich nicht mit gefärbten blonden Haaren, sondern mit Ihrer natürlichen Haarfarbe: Schwarz.“ Er strich ihr dabei zärtlich über den Haaransatz. „Wir werden Ihrem Gedächtnis etwas nachhelfen.“ Rasheed zeigte auf einen der Männer, dabei streckte er den Arm so, dass der Unterarm zu sehen war. Darauf war eine schwarze Schlange über einem arabischen Symbol eintätowiert.

Jetzt war sich Andrea sicher, es war die Leibgarde des Prinzen, die im Volksmund die schwarze Mamba hieß. Rasheed musste mit dieser Bewegung ein Zeichen gegeben haben, denn jemand verließ den Raum und kam kurze Zeit später wieder zurück. Er schob etwas vor sich her.

Andrea konnte nicht erkennen, was es war. Der Raum, in dem man sie an den Stuhl gefesselt hatte, war nicht besonders einladend, er wurde nur schwach durch eine Glühbirne erhellt. Es musste ein altes Büro oder etwas Ähnliches sein. Der Leibwächter rollte etwas direkt vor sie hin. Überrascht blickte Andrea auf und erkannte das Gesicht von Prinz Mahmut Nazir Bin Sharif. Das letzte Mal hatte sie ihn leblos neben sich im Schlafzimmer auf der Yacht gesehen. Er leblos, sie halb nackt. Sie hätte wetten können, dass er tot war. Jetzt saß er vor ihr, in einem Rollstuhl, den sein Diener direkt vor sie geschoben hatte. Zwar im Rollstuhl, aber lebendig. Ihre kühle Selbstsicherheit verließ sie. Jetzt gab es nichts mehr zu leugnen.

„Guten Tag, Frau Dufour. Ich freue mich, Sie zu sehen, und wenn ich das sage, dann meine ich das auch so. Sie wissen, ich halte nichts von Heuchelei und Falschheit.“

„Guten Tag, Eure Hoheit.“

„Hoheit, das war einmal. Das habe ich Ihrem Begleiter zu verdanken. Und hinter dem sind wir her, bisher leider erfolglos. Sie sind meine einzige Spur!“

„Was wollen Sie von mir? Wollen Sie sich an mir rächen. Ich war nur Mittel zum Zweck“, sagte Andrea und blickte den Prinzen hilflos an.

„Keineswegs. Keine Rache. Zunächst bin ich hier, Sie um etwas zu bitten. Es wird nicht einfach für Sie sein, aber ich denke, Sie schulden mir etwas.“

„Prinz, ich weiß nicht, wie ich da hineingeraten bin, ich weiß wirklich nichts. Ich bin auch nur ein Opfer, ganz so wie Sie.“

„Das habe ich fast geahnt. Ich möchte Sie trotzdem bitten, mir zu helfen. Ich brauche Sie.“

Er sagte ein paar Worte auf Arabisch; Rasheed kam mit einem Messer und trennte mit schnellen, kurzen Schnitten die Klebebänder durch. Andrea rieb sich die Fesseln und die Handgelenke, machte aber keine Anstalten aufzustehen oder wegzurennen.

„Was wollen Sie von mir?“

„Ich möchte herausfinden, wer mich hereingelegt hat, was dahinter steckt und wer die möglichen Drahtzieher sind. Aber ich werde Ihnen die ganze Geschichte erzählen.

An diesem Abend muss jemand in meinem Schlaf- und Arbeitszimmer auf der Yacht gewesen sein. Mein persönlicher Computer wurde geknackt, alle meine Daten kopiert, insbesondere meine Finanzdaten. Mein Rechner wurde mit einem Virus infiziert, und zwar so gründlich, dass nichts mehr wiederherzustellen war. Da allgemein geglaubt wurde, ich sei tot, konnte jemand, der sich auf internationalen Finanzmärkten auskannte, mit elektronischen Transfers die Gelder solange hin und her schieben, bis sie nicht mehr wieder zu finden sind. Und genau das geschah, mein Imperium brach zusammen, Aktienkurse von Unternehmen brachen ein, weil meine Anteile plötzlich verkauft wurden. Anlieger dachten, es seien Notverkäufe und schlossen sich an. Der Kapitalmarkt am Golf kam ins Wanken. Immobilien-Beteiligungen verloren bis zu achtzig Prozent ihres Wertes. Doch irgendjemand machte Milliarden, derjenige, der die Baisse auslöste. Das Ziel war, mich aus dem Weg zu räumen, und dazu bediente man sich einer Dame. Dame schlägt Springer, ein alter strategischer Schachzug. Die Dame wird geopfert, damit der König geschlagen wird.“

„Aber welche Rolle soll ich dabei gespielt haben?“

„Sie waren die Dame. Ihre Rolle war es, vom eigentlichen Täter abzulenken. Ich hatte Sie nach unserem netten Gespräch eingeladen, Ihnen das Schiff zu zeigen. Ich führte Sie ins Unterdeck und wollte Ihnen meine privaten Gemächer zeigen. Hier wurden Sie plötzlich ohnmächtig. Ich legte Sie aufs Bett, damit Sie sich ausruhen konnten. Ich wusste nicht, was mit Ihnen los war. Auf dem Flur traf ich Mister Afford, der nach Ihnen suchte. Ich führte ihn zu Ihnen in der Hoffnung, er könnte Ihnen helfen. Was dann geschah, weiß ich nicht. Ich kann jetzt nur kombinieren. Mister Afford hatte Ihnen oben an der Bar etwas ins Wasserglas geträufelt: höchstwahrscheinlich K.O.-Tropfen, die zeitversetzt wirken. Unten musste er mich mit einem Griff überwältigt haben, ich wurde ohnmächtig. Er zog Sie halbnackt aus und verschwand vom Schiff.“

„So weit, so gut. Aber wieso lagen Sie tot an meiner Seite?“

„Als ich aufwachte, hatte ich einen schlechten Geschmack im Mund. Bevor ich meinen Steward um Hilfe geholt hatte, musste ich mir die Zähne geputzt haben. Meine Zahnbürste war mit einem besonderen Gift präpariert, das durch den Speichel in meinen Körper gelangte und augenblicklichen einen Herzstillstand auslöste. Ein dummer Zufall rettete mir das Leben. Normalerweise schmiere ich die Zahncreme auf die Zahnbürste, ohne sie vorher gründlich zu wässern. Durch Ihren Zustand in meinem Bett stand ich etwas irritiert vor dem Spiegel, ließ den Wasserstrahl laufen und schaute wahrscheinlich benommen zum Becken, als der Strahl immer wieder über meine Bürste lief. Das Wasser wusch den größten Teil des Giftes weg. Es reichte aber schließlich trotzdem, um mich ins Koma zu stürzen und einen Herzstillstand herbeizuführen. Im Krankenwagen konnte ich wiederbelebt werden. Die spanischen Notärzte standen vor einem Rätsel.

Mein Vater hat mich dann in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von seinen Leuten holen lassen; sogar auf die Gefahr hin, dass ich den Transport nicht überlebe. Auf der Fatima wurde in Windeseile eine Notfall-Intensivstation eingerichtet, in der ich unter medizinischer Aufsicht langsam wieder ins Bewusstsein geholt wurde. Ich bin leider nicht ganz genesen, aber ich lebe. Ich weiß nicht, ob ich jemals diesen Stuhl verlassen kann, aber ich fühle mich gesundheitlich von Tag zu Tag besser. Ich habe Lähmungserscheinungen an den Beinen. Mein Gehirn funktioniert auch nicht so gut. Aber ich will Rache. Ich habe viel Zeit zum Nachdenken gehabt, als mein Verstand es wieder zugelassen hat.“

„Wie kann ich Ihnen dabei helfen?“

„Was wissen Sie über diesen Damian Afford?“

„Er hat mich gebucht, aber das wissen Sie doch sicher selbst. Haben Sie Alexandra Brückner umgebracht?“

„Nein, meine Leute kamen zu spät. Sie haben sie genauso angetroffen, wie Sie selbst mit dem Comisario. Tot. Meine Leute haben dagegen Ihre Wohnung verwüstet. Sie waren sauer und wollten etwas finden. Bei Alexandra hat jemand anderes Spuren beseitigt oder beseitigen lassen.“

„Was wollen Sie nun von mir?“ Andrea stand auf und streckte ihre langen Beine. Sie trug noch ihre Jogging-Klamotten.

Sofort standen zwei der Bodyguards neben ihr. Prinz Mahmud winkte kurz ab und die beiden zogen sich wieder zurück.

„Wir wollen den Mann, der sich als Damian Afford ausgegeben hat. Er war nicht der richtige Damian Afford, da bin ich mir sicher. Und ich möchte mein Vermögen zurück. Mein Land leidet unter der Finanzkrise. Ich muss helfen.“

„Sie sagten, Sie hätten Zeit zum Nachdenken gehabt. Ich meine, wenn ich Ihre Vita lese, dann sind Sie nicht gerade ein Wohltäter. Sie haben mit der Not der Menschen Geld verdient oder verdienen wollen. Wenn es stimmt, was ich im Internet über Sie herausgefunden habe, dann haben Sie in der Rüstungsindustrie und in der Pharmaindustrie ein Vermögen gemacht. Sie verdienen mit den Konflikten und mit den Krankheiten der Menschen ihr Geld, das reicht nicht gerade für den Friedensnobelpreis. Warum soll ich Ihnen denn vertrauen? Sie setzen genauso Gewalt ein, wie andere Herrscher aus Ihrer Region. Oder warum haben Sie sonst so eine Truppe wie Ihre schwarzen Mambas.“

„Sie haben in gewisser Weise Recht. Ich habe überlebt und das zählt. Einige meiner Pläne haben sich in Luft aufgelöst. Ich möchte mich nur an denen rächen, die mich so getäuscht und betrogen haben.“

„Ich denke, es ist passiert, weil Sie sich mit Leuten eingelassen haben, die es nicht gerne sehen, wenn ihnen die Macht, vor allem die finanzielle Macht, aus ihren Händen genommen wird. Sie haben doch sicher vorher Warnungen bekommen. Sie haben sie übersehen oder ignoriert. Stimmt’s?“

„Veronique, ich brauche Ihre Hilfe. Sie können den Mann wieder erkennen. Haben Sie vielleicht irgendwelche Informationen, mit denen Sie mir helfen können? Ich lasse Ihnen Zeit. Überlegen Sie bitte, vielleicht fallen Ihnen Dinge ein, die Sie damals nicht für wichtig oder relevant gehalten haben.“

„Es ist lange her und ich habe vieles verdrängt.“

„Ich verstehe. Bitte denken Sie nach. Sie sind für mich der einzige Anhaltspunkt.“

„Ich kann Ihnen nichts versprechen. Und ich habe einen neuen Job, den möchte ich nicht verlieren.“

„Wir bringen Sie natürlich zurück. Und wir bleiben mit Ihnen in Verbindung. Passen Sie bitte auf. Auch Ihr neuer Job in dieser Stiftung, in der Sie jetzt arbeiten, ist nicht ganz koscher.“

„Wie haben Sie mich überhaupt entdeckt?“

„Über das Internet. Einer meiner Mitarbeiter hatte Ihren alten Namen auf einer Datenbank entdeckt: Andrea Steiner. Wir haben alle Flüge und Züge kontrolliert. Niemand kannte Ihren alten Namen in Spanien, aber einer meiner Partner in Amsterdam hat Sie gekannt. Wir können vielleicht unsere Zukunft bestimmen, aber unsere Vergangenheit nicht löschen. Sie wird immer ein Teil unseres Lebens sein. Alles, was wir tun und nicht tun, wird einen Einfluss auf unser Leben haben. Aus der Vergangenheit können wir lernen, vergangene Fehler nicht zu wiederholen. Ihre Vergangenheit hat Sie eingeholt.“

Andrea starrte auf den Prinzen.

„Wie wollen Sie mit mir in Kontakt bleiben? Sie können mich schlecht im Seminarzentrum besuchen.“

„Hier ist ein Mobiltelefon für Sie.“ Der Prinz gab ihr ein Handy. „Es ist abhörsicher, mit dem bleiben wir in Kontakt. Behalten Sie dieses Gespräch bitte für sich, erzählen Sie niemandem von mir. Ich bin weiterhin von der Bildfläche verschwunden. Meine Männer bringen Sie wieder zurück.“

„Danke. Aber ich weiß nicht, ob ich Ihnen helfen kann. Ich kann es versuchen“, sagte Andrea.

„Ich vertraue Ihnen, gehen Sie in Frieden. Salem aleikum.“ Der Prinz verabschiedete sich und wurde von einem seiner Männer aus dem Raum gerollt.

Rasheed ging auf Andrea zu und überreichte ihr den kleinen MP3-Player.

„Ich glaube, der gehört Ihnen.“

Dann brachte er Andrea zurück zum Lieferwagen. Vorher hatte er ihr eine dunkle Kapuze übergezogen, damit sie nicht sehen konnte, wo sie gewesen war. Kurz vor dem Schloss Antares durfte Andrea das Fahrzeug verlassen. Sie schaute dem verschwindenden Lieferwagen nach. Zum Joggen war ihr nicht mehr zu Mute.

Wieder zurück im Gästehaus, klopfte sie an Benjamins Tür. Er war leider nicht da. Wenn sie ihn einmal brauchte, dann war er nicht da, war sicher mit der Ducati in den Seealpen unterwegs. Sie musste mit jemand reden. Ob sie ihn in die Geschichte einweihen wollte, würde sich noch ergeben. Auch wenn der Prinz sie ermahnt hatte, sich niemandem mitzuteilen und niemandem zu vertrauen, zu Benjamin würde sie gehen.

Sie brauchte ihn, denn sie merkte, wie ihre Kräfte sie langsam verließen. Sie glaubte im Moment nicht mehr daran, das alles allein durchstehen zu können. Sie brauchte jemanden wie Benjamin, zu dem sie sich irgendwie hingezogen fühlte. Es hatte sich zwischen ihnen eine Vertrauensbasis gebildet. Auch die Art und Weise, wie er den Antares-Code geknackt hatte, hatte ihr imponiert. Und im größten Ernstfall konnte er immer ein leckeres italienisches Nudelgericht zaubern. Sie legte sich aufs Bett, schloss die Augen und döste sofort ein. Andrea, der starken Andrea, gingen langsam die Kräfte aus.