made by Axel Birkmann
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Schule der Mörder
Schule der Mörder

Reise ans andere Ende der Welt

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Aufbruch

18. Oktober 2006 - Mittwoch

 

Es geht los: ich bin dann halt mal weg.... Es ist 23:15, der Airbus oder besser der Bus der Lüfte füllt sich. Zweiklassengesellschaft: vorne steigen Business und First ein, hinten die Holzklasse: 70 cm Abstand zum Vordermann!

 

Wenn ich an den Vortrag von Air Mauritius vor kurzem denke: 84 cm!! Wir waren von Trauminselreisen und Air Mauritius zu einem Essen in einem der Münchner Gourmettempel eingeladen. Ein Vortrag über die schönsten Hotels auf den schönsten Inseln der Welt. Und ein  Vortrag von Air Mauritius über ihre neue Economyklasse. Es hieß, es kann jemand noch an den sitzenden Passagieren in der Reihe vorbeilaufen. In unserer Reihe in der Lufthansa Maschine würde er sich die Hüfte brechen. Aber was soll ich mich beklagen. Der Flug kostet mich nichts. Ich habe ihn mit meinem Miles and More Punkten bezahlt. Genau 90 000 Meilen.

 

Neben mir sitzt ein Chinese, mit schlechter Frisur, aber mit Hotelschlappen, die er sich aus seinem Hotel in München mitgebracht hat. Ich beneide ihn darum. Er wird den Flug wohl bezahlt haben. Nachdem ich meine Schuhe ausgezogen habe, erfüllt ein leicht säuerlicher Geruch unsere Sitzreihe. Da ich meine Füße noch vor kurzem gewaschen habe, sollte ich vielleicht darüber nachdenken, mich von meinen etwas älteren Puma Turnschuhen, echten Sneaker, zu trennen. 

 

Der Bus der Lüfte ist ein Airbus 340, 8 Sitze pro Reihe mal 60 Reihen, also 300-400 Passagiere. Der neue Airbus 380 soll doppelt so viele Menschen laden können. Aber er verspätet sich. Produktions- und Führungsprobleme beim Hersteller EADS. Was ist eigentlich ein artgerechter Transport für Menschen? Wie viel Menschen dürfen pro Quadratmeter Flugzeuginnenfläche transportiert werden. Bei Schweinen ist es reglementiert. Bei Menschen?

 

Ich habe einen Fensterplatz: 27K. Tolle Sicht auf......die Tragfläche. Na ja, macht nichts. Der Flug nach Hongkong ist ein Nachtflug. Also wird man sowieso nichts sehen. Die Hektik im Flugzeug lässt langsam nach.

 

Die letzten Passagiere kommen an Bord. Alle Flugbegleiter/Innen schauen jetzt auf einmal sehr wichtig drein. Es ist der so genannte "Sicherheitsgurtschliessdichtischleinhochrückenlehnengeradehandyaus" Blick. Wir werden diesen Blick erst wieder kurz vor der Landung in Hongkong genießen dürfen oder wenn, was ich nicht hoffe, Turbulenzen über dem Himalaja das Flugzeug schütteln sollten. Also brav angeschnallt, Tischchen hoch, elektronische Geräte aus, Rückenlehne gerade und mit wichtigem Blick stolz nach vorne geschaut. Kissen, Decken und die üblichen Zeitschriften "Stern und Bunte" habe ich schon organisiert.

Mir kommt es vor, als ob Stern und Bunte nur so hohe Auflagen verwirklichen können, weil sie bei jeder deutschen Airline und in jeder Arztpraxis ausliegen. Kauft diese denn überhaupt jemand am Kiosk?

 

Essenszeit im Flugzeug ist gleich Leidenszeit. Da wir in einem ziemlich großen Langstreckenflugzeug einer bekannten deutschen Airline sitzen, bekommen wir auch eine Menukarte gereicht. Es ist toll, wenn man solche Karten liest und sich an Hand der viel versprechenden Menüvorschläge sein baldiges Mahl geistig vorstellt: z.B. Hähnchen aus dem Wok. Man stelle sich nun einen kleinen chinesischen Koch in der kleinen Kombüse des Airbusses vor, wie er eine Pfanne über offenem Feuer kreisen lässt und ein Wok Hähnchen zubereitet.

 

Wir fliegen nach Asien und da passt Kassler mit Kartoffelbrei und Sauerkraut nicht. Wir haben natürlich keinen kleinen chinesischen Koch an Bord und das Wok Hähnchen wird auf einem Plastiktablett in Aluformschalen serviert und ist in irgendeiner unbekannten sterilen Großküche von unterbezahlten türkischen oder bosnischen Gastarbeitern hergestellt worden.

 

Einen Wok hat es wahrscheinlich nie gesehen. Die verheißungsvolle Menükarte hat mich kurz träumen lassen, die Realität ist anders. Aber ich habe mein wokgerührtes Hähnchen mit Stäbchen gegessen. Mein Nachbar klappte seinen Laptop zu und genoss das gleiche Menu mit der Gabel.

China im Aufbruch. Weg mit den alten Zöpfen. Wo sind die alten Traditionen und Werte geblieben? Das Hähnchen ist genießbar, wie weit es wirklich jemals in der Nähe eines Wok gewesen ist, weiß nur die LSG, die „kulinarische“ Logistik Company der Lufthansa.

 

Rieche ich da nicht den zarten Duft von gebratenem Rinderfilet, der aus der 1. Klasse leicht zu uns in die Holzklasse (Neudeutsch Economy) herüber zieht, oder ist es nur eine Halluzination, ausgelöst durch Blutstau, Thrombose oder Platzangst (ich sagte schon 70 cm).

 

Nach einem ziemlich zerknüllten Schlaf wird das Frühstück serviert: Wok Nudeln. Immer noch ein Asienflug. Besser als trockene Instand – Rühreier. Wir sind nun über dem Himalaja.

 

Felsen, Schnee, Einsamkeit und vielleicht ein paar Fußspuren vom Yeti. Die kann man natürlich nicht aus 10.000 Meter Höhe sehen, aber sich vorstellen. Neben mir surft mein chinesischer Nachbar im Internet. Googlet er nach dem Yeti?