made by Axel Birkmann
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Schule der Mörder
Schule der Mörder

Der tote Hund in der Dachrinne

Der Politaktivist.pdf
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Der Politaktivist


Alois Kreithmeier öffnete die Wohnungstür und blickte in die blauen Augen seiner Kollegin Melanie Schütz, die gekonnt lässig am Türrahmen lehnte und ihm ihre beiden Arme mit jeweils einem Pappbecher in der Hand entgegen streckte.

»Morgen, Kreiti, hier was vom Macky zum Wachmachen. Ich weiß ja nicht, was du sonst für eine Plörre trinkst, aber der Latte vom McCafé ist gut. Und ein Leckerli für Gizmo. Wo ist denn mein kleiner Eisbär.«

»Kommen Sie herein! Warum die Höflichkeit?«

»Erstens, weil ich ein paar Minuten mit dir allein verbringen will, ohne die Jungs vom LKA. Zweitens, weil wir uns einiges zu erzählen haben, und drittens, ein guter Kaffee am frühen Morgen weckt die Lebensgeister, fast so gut wie Prosecco. Dafür ist es natürlich noch zu früh und wir sind ja im Dienst«, lachte sie und schob sich an ihm vorbei in die Wohnung. Gizmo rannte in den Flur und tänzelte um sie herum, bis sie ihm den Hundeknochen zu warf und er mit seiner Beute im Wohnzimmer verschwand.

Ganz entsprechend ihrer Natur scannte sie in wenigen Sekunden das, was sie von seiner Wohnung auf den ersten Blick sehen konnte. Seit der Trennung von seiner Frau, hatte Kreithmeier sie noch nicht in sein neues Refugium gebeten. Heute hatte sie ihn regelrecht überfallen. Nach einem halben Jahr war das auch mehr als Recht, rechtfertigte sie sich für ihr Eindringen in Kreithmeiers Privatsphäre. Und nachdem er sie gestern von seinen Ermittlungen ausgesperrt hatte, geschah ihm dieser Überfall ganz recht.

»So wohnst du also. Hmmm. Gib mir doch mal die Telefonnummer deines Einrichtungsberaters. Falls ich mal bei mir zu Hause etwas ändern möchte.«

Kreithmeier übersah die Spitze und führte seinen Gast in die Küche. Ohne Aufforderung ließ sich Melanie auf einen der Essstühle fallen und stellte die beiden Pappbecher auf den Küchentisch.

»Na denn. Prost!« Sie trank einen Schluck des heißen Getränks und bat ihn um eine kurze Zusammenfassung der gestrigen Ereignisse. Nachdem sie ihr Kollege informiert hatte, fragte sie ihn: »Und wer ist der Tote im Wagen?«

»Wir wissen es noch nicht. Er hatte keine Papiere, kein Portemonnaie, er hatte rein gar nichts bei sich, was auf eine Identität schließen lässt.«

»Ein Krimineller, oder nur ein Handlanger? Warum wurde er erschossen? Und was für eine Waffe?«

»Er wurde vom Haupttäter regelrecht liquidiert. Entweder, weil er zu viel wusste und dem Täter im Weg stand, oder weil sich die beiden in die Wolle bekommen haben.«

»Das heißt doch, du gehst von zwei Tätern aus, ich meine bei dem Mord an dem Bauunternehmer.«

»Ja. Ich denke, es waren Zwei. Der eigentliche Täter ist flüchtig und sein Komplize ist tot.«

»Und die Waffe?«

»Kaliber 7,65. Höchstwahrscheinlich. Patrone und Hülse haben wir keine gefunden.«

»Und Fingerabdrücke?«

»Der Wagen lag ein paar Tage im Wasser. Ich denke da wird nicht viel zu finden sein. Und warum auch? Wir haben bisher nirgends nur einen Ansatz von Fingerabdrücken gefunden. Warum dann jetzt?«

»Also ein echter Profi. Und die Waffe soll diese ominöse Luger 08 sein. Spannend.«

»Gut und was haben Sie herausgefunden, Frau Schütz. Sie hatten doch ein Date mit dem Burger.«

»Ja, Dieter Burger. Hauptkommissar beim LKA. Richtig. Pizza und Rotwein.«

»Und?«

»Unsere Waffe ist eine Automatik aus dem Zweiten Weltkrieg.«

»Das wissen wir schon. Was ist so geheimnisvoll an dem Ding?«

»Dass 2003 ein verdeckter Ermittler des Bundesnachrichtendienstes damit erschossen worden ist. Und zwar regelrecht liquidiert. Er wurde mit drei Schüssen in die Brust hingerichtet. Ein V wie bei unserem Löbinger.«

»Heiheieieie. Das ist ja ein Ding. Daher weht also der Wind. Woher wissen Sie das?«

»Von Dieter Burger.«

»Das hat er Ihnen so ganz einfach erzählt?«

Melanie Schütz trank einen weiteren Schluck Kaffee und leckte sich den Schaum vom Mund. Sie genoss es, ihren Kollegen auf die Folter zu spannen.

»Nein. So einfach war es nicht.«

»Was haben Sie getan?«, fragte Kreithmeier und trank einen Schluck. Dabei sah er sie neugierig an.

»Ich habe ihm einen geblasen.«

»Was?«, spritzte es aus ihm heraus und er spuckte den Kaffee über den Küchentisch. Melanie nahm ein Küchentuch vom Buffet und wischte die Spritzer auf.

»Was haben Sie gemacht?«

»Ich habe gesagt, ich habe ihm einen geblasen.«

Melanie ließ die Worte nachhallen und fügte erst nach einiger Zeit hinzu: »Das stimmt zwar nicht, aber ich wusste natürlich nicht, dass dich das so emotionell erregt.«

»Haben Sie mit ihm geschlafen?«

»Und wenn? Dann doch nur im Dienste des Vaterlandes. Das macht James Bond doch in allen Folgen. Nein, Kreiti, das habe ich natürlich nicht. An meine Designermuschi lasse ich nicht jeden ran, und schon gar nicht so ein eingebildetes Arschloch wie den Burger.«

Kreithmeier blickte auf seine Kollegin. Jetzt kannte er sie schon über zwei Jahre, aber er lernte jeden Tag mehr über sie. Sie nahm auf jeden Fall kein Blatt vor den Mund.

»Er hatte gedacht, er könnte mich mit ein paar Schnäpsen gefügig machen, mich rumkriegen und vernaschen. Weit gefehlt. Schon zur Zeiten der DDR wurden wir Jugendlichen im Trinken mit selbstgebranntem Wodka ausgebildet. Ein Wessi säuft mich nicht unter den Tisch. Als er die richtige Dröhnung hatte, habe ich ihm ein paar Fragen gestellt. Und er hat geantwortet. So war es. Und geschlafen hat er in meiner Badewanne. Ihm geht es heute früh nicht so gut. Er ist nach München zurück. Wir sind also alleine. Hoger kümmert sich um die Finanzen der Löbinger Bau. Ist also auch in München. Klar?«

Sichtlich erleichtert atmete Kreithmeier tief durch und trank einen weiteren Schluck. Der immer noch heiße Kaffee rann ihm die Kehle herunter und gab ihm ein wohliges Gefühl im Wagen. Über den Pappbecher spähte er auf seine Kollegin. Warum ließ er sich immer von ihr so auf den Arm nehmen? Und warum berührte ihn das? Warum gab es einen Stich in seinem Herzen, als er sich vorstellte, wie sie mit Burger zusammen Sex gehabt haben könnte? Er war erwachsen genug, um auf solche Wortspielchen nicht reagieren zu müssen. Ihr gefiel das. Sie nahm ihn gern aufs Korn. Und sie spielte immer wieder mit seinen Gefühlen. Was sich neckt, das liebt sich? Schwachsinn, dachte er. Sie war nur seine Kollegin, mehr nicht, und dazu auch noch aus den neuen Bundesländern. Sie war eine gute Polizistin, keine Frage, aber Sitte und Anstand, das waren Fremdworte für sie. Keinen festen Freund, und dann immer diese Dates mit Typen aus dem Internet.

»Alois!«, unterbrach sie seine Gedanken.

»Ja?«

»Wie geht es jetzt weiter? Bis wir mehr von der Spusi wissen, was machen wir?«

»Ich möchte mehr über die Waffe herausfinden, dann suchen wir immer noch den Wagen vom Löbinger. Der muss in einem Parkhaus am Flughafen stehen. Wir sollten dem Deuter in Mauern einen Besuch abstatten. Und was ist mit der Akte über die Befreiung des Dachauer Konzentrationslager? Wie weit sind wir denn hier?«

»Die Waffe? Nur über das LKA. Ich habe keinen Zugriff. Und dann ein Mann vom BND. Das ist nicht normal. Und beim BND anzufragen, die Zeit können wir uns sparen. Die geben über ihre Fehlschläge nichts heraus.«

»Was ist mit der Presse? Könnten wir nicht über diesen Mord etwas in der Presse finden?«

»2003. Verdeckter Ermittler. Wir wissen nicht mal wo?«

»Gut, weiter! Dann rufen Sie bitte Schurig und Zeidler an, die sollen sich jetzt endlich um den Wagen vom Löbinger kümmern, kann ja nicht zu schwer sein. Ich habe dem Zeidler den Zweitschlüssel gegeben.«

»Gut, mache ich sofort.«

»Und wir beide fahren noch mal nach Mauern raus. Der Deuter weiß sicher mehr als seine Freundin.«

»Und Dachau? Das KZ?«

»Vorerst mal nicht. Wir verfolgen die Spur des Geldes. Und das führt auch zum Wurzinger. Ich werde Dallinger bitten, dahingehend zu recherchieren. Niemand verschenkt was. Du kriegst nichts umsonst. Um wie viel Geld geht es denn?«

»Knapp 3 Millionen.«

»Pahh! Wenn also jemand einige Millionen übrig hat, und die dem Löbinger gegeben hat, was hat dann hat der Löbinger dafür tun müssen. Und diese Summe ist kein Pappenstil. Da steckt auf jeden Fall Größeres dahinter. Auch ein Müllkönig verschenkt nichts.«

»Vielleicht hat der Löbinger ihm den Auftrag am Flughafen besorgt. Die komplette Müllentsorgung am Flughafen ist doch sicher mehr Wert als ein paar läpprige Milliönchen?«

»Vielleicht, doch wir werden nicht fürs Raten bezahlt, sondern fürs Erbringen von Fakten. Und wie schnell kann man mit waghalsigen Spekulationen die reine Weste eines Geschäftsmannes beschmutzen und vor allem, wie schwierig ist es, sie später wieder reinzuwaschen. Also, solange wir nichts Konkretes haben, keine Vermutungen, nur Fakten, werte Kollegin.«

»Ay, ay, Sir. Nur Fakten, Fakten, Fakten.«

»Nehmen Sie mich nicht Ernst?«

»Aber natürlich, Herr Hauptkommissar.« Melanie Schütz lächelte ihn mit ihren strahlend weißen Zähnen an und ihre blauen Augen blinzelten ihn verschmitzt an.

Er löste sich von ihrem Anblick, stand auf und sagte: »Gehen wir!«

»Zu mir oder zu dir?«

»Bitte?«

»Mit deinem Auto oder mit meinem?«, korrigierte sie ihre Frage.

»Mit deinem! Auf geht’s!«

 

Als sie in Mauern am Grundstück von Roland Deuter langsam vorbeifuhren, standen zwei Fahrzeuge vor der Scheune. Wie bei seinem letzten Besuch, der dunkelblaue Passat Kombi, und zusätzlich noch ein schwarzer Landrover Geländewagen. Kreithmeier parkte den Audi von Melanie wieder außerhalb vom Hof. In der Scheune brannte Licht. Als sich Kreithmeier und Melanie Schütz dem Eingang vorsichtig näherten, hörten sie, als sich zwei Personen lauthals stritten. Gizmo trottete langsam hinter ihnen her, nicht ohne immer wieder seine Marke zu setzen.

»Deuter ist da. Er streitet sich mit seiner Freundin«, flüsterte Alois.

»Ich würde zu gerne wissen, um was es geht.«

»Bleiben wir leise, vor allem du Gizmo.« Kreithmeier starrte seinen Hund an und drohte mit dem Zeigefinger.

»Wenn wir uns unter das Fenster stellen. Vielleicht bekommen wir was mit. Leise.«

Die Stimmen im Inneren wurden immer lauter, je näher sie an die Druckerei herankamen.

Eine männliche Stimme rief laut: »Du siehst immer nur alles negativ. Ich muss da weiter machen, und ich habe schon zu viel Zeit investiert.«

Eine weibliche Stimme antwortete: »Du sturer Kopf. Immer muss alles nach dir gehen. Und wenn dir was passiert, was mache ich dann. Der Löbinger ist schon tot.«

»Ich war es nicht.«

»Das weiß ich auch. Weiß das auch die Polizei? Ich habe dir erzählt, dass schon jemand da war. Und der kommt sicher wieder. Du bist zu weit gegangen.«

»Quatsch. Niemals.«

»Wer ist zu weit gegangen?«, dröhnte plötzlich eine tiefe Stimme und unterbrach die lautstarke Diskussion Roland Deuters mit seiner Freundin Marlies Gerbl. Alois Kreithmeier hatte die Tür geöffnet und stand in Begleitung von seiner Kollegin und seinem Hund vor den beiden Kampfhähnen.

»Wenn man vom Teufel spricht«, rief Marlies und zeigte mit dem ausgestreckten Arm auf den Kommissar. »Das ist der Polizist von gestern.«

»Richtig, Frau Gerbl. Und Sie sind Herr Deuter, nehme ich an.«

»Ja, und. Was wollen Sie von mir?«

»Wissen, warum Sie zum Beispiel zu weit gegangen sind.«

»Unter zu weit gehen verstehen Sie beide, ich habe Tobias Löbinger umgebracht. So ein Schmarren. Blödsinn. Warum auch? War er doch eine wertvolle Quelle für mich.«

Melanie stutzte und sah den Mann finster an. »Eine Quelle? Der Löbinger? Der soll Ihnen geholfen haben? Bei ihrem Protest gegen die Dritte Startbahn? Das ist doch Blödsinn. Der Löbinger brauchte die Dritte Startbahn wie die Kirche das Weihwasser.«

Roland Deuter drehte sich zu ihr um. Er war ein Mann um die 50, vielleicht sogar älter, hatte schulterlange graue Haare, einen Tagesbart, dunkle durchdringende Augen und einen breiten Mund. Er lachte krampfhaft und entblößte dabei ein tadelloses Gebiss weißer Zähne.

»Was wissen Sie denn schon von Weihwasser? Ihrer Aussprache nach, kommen Sie nicht aus Bayern, eher aus Sachsen, und soviel ich weiß, habt ihr aufgrund eurer atheistischen Bildungs- und Religionspolitik, ein nicht-religiöses Weltbild propagiert und die Gläubigen im Land drangsaliert und unterdrückt. Also erzählen Sie mir nichts von Weihwasser und  Kirche.«

»Thüringen!«

»Was?«

»Thüringen. Ich bin aus Thüringen und nicht aus Sachsen.«

»Das ist doch egal.«

»Das ist schon ein großer Unterschied. Und Sie kommen auch nicht aus Bayern.«

»Wollen wir uns weiter über ethnische Unterschiede der einzelnen Bevölkerungsschichten Süddeutschlands unterhalten oder weswegen sind Sie hier?«

»Wegen Ihrer Beziehung zu Tobias Löbinger«, sagte Kreithmeier scharf, »und wo waren Sie letzten Montagabend.«

»Verdächtigen Sie mich etwa?«

»Einerseits sind das ganz normale Routinefragen, andererseits wundern wir uns schon, warum der Tote eine Akte über Sie angelegt hat.«

Roland Deuter rückte einen Schritt zurück.

»Löbinger hatte eine Akte über mich?«

»Ja! Und zwar mit allen Einzelheiten Ihrer politischen Aktivitäten.«

Deuter setzte sich an den langen Arbeitstisch in der Druckerei. Das hatte er nicht gewusst. Das verriet wenigstens seine Körpersprache.

»Können wir noch einmal von vorne anfangen? Wo waren Sie am Montagabend? Und wenn wir schon dabei sind, wo waren Sie in der Nacht von Sonntag auf Montag?«

»Er war bei mir«, warf Marlies Gerbl plötzlich in den Raum, »Wir wohnen hier im Nebengebäude. Und Roland war das ganze Wochenende bei mir. Wir haben gemeinsam an einem Projekt gearbeitet.«

»Ja das stimmt. So ist es!«, lachte Deuter.

»Also, Sie beiden geben sich jetzt gegenseitig ein Alibi. Wie spannend?«

»Wenn es doch so ist.«

»Sie haben sicher keine weiteren Zeugen?«, fragte Melanie Schütz den Aktivisten.

»Nein! Leider nicht.«

»Dann haben wir trotzdem noch ein paar Fragen.« Kreithmeier setzte sich Deuter gegenüber.

»Wie kommt es, dass ein Zettel mit dem Logo Ihres politischen Aktionsbündnisses in die Tasche des Toten kommt? Und warum hat man den Toten ausgerechnet auf der Lande- und Startbahn abgelegt?«

»Weiß ich doch nicht? Ich habe damit nichts zu tun.«

»Tobias Löbinger kannte Sie, wahrscheinlich besser als Sie sich selbst. Und wieso war der Mann eine Quelle für Sie?«

»Das ist mir halt so rausgerutscht. ER hat den Kontakt zu mir gesucht. Vor einem Jahr. Oder so. Nicht ICH.«

»Und warum? Rettet doch der Ausbau des Flughafens sein Unternehmen.«

»Sicherlich. Das stimmt. Nur er war sich nicht mehr so ganz sicher, ob er hier an der Ausschreibung teilnehmen sollte. Er hatte bei der ersten Erweiterung am Terminal 2 im Jahr 2003 mitgemacht und Millionen Umsätze eingefahren. Aber es muss etwas vorgefallen sein, das ihn bei der neuen Erweiterung nachdenklich gemacht hat.«

»Und was?«

»Das hat er mir nicht mehr sagen können. Vor einem Jahr hatte er mich angerufen und um eine Unterredung gebeten. Er wollte beide Seiten anhören. Vor allem auch die Seite der Startbahngegner. Warum nicht? Ich fand das vernünftig. Wir haben uns getroffen und ich hatte ihm unsere Beweggründe gegen den Ausbau zu sein, dargelegt.«

»Und wie hat er darauf reagiert?«

»Sachlich und interessiert. Löbinger hat sich alles angehört. Und er wollte sich wieder melden.«

»Und hat er?«

»Nein. Hat er nicht.«

»Und warum?«

»Das weiß ich nicht. Anfangs dachte ich noch, der Kerl hat mich nur ausgehorcht, um unsere Argumente umzudrehen, ich kam mir völlig verarscht vor. Ich versuchte ihn ein paar Mal telefonisch zu erreichen. Besuchte seine Firma im Erdinger Moos. Doch er blockte ab, ließ sich verleugnen. Es kam zu keinem weiteren Treffen.«

»Und was haben Sie dann gemacht?«, fragte Melanie Schütz.

»Ich war ziemlich sauer, auf mich, auf ihn, auf den Flughafen. Und dann fing ich an zu recherchieren. Mir kam es vor, als habe er Angst gehabt.«

»Angst vor der eigenen Courage?«

»Nein, nein, da spielten andere Gesichtspunkte mit, nichts, was mit den Gegnern der Dritten Startbahn zu tun hatte. Und alles hatte seinen Ursprung 1999. Bei der Ausschreibung damals soll gemauschelt worden sein. So heißt es. Löbinger soll die Angebote vor Vergabe im Voraus bekommen haben und sich dann mit seinem Eigenen unter die anderen gesetzt haben. Dadurch hat er den Auftrag bekommen. Und es heißt, dass ihm dabei jemand geholfen hat, jemand vom Flughafen. Im Gegenzug hat er wiederum einem befreundeten Unternehmer geholfen, einen größeren Auftrag der FMG zu bekommen.«

»Und wer soll das gewesen sein?«

»Der Wurzinger.«

»Der Müllkönig aus Vilsbiburg?«

»Ja!«

»Was haben Sie da konkret?«

»Nichts. Ich hatte einen Informanten bei der Wurzinger GmbH und einen im Flughafen. Zuerst haben beide mich mit Informationen beliefert, nichts Schriftliches, nur mündlich, aber auch die lassen sich seit geraumer Zeit verleugnen. Als ob sie beide vom Erdboden verschwunden sind.«

»Sind sie abgehauen, tot oder was?«

»Alles möglich. Ich kann nur so viel sagen, die Ausschreibungs-Bestechung ist nur das Harmloseste. Es geht um viel mehr.«

Melanie lehnte sich zurück und blickte auf Marlies Gerbl, die nervös an ihren Fingernägeln kaute. Kreithmeier hatte sich Notizen gemacht und schaute wie in Gedanken an ihr vorbei.

Er klappte sein Notizbuch zu und sagte zu Roland Deuter: »Das klingt für mich alles etwas verwirrt. Gut Ausschreibungsbetrug. Gehört im Baugewerbe zum Tagesgeschäft. Gerade bei öffentlichen Projekten. Undurchsichtig und meistens nie zu beweisen. Und deswegen bringt man auch niemanden um, und schon gar nicht so.«

Kreithmeier zog ein Foto aus der Tasche und legte es auf den Tisch. Es zeigte den leblosen Körper des Bauunternehmers mit den drei Einschüssen in der Brust.

»Ist er das? Haben Sie ihn so gefunden?«, fragte Marlies Gerbl stotternd.

»Ja! So lag der Tote auf der Landebahn. Wer bringt jemanden so um, und warum macht sich der Täter im Anschluss an seine Tat die Mühe, den Leichnam so dramatisch zu platzieren? Reicht nicht die Tötung? Nein! Es muss so aussehen. Wie ein Ritual. Ein Hinweis. Eine Hinrichtung. Das sieht für mich nicht nach einem Wirtschaftsverbrechen aus. Das hat was mit Emotionen zu tun, mit Rache. Der Schlussakt einer theatralischen Darstellung. Der letzte Akt. Das macht niemand im Affekt. Das war akribisch geplant und minutiös umgesetzt.«

Roland Deuter nahm seiner Freundin das Bild aus der Hand. Er schluckte als er die Leiche erkannte.

»Das ist er, das ist Tobias Löbinger. Schrecklich. So zu sterben. Er muss vor irgendetwas Angst gehabt haben.«

»Nur vor was oder vor wem?«

»Das ist hier die Frage«, ergänzte Melanie seinen Satz.

»Bitte?«

»Hamlet! Shakespeare. Das ist hier die Frage«, flüsterte sie. Dann stand sie auf und lief in der Druckerei umher. Gizmo war sofort auf den Füssen und folgte ihr. Alois blickte ihnen schweigend nach. Sein Handy klingelte. Er nahm ab.

»Wo stecken Sie?«

»Wer spricht denn da?«

»Burger, Dieter Burger. Wo sind Sie Herr Kreithmeier?«

»Geht es Ihnen schon wieder besser?«, fragte Alois Kreithmeier den LKA Mann.

»Ahmm. Woher wissen Sie....?«

»Meine Kollegin und ich haben keine Geheimnisse.«

Alois stand auf und schritt Richtung Eingangstür, um ungestört weiter telefonieren zu können.

»Ja es geht mir wieder besser, habe mich leicht überschätzt und Ihre Kollegin unterschätzt. Die Mädels aus der DDR können ganz schön was vertragen.«

»Die DDR existiert nicht mehr«, konterte Alois trocken.

»Von mir aus. Dann eben die Mädels aus den neuen Bundesländern. Sie vertragen ganz schön was.«

»Ja, das kann stimmen. Obwohl ich noch nicht die Gelegenheit hatte, das zu testen. Die sind mit selbst gebranntem Wodka aufgezogen worden. Statt mit Muttermilch. Aber deswegen rufen Sie mich sicher nicht an.«

»Ganz sicher nicht. Mir wäre wohler, wenn wir den gestrigen Abend aus unser aller Gedächtnis tilgen könnten.«

»Kein Problem.«

»Warum ich anrufe, weil Sie gestern eine Leiche gefunden haben, und ich darüber noch nichts weiß. Ich denke wir arbeiten zusammen?«

»Ach was. Und was soll das dann mit der Nummer mit der Luger. Haben Sie mir nicht auch gewisse Details über die vermeintliche Tatwaffe in einem Mordfall vorsätzlich zurück gehalten.«

»Sie meinen......«

»Ja ich meine, dass mit dieser Waffe 2003 ein verdeckter Ermittler getötet worden ist. Und diese Waffe daher beim LKA wohl bekannt ist.«

»Woher wissen Sie das?«

»Sagen wir mal so, Alkohol löst Lippen. Und gestern Abend haben Sie ja mächtig einen drin gehabt. Was ist das also für ein Spiel?«

»Das ist kein Spiel, Kommissar Kreithmeier, das ist tödliche Realität.«

»Das kann ich nur bestätigen, denn der Tote, den wir gestern gefunden haben, wurde aller Wahrscheinlichkeit mit der gleichen Waffe exekutiert. Das ist kein Spiel mehr. Da marschiert jemand durch unseren Landkreis und richtet Menschen hin. Und das mit exakt der gleichen Waffe, mit der wahrscheinlich der gleiche Täter, ohne mit der Wimper zu zucken, einen hochrangigen Beamten des BND liquidiert hat. Nein, Burger, das ist kein Spiel.«

Burger schnaufte am anderen Ende der Leitung lauf auf und atmete schwer.

»Sind Sie noch da, Herr Burger?«

»Ja, das bin ich. Vielleicht haben Sie ja Recht und wir fangen unsere Beziehung noch einmal von vorne an. Ich spiele mit offenen Karten, das verlange ich aber auch von Ihnen.«

»Das können Sie haben.«

»Gut, aber nicht am Telefon. Treffen wir uns heute Nachmittag bei Ihnen in der Dienststelle in Freising. Ich bringe Material mit. Dann können Sie mich auch in Ihre bisherigen Ermittlungen einweihen.«

»Und im Anschluss auf ein Bierchen«, lachte Kreithmeier höhnisch.

„Ein Glas Wasser, mehr nicht. Von Alkohol habe ich im Moment die Nase voll.«

»Na gut, dann bis heute Nachmittag.«

»Okay!«

»Halt. Warten Sie, eine Frage habe ich noch. Frau Schütz hat mir erzählt, sie hätten angeblich illegalen Geldtransfer auf dem Computer in Löbingers Büro feststellen können. Zahlungen die ohne Rechnung auch nicht durch die Bücher gelaufen sind. Was ist damit?«

»Mein Kollege Hoger hat nachgeforscht. Diese Gelder sind auf keinem der Geschäftskonten aufgetaucht. Wir haben nur davon erfahren, weil in einer Excel Tabelle diverse Geldsummen aufgelistet sind, wie auf einem Kontoauszug. Mehr nicht. Als Absender war die Wurzinger GmbH vermerkt und Empfänger Tobias Löbinger.«

»Von wie viel Geld sprechen wir denn?«

»Genau 2,7 Millionen Euro.«

»Huiii, eine gewaltige Summe. Und der jetzige Geschäftsführer der Löbinger Bau weiß nichts davon?«

»Behauptet er auf jeden Fall. Auf den offiziellen Geschäftskonten ist kein Eingang zu vermerken.«

»Wo ist das Geld dann hin?«, fragte Kreithmeier.

»Wenn es überhaupt geflossen ist.«

»Aber warum macht sich dann der Löbinger überhaupt die Mühe darüber Buch zu führen. Und dann so offensichtlich auf seinem PC?«

»Er konnte ja nicht wissen, dass wir den PC nach seinem Ableben in Beschlag nehmen.«

»Er hat auch sicher nicht mit seinem Ableben gerechnet. Wo könnten solche Gelder ohne erkannt zu werden hin fließen?«

»Sie meinen Schwarzgeld?«

»Ja, zum Beispiel.«

»Dann müsste es bar fließen. Jede Überweisung würde irgendwann mal von einem Wirtschaftsprüfer untersucht.«

»Also das Geld wird nicht überwiesen. Nun gut. Der Löbinger hat es in bar bekommen. Wo ist es dann? Im Tresor war nichts. Schweiz? Liechtenstein? Luxemburg?«

»Wenn, dann in die Schweiz. Aber ohne Bankverbindung und Kontonummer ist da nichts zu machen. Die Schweiz ist dicht.«

»Wenn nicht wieder ein geldgeiler schweizer Bankangestellter eine CD mit seinen Kunden an die Bundesregierung verkauft.«

»Ja. Aber ohne das wird es schwierig.«

»Wo bewahrt jemand seine geheimen Bankunterlagen auf? Der hat doch das Geld sicher angelegt und will wissen, wie es sich vermehrt.«

»Im Tresor? In der Brieftasche? Im PC? Ich weiß es nicht.«

»Kann Ihr Hoger nicht die Schweizer Kollegen um Amtshilfe bitten und herausfinden, ob der Löbinger auf einer der Züricher Banken ein Konto hat.«

»Keine Chance, das Bankgeheimnis ist in der Schweiz heilig.«

»Noch heilig.«

»Und wenn er ein Nummerkonto hat, dann geht gar nichts. Die Personen bezogenen Daten werden nicht gespeichert. Ich brauche nur die Nummer und das Passwort und schon komme ich ans Geld ran.«

»So kommen wir nicht weiter. Wir sind gerade bei Roland Deuter. Vielleicht bekommen wir von ihm etwas heraus.«

»Beim Deuter, diesem radikalen Politanarchisten?«

»Er setzt sich halt für seine Umwelt ein.«

»Und er ist vorbestraft.«

»Okay. Wir werden sehen. Bis später.« Kreithmeier legte auf. Er wollte sich die Meinung des Landeskriminalamtes über Roland Deuter ersparen. Er steckte sein Handy in die Tasche und blickte in den Raum.

Melanie Schütz hatte gesehen, wie er telefoniert hatte und kam auf ihn zu: »Wer war das?«

»Ihr Saufkumpan von gestern.«

»Hallo? Du hast es ihm doch nicht erzählt?«

»Doch. Und auch das mit der Waffe.«

»Scheisse. Dann war es das, dann bekomme ich nie wieder etwas aus ihm heraus.«

»Lassen Sie es gut sein. Er will noch mal von vorne anfangen. Er will uns jetzt in alles einweihen.«

»Der Anfang einer lebenslangen Freundschaft«, spottete sie.

»Wer weiß? Gehen wir wieder zu den beiden anderen. Ich möchte mehr erfahren, vor allem über die Beziehung Löbinger Wurzinger.«

Sie kehrten beide an den Tisch zurück, an dem Marlies Gerbl und Roland Deuter immer noch saßen. Kreithmeier setzte sich wieder Deuter gegenüber und blickte ihm streng in die Augen.

»Also noch einmal. Was haben Wurzinger und Löbinger gemeinsam? Warum bezahlte Wurzinger dem Löbinger so viel Geld? Und woher kennen die beiden sich? Und so weiter. Bringen Sie bitte mal Fakten auf den Tisch und keine wilden Spekulationen.«

Roland Deuter nickte, stand auf und schritt zu einem Aktenschrank. Daraus zog er einen grauen Pappfolder hervor und legte ihn vor dem Kommissar auf den Tisch.

»Das sind meine Recherchen. Mehr habe ich nicht. Ich kann nur so viel sagen, der Wurzinger hat meiner Meinung nach Dreck am Stecken. Und hier geht es nicht nur um Ausschreibungsbetrug. Er ist jetzt wieder bei einer Ausschreibung dabei. Hier geht es um die Entsorgung des Gelben Sacks. Um das duale System. Der Landkreis Freising hat eine Neuausschreibung veröffentlicht. Bis jetzt war das Einsammeln der Gelben Säcke bei dem Entsorgungsunternehmen Haindl. Zum Neuen Jahr will der Landrat Geld sparen, und so hat er seit ein paar Monaten eine Ausschreibung laufen. So weit ich weiß, haben sich wiederum die Haindl Entsorgungs-KG, die Firma Remondis und die Wurzinger GmbH darum beworben. Obwohl der Wurzinger bisher mit dem Dualen System sehr wenig zu tun hatte, hat er sich um den Auftrag gekümmert.«

»Zurück zu meiner Anfangsfrage. Woher kannten sich Löbinger und Wurzinger?«

»Aus dem Rotary Club, in dem beide Mitglieder sind. Und durch den Bau des Terminals 2 am Flughafen.«

»Und warum fließen Gelder zwischen Wurzinger und Löbinger?«

»Konkretes weiß ich darüber nicht, aber schauen Sie mal.«

Roland Deuter öffnete die Akte und blätterte darin. Plötzlich stoppte er und drehte den File dem Kommissar zu.

»Hier. Eine Meldung über Xaver Wurzinger. Münchner Merkur. „Wurzinger erhält den Zuschlag für die Müllverwertung am Münchner Flughafen. Ein Millionen Auftrag, und so weiter.“ Auf dem Bild sind Direktor Kerkloh, der Wurzinger selbst und Tobias Löbinger zu sehen.  Jetzt frage ich Sie, was hat der Löbinger mit Müll zu tun?«

»Nichts!«

»Richtig! Hier der nächste Artikel. „Wurzinger eröffnet Europas größte Kompostieranlage. Verwertung von Bioabfällen. Wegbereiter im  Landkreis.“ Ein Bild mit ihm, dem Landrat, Ministerpräsident Stoiber und hier im Hintergrund wieder der Löbinger.«

»Hat der vielleicht die Anlage gebaut?«

»Ja, das hat er vielleicht.«

»Dann gehört er auch auf das Bild.«

»Und hier ein Artikel aus dem Jahr 2002. „Firma Wurzinger bewirbt sich um die Entsorgung der Chemieabfälle der Wacker Chemie in Burghausen.“ Hierfür hat er die Gesellschaft für Verwertung von Sonderabfällen GmbH gegründet, eine Tochter der Wurzinger GmbH.«

»Und was hat das alles mit unserem Mordfall zu tun?«

»Das müssen schon Sie herausfinden. Der Wurzinger hat, wenn es um Müll geht, überall seine Finger drin.«

»Haben Sie etwas Illegales entdeckt?«

»Nichts, was ich beweisen kann. Es ist nur so ein Gefühl.«

»Von Gefühlen kann ich mir nichts kaufen. Ich brauche Beweise und Fakten.«

Marlies Gerbl, die dem Gespräch bisher ruhig zugehört hatte, unterbrach die beiden und fragte: »Soll ich uns allen vielleicht mal einen Kaffee kochen?«

»Das wäre eine gute Idee«, antwortete Melanie.

»Kann man denn mit Müll so viel Geld verdienen?«, hakte Kreithmeier nach.

»Mit Sondermüll auf jeden Fall. Der Verursacher zahlt ein Vermögen an den Entsorger. Sondermüll, chemisch-toxische Abfälle, müssen entweder in teuren Anlagen mit speziellen Verfahren verbrannt oder in einer Untertagedeponie gelagert werden.«

»Das heißt in alten Bergwerken.«

»Ja. Bei der untertägigen Entsorgung radioaktiver und chemisch-toxischer Abfälle in einem Endlager, in unserem Fall also in einer Untertagedeponie, und speziell dem Nachweis ihrer Langzeitsicherheit, spielen geochemische und physikalisch-chemische Prozesse eine große Rolle. Zum Verständnis solcher Prozesse sind neben der chemischen und mineralogischen Analyse der Abfälle selbst eine geochemische Charakterisierung der Einlagerungsformation, der natürlich vorkommenden tiefen Grundwässer oder salinaren Lösungen, der konzipierten technischen Barrieren sowie eine Analyse und Bewertung möglicher Wechselwirkungen erforderlich.[1]«

»Bitte verschonen Sie mich mit dem wissenschaftlichen Hintergrund. Woher wissen Sie das alles?«

»Durch meine Zeit in Gorleben und Wackersdorf. Da habe ich mich in dieses Thema hineingearbeitet und auch Artikel darüber veröffentlicht.«

»Und wo fängt der eigentliche Gewinn an?«

»Wenn man die Auflagen nicht befolgt.«

»Das heißt?«

»Das heißt, ich als Entsorgungsbetrieb entsorge nicht nach Vorschrift und gesetzlichen Auflagen, sondern illegal, ich verschiffe den Giftmüll zum Beispiel in die Ukraine, oder nach Afrika, oder noch einfacher, ich kippe die ganze Scheisse in die Isar. Ich kassiere Millionen für die teuere Beseitigung, aber investiere das Geld nicht, sondern entsorge den Müll um ein Vielfaches günstiger.«

»In die Isar. Das würde herauskommen. Großes Fischsterben. Menschen vergiftet.«

»Natürlich kommt es raus. So einfach geht es auch nicht. Ich muss ja beweisen können, dass die Sachen ordnungsgemäß entsorgt sind. Und die Papiere werden immer wieder überprüft.«

»Also ist es doch nicht so einfach?«

»Nein, einfach ist es nicht. Da gehört schon eine ganze Menge krimineller Energie dazu. Es müssen Leute geschmiert werden, es gäbe zu viele Mitwisser, und das Hauptproblem, wo verschwindet der Giftmüll und er darf nicht mehr zum Vorschein kommen.«

»Nach Afrika in die Sahara kippen?«

»Das war einmal. Die heutigen Regierungen lassen das nicht zu. Und die islamische Revolution hat die alten Tyrannen gestürzt, die für Geld alles gemacht haben, selbst wenn sie ihr eigenes Volk damit vergiftet hätten. Und ein Schiff chartern, es mit Giftmüll zu beladen und übers Mittelmeer zu schippern, das ist heute kein Spaziergang mehr. Kontrollen im Hafen, auf See, im Ankunftshafen. Sehr viele Mitwisser, sehr viel Bestechungsgeld. Wo bleibt da der Gewinn?«

»Können wir mal eine Pause machen. Euch qualmt ja schon der Kopf.« Marlies kam mit einem Tablett und stellte es auf den Tisch. Jedem drückte sie einen Becher Kaffee in die Hand und stellte zu allem Überfluss noch eine Schüssel mit Lebkuchen vor die Gäste.«

»Gibt es schon Lebkuchen?«, fragte Melanie überrascht.

»Ja, ja. Die liegen schon seit Ende September in den Supermärkten aus.«

»Bald erscheinen sie kurz nach Ostern,« fügte Roland Deuter bissig  hinzu, »Konsumterror wo du nur hinschaust.«

»Man kann ja Nein sagen, und sie nicht kaufen.«

»Aber sie schmecken natürlich auch gut.«

»Herr Deuter«, sagte Melanie auf einmal, »ich denke Ihre Tätigkeit lässt Sie einiges im falschen Licht erscheinen. Sie sehen viele Dinge zu negativ. Wittern hinter allem einen aggressiven Wirtschaftsboss, der den Shareowner Value nach oben bringen will.«

Alois Kreithmeier sah seine Kollegin mit weit aufgerissenen Augen an. Was hatte sie da gerade gesagt?

Deuter entgegnete Melanie nichts, sondern schnappte sich eine Lebkuchen und sagte: »Lassen wir es uns schmecken. Es sind übrigens Nürnberger Originale. Biolebkuchen aus der Stadt mit dem schönsten Christkindlmarkt.«

»Und der Kaffee ist Trade Fair aus Guatemala.« Marlies lachte.

»Schmeckt gut«, entgegnete Kreithmeier.

»Und was bekommt Ihr Hund?« Marlies schaute auf Gizmo, der neben dem Tisch saß und mit seinem Stummelschwanz wedelte.

»Zur Feier des Tages bekommt er ein Stückchen Lebkuchen.« Alois Kreithmeier brach ein Stück ab und warf es ihm zu. Gizmo sprang in die Höhe und schnappte es mit dem Mund. Nachdem er es hinuntergeschluckt hatte, saß er wieder aufrecht vor seinem Herrchen und wartete auf Nachschlag.

»Jetzt ist es aber gut. Teure Biolebkuchen, du weißt was gut ist.« Alois brach ein weiteres Stück ab und warf es in den Raum, Richtung Kopierer. Gizmo sprang aufgeregt hinter her und wollte es schnappen. Leider rutschte das Stück unter eines der weißen Kopiergeräte. Gizmo gab nicht auf und steckte seine Nase in den Spalt zwischen Fußboden und Kopierer. Doch das half nichts. Der Lebkuchen lag außerhalb seiner Reichweite. Jetzt fing er an zu bellen. Und sprang vor dem Gerät hin und her.

Kreithmeier stand auf: »Gizmo, ruhig, ich bin ja schon da. Warte.«

Er bückte sich und versuchte an das so völlig daneben geworfene Stück Lebkuchen zu kommen. Es war nicht möglich.

»Lassen Sie nur«, sagte Marlies, »Wir haben genug von dem Zeugs.«

»Wenn das Stück da unten bleibt, dann kommen noch die Mäuse.«

»Wir sind auf dem Land. Das ist schon gut. Hier geben Sie ihm einen Neuen.«

»Es geht schon. Ich verschiebe den Kopierer nur um ein paar Zentimeter, dann komme ich dran.«

Er packte das Gerät mit beiden Händen und schob es um ein paar Zentimeter zur Seite. Das Lebkuchenstück tauchte auf und schon schnappte Gizmo danach. Mit einer letzten Anstrengung rückte Alois den schweren Kasten wieder zurück, dabei kam er mit dem Fuß an eine Klapptür im Sockel, die sich daraufhin öffnete. Kreithmeier bückte sich und wollte gerade die Türe wieder zudrücken, als er erschrocken zurück sprang.

»Was ist denn das?«

»Was soll da sein? Wir lagern da normalerweise unser Druckpapier. Das ist nur ein Fach. Nichts Ungewöhnliches.«

»Da ist kein Papier. Da drin ist ein schwarzer Kasten mit einer digitalen Uhr. Und die Zeit läuft rückwärts. Sie zeigt nur noch zwei Minuten an.«

»Bitte? Was soll das sein?« Roland Deuter sprang auf und rannte um den Tisch zum Kommissar. Erstaunt blickte er auf den Kasten. Eine Minute 51.

»Das ist nicht von uns. Das habe ich noch nie gesehen.«

»Ich auch nicht«, sagte Kreithmeier, »aber falls es das ist, was ich denke, dann sollten wir sofort aus dem Haus rennen und zwar schnell. Eine Minute 38.«

Melanie Schütz stand plötzlich neben ihnen.

»Eine Bombe mit einem Zeitzünder. Ach du Scheisse. Und wir trinken hier ganz gemütlich Kaffee daneben. Eine Minute 33.«

Kreithmeier zog Deuter am Arm nach draußen. Melanie Schütz kümmerte sich um Marlies und Gizmo. Sie rannten aus dem Haus und liefen auf dem Hof. 60 Sekunden.

Außer Atem und mit heftigem Herzschlag stürmten sie auf die Straße vor dem Haus, als hinter ihnen mit einer ohrenbetäubenden Explosion die Bombe zündete. In einem Inferno aus Feuer, Hitze und heißer Luft, verwandelte sich die Druckerei in der ehemaligen Scheune in einen roten Feuerball, der sich immer weiter ausbreitete. Trümmer aus Holz, Stein, und Dachschindeln des ehemaligen Stallgebäudes flogen durch die Luft. Eine schwarze Rauchsäule stieg hoch in den Himmel.

Wie durch ein Wunder blieben die Vier samt dem Hund unverletzt. Nur das Gebäude und die davor parkenden Fahrzeuge waren komplett zerstört. Herunterfallende Trümmer hatten die beiden Wagen vor der Scheune getroffen und ihre Motorhauben und Dächer eingedrückt.

Wie vom Blitz getroffen standen die Vier auf der Straße und starrten sprachlos auf das Feuer, das dem Stallgebäude jetzt den Rest gab.

Marlies Gerbl hatte sich an Melanie Schütz gelehnt, die ihr Handy gezückt hatte und mit der Polizeidienststelle in Erding telefonierte.

»Verdammt, verdammt«, knurrte Kreithmeier, »da haben wir verdammt noch einmal Glück gehabt. Wenn Gizmo nicht so gebettelt hätte, lägen wir jetzt zerfetzt unter den Trümmern.«

»Wer macht so was?«, stotterte Roland Deuter. Der, der sonst nie auf den Mund gefallen war, stand jetzt kreidebleich und vor Aufregung am ganzen Körper zitternd neben Kreithmeier.

»Eine richtige Sauerei. Melanie rufe bitte den Burger beim LKA an. Erzähle ihm, was passiert ist, wir brauchen ihre Hilfe, sie sollen hierher kommen, und ein paar Leute von der Spurensicherung aus München mitbringen. Das hier ist für Zeidler und Schurig zu viel des Guten.«

»Die Feuerwehr ist auf dem Weg. Soll ich auch einen Krankenwagen kommen lassen?«

»Wie geht es Ihnen, Herr Deuter? Alles Okay?«

»Geht schon. Ich bin unverletzt. Marlies? Marlies, alles in Ordnung?«

»Ja, ja. Danke Herr Kreithmeier, dass Sie sofort gehandelt haben. Wir hätten tot sein können.«

»Kommen Sie. Gehen wir ins Wohnhaus. Einen Schnaps könnte ich jetzt brauchen. Das Haupthaus hat nichts abbekommen. Gott sei Dank. Von der Scheune ist nicht mehr viel übrig. Das Feuer kann sich nicht ausbreiten. Verdammt. Verdammt. Das war ein gezielter Anschlag gegen Sie, Herr Deuter.«

»Aber von wem?«

»Sie haben bei Ihren Recherchen freiwillig oder unfreiwillig in ein Wespennest gestochen. Jemand fühlt sich durch Sie bedroht. Und das ließ sie oder ihn eine Zeitzünderbombe in Ihrer Druckerei verstecken. Und ich bin sogar der festen Überzeugung, dass die Bombe aktiviert worden ist, als wir alle zusammen am Tisch saßen. Der- oder Diejenige hat mit einer Fernsteuerung den Mechanismus in Gang gesetzt. Wie hätte er denn sonst sicher sein können, uns alle zu erwischen.«

»Das heißt ja, dass er Sie auch aus dem Weg haben wollte.«

»Ja, vier Menschen auf einen Schlag zu töten, da gehört schon eine Portion Kaltblütigkeit dazu, das machen normalerweise nur Terroristen.«

»Das bedeutet auch, dass Sie mich nicht mehr unter Verdacht haben?«

»Ich hatte Sie nie richtig unter Verdacht. Warum sollten Sie den Löbinger töten. Das machte für mich von Anfang an keinen Sinn. Aber die Akte über Sie im Tresor des Hauses hatte mich schon ein bisschen stutzig gemacht. Sollte ich mich getäuscht haben? Sie spielen in dem Ganzen bewusst oder unbewusst eine Rolle. Das haben wir jetzt gesehen. Und Sie stehen jemandem im Wege. Dem Mörder von Tobias Löbinger?«

»Jetzt ist es sowieso egal. Meine Akten sind verbrannt, meine Computer zerstört. Ich habe nichts mehr.«

Sie schritten in dem Augenblick ins Haus, als mit lauter Sirene und Blaulicht die ersten Fahrzeuge der Freiwilligen Feuerwehr Mauern auf den Hof fuhren.

 



[1] Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) mbH