made by Axel Birkmann
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Schule der Mörder
Schule der Mörder

Der Schatten der Kirche

Die Löwengrube.pdf
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Die Löwengrube


Der erste Moment der Überraschung war verflogen und Bruno di Magli und seine Gäste beendeten ihr gemeinsames Frühstück. Benjamin hatte Sibylle ihr Kind wieder zurückgegeben. Sie fütterte jetzt ihren Sohnemann mit einem Breichen, während Andrea ihr dabei verlegen zuschaute und darüber nachdachte, ob sie mit der jungen Mutter tauschen wollte. Nach reiflicher Überlegung kam sie zu einem klaren Nein. Sie bewunderte zwar Sibylle, wie sie so selbstbewusst vor ihnen stand und sich zu ihrem Kind bekannte, obwohl der Vater nicht mehr lebte, doch sie wollte nicht mit ihr tauschen. Auf gar keinen Fall.

Im Moment hatte die junge Mutter ihrer Meinung nach keinen festen Freund, denn di Magli war, so wie es aussah, nur Sibylles Beschützer; das hatte Andrea herausfinden können. Zwischen den beiden spielte sich nichts ab. Das verriet ihre Körpersprache. Und wenn doch, dann mussten beide sehr gut schauspielern können, denn gefühlsmäßig ließen sich die beiden nichts anmerken. Wahrscheinlich hatte ihr Bruno auf Wunsch Baptiste Grattons hier in der Villa Asyl gegeben, da die junge Mutter nicht wusste, wohin sie nach der Geburt ihres Kindes gehen sollte. Ihr Kontakt zum Kollektiv nach dem Anschlag in Frankfurt war abgebrochen.[1]

Mittlerweile konnte Andrea Benjamin verstehen. Sibylle war eine attraktive Frau, die wusste, was sie wollte. Und laut Benjamins Ausführungen – er hatte ihr gegenüber zwar nicht alle Details erwähnt, doch Andrea konnte zwischen den Zeilen lesen - musste Sibylle ihn regelrecht verführt oder sogar vergewaltigt haben. Wenn denn alles so stimmte, was er ihr erzählt hatte! Es gehören immer zwei dazu.

Andrea musste bei diesen Gedanken schmunzeln. Es war herrlich gewesen, wie Benjamin sich aus der Affäre herausreden wollte. Trotzdem war sie sauer, jetzt hier in der Villa vor vollendeten Tatsachen zu stehen. Piccard hatte davon gewusst und es ihr schließlich mitteilen müssen, dass Sibylle in der Villa wohnte. Soviel Anstand und Ehrlichkeit hätten sein müssen. Es bestätigte sie nur wieder in der Tatsache, dass sie dem Franzosen nicht trauen konnte. Und das zu Recht. Doch was sollte es, sie würde sich den Aufenthalt in Rom dadurch nicht vermiesen lassen. Sie hatte schließlich Benjamin bekommen und nicht Sibylle. Und sie hatte kein Balg, kein Kind am Bein. Ihr ging es gut, sie lebte mit Benjamin zusammen und sie hatten gemeinsame Pläne für die Zukunft.

Und jetzt wurde es langsam Zeit, sich aufzumachen und die Stadt am Tiber zu durchforsten. Die beiden hatten sie überredet. Sie wollte ursprünglich nach Hause. Und sie hatte sich breitschlagen lassen. Doch sie wollte keine Schwäche zeigen. Sie war jetzt in Rom. Und Rom, die ewige Stadt, war interessant, sehr interessant. Es gab so viel Geschichte hier, antike Ruinen, Kunst der Renaissance und die berühmten Bauwerke des Architekten Bernini, einer der bedeutendsten italienischen Bildhauer und Architekten des Barock. Andrea war hungrig nach Geschichte, hungrig nach Bauwerken von Menschen, die mittlerweile gestorben waren. Die konnten keine Probleme mehr bereiten oder für Überraschungen gut sein.

„Möchtest du dich ein bisschen ausruhen oder können wir langsam los. Ich möchte etwas von der Stadt sehen, deswegen sind wir da.“

Das: „und nicht alten Liebschaften nachtrauern oder Babysitter spielen“ verkniff sie sich. Auch wenn sie es nicht sagte, hatte Benjamin es verstanden. Andreas nonverbale Kommunikation stieß bis in sein Gehirn vor, ohne Umwege über die Ohren und die Gehörgänge. Er hatte seit langem geahnt, dass sie seine Gedanken lesen konnte, warum sollte sie nicht auch seine Gedanken manipulieren können.

„Nein, muss ich nicht. Wir können gleich los. Ich ziehe mir nur kurz etwas Frisches an, dann können wir.“

„Und Sie, Piccard, begleiten Sie uns?“, fragte sie in aller Höflichkeit den Franzosen.

„Nein, ich kann Sie leider nicht begleiten, ich werde in den Vatikan gehen. Vielleicht können wir uns danach treffen?“

„In den Vatikan?“, fragte Andrea ungläubig, als ob sie seine Worte nicht richtig verstanden hatte. „Kommen Sie denn da ohne weiteres hinein?“

„Für normale Sterbliche ist es sehr schwierig. Durchlass durch eine der drei Pforten nur mit spezieller Erlaubnis. Die von der Schweizer Garde streng bewachten Tore sind für Touristen gesperrt. Aber ich habe Kontakte, und nicht nur zur Garde. Es ist für mich nicht unmöglich. Ich muss dorthin, es gibt einiges, was ich klären muss.“

„Aber, Alphonse, Sie waren lange nicht mehr dort. Ist es nicht gefährlich? Wie Sie uns immer erzählt haben, liegt die Ursache für Ihre und mittlerweile auch unsere Probleme doch wahrscheinlich mitten in der Vatikanstadt.“

„Wir sollten nicht gleich alle verurteilen, die dort arbeiten. Ich habe im Moment keine andere Wahl. Und keine Angst! Ich kann auf mich selbst aufpassen. Und wir können uns nachher irgendwo treffen. Wo wollen Sie Ihren Sightseeing Trip in Rom anfangen?“

„Ich denke bei der römischen Kultur. Forum Romanum. Im Anschluss das Kolosseum.“

„Gut!“, sagte Piccard. „Dann treffen wir uns um 16 Uhr vor dem Kolosseum. Am Eingang. Vor dem Ticketschalter. Das müsste passen. Das müsste ich normalerweise schaffen. Warten Sie eine Viertelstunde, wenn ich bis dahin nicht da bin, gehen Sie ohne mich hinein. Entweder ich komme nach und finde Sie, oder wir treffen uns wieder hier in der Villa Caprese.“

„Nehmen Sie am besten ein Taxi“, fügte di Magli hinzu, „Taxistände gibt es an zahlreichen Stellen im Stadtzentrum. Ich kann Ihnen nur empfehlen, die offiziellen gelb-weißen Taxis zu benutzen. Bei den anderen werden Sie beschissen. Die fahren mit Ihnen quer durch die Stadt. Und das kostet. Oder Sie fahren gleich mit dem Zug bis zum Piazza del Popolo. Das ist am einfachsten und am billigsten. Von dort steigen Sie dann um in die Metro A zur Stazione Termini, dann weiter mit der Linie B zum Kolosseum. Daneben befindet sich das Forum Romanum. Es klingt schwierig, aber das ist es nicht, denn es gibt in Rom nur zwei U-Bahn-Linien, die Metro A und die Metro B. So schnell geht man in dieser Stadt nicht verloren. Auch wenn sie sehr groß ist.“

„Und wie weit ist es bis zum Zug?“, fragte Benjamin, der Angst bekam, zu weit laufen zu müssen.

„Zur Station Euclide? Maximal fünfhundert Meter. Es fährt dort die Stadteisenbahn Rom-Viterba. Einfach zu finden. Nur unserer Straße nach rechts folgen, dann links halten in die Francesco Denza. Die Zugstation ist direkt unter dem Grandhotel Ritz. Wie schon gesagt, einfach zu finden, nicht zu verfehlen“, klärte sie Bruno di Magli auf.

„Und am Schalter bekommen Sie einen Plan für das Metronetz von Rom. So kommen Sie auch wieder zu uns zurück. Auch wenn es auf den ersten Blick ein wenig kompliziert erscheint, Rom hat ein – für touristische Bedürfnisse – gut ausgebautes Nahverkehrsnetz“, fügte Sibylle Späth lächelnd hinzu.

Andrea schaute etwas finster, hielten die sie doch tatsächlich für Landeier, die ihrer Meinung nach leicht in einer so großen Stadt wie Rom verloren gehen konnten. Sie stand auf, nahm Benjamin an der Hand und zog ihn hoch. Es war Zeit, die Villa zu verlassen, wenigstens für ein paar Stunden.

Wenig später saßen sie im Zug Richtung Stadtmitte. Wie von Bruno di Magli empfohlen, wechselten sie zweimal die U-Bahn, um nicht mal nach einer halben Stunde die Tunnel der Untergrundbahn Richtung Sonnenlicht zu verlassen. Wenn die Götter reisten, sagte Benjamin immer. Es hatte tatsächlich aufgehört zu regnen und die Sonne hatte es geschafft, ein paar der grauen Wolken zur Seite zu schieben und die alten Steine des Ortes zu bescheinen, der über Jahrhunderte hinweg der Mittelpunkt der römischen – und damit der bekannten – Welt war: das Forum Romanum.

Die beiden erwartete auf den ersten Blick nicht viel mehr als eine gewaltige Ansammlung von Ruinen aus allen Epochen des römischen Imperiums, durchsetzt mit ein paar Säulen, Tempelfragmenten und zwei Triumphbögen. Während Benjamin begeistert über den Jahrtausend alten Marktplatz schlenderte und fast jeden alten Stein eingehend studierte, wandelte Andrea wie schlaftrunken neben ihm her. Sie tat gute Miene zum bösen Spiel, ließ sich aber von Benjamins Begeisterungsfähigkeit für römische Geschichte nicht anstecken. Trotz ihrer anfänglichen Vorfreude auf die geschichtsträchtige Stadt gingen ihr die letzten Stunden einfach nicht aus dem Kopf.

Bruno di Magli als galanter Gastgeber in einer alten Fabrikantenvilla und Sibylle Späth mit ihrem Sprössling. Das hatte sie überrascht und gefühlsmäßig doch ganz schön mitgenommen. Mehr als sie gedacht hatte. Sie konnte Benjamin verstehen, Sibylle war eine attraktive Frau, auch als spät gebärende Mutter. Ihre Ausstrahlung auf Männer war enorm, und wie Graf Wolfram ihnen diese Frau beschrieben hatte, damals im Schloss bei Heilbronn, nahm sie sich immer das, was sie gerade brauchte.

Und Benjamin, der geliebte Einfallspinsel, war ihr auf den Leim gegangen. In ihr Netz. Vielleicht sollte sie das alles nicht überbewerten. Doch es hatte wehgetan. Und es tat immer noch weh. Und sie war geschockt, als es auf einmal hieß, ihr Freund könnte der potentielle Vater von Sibylles Kind sein. Wahrscheinlich gerade deswegen, weil sie selbst das Thema Kinderkriegen ad acta gestellt hatte.

Benjamin war vor einer hohen Säule aus weißem Carrara-Marmor mit korinthischem Kapitell stehen geblieben und machte ein Bild mit seinem iPhone. Andrea hielt sich etwas abseits und schaute ihm dabei zu.

„Das ist die Säule des Phokas, eine Siegessäule zu Ehren des Römischen Kaisers Phokas“, klärte Benjamin sie auf. „Ursprünglich war sie von einer vergoldeten Statue des Kaisers gekrönt. Sie ist erst im 7. Jahrhundert nach Christi Geburt aufgestellt worden. Da war der Glanz des Römischen Weltreiches fast verschwunden. Rom wäre beinahe völlig zerstört worden während der Gotenkriege. Der Gotenführer Totila wollte die Stadt komplett niederbrennen. Hat es aber schließlich nicht getan. Gott sei Dank! Sonst könnten wir die alten Bauwerke heute nicht besichtigen.“

Andrea hatte ihm mit einem halben Ohr zugehört, sich dann aber auf eine Steinbank gesetzt. Benjamin machte ein paar Bilder, dann nahm er neben ihr Platz. Er spürte, dass Andrea anders war als sonst. Seit der wohl oder übel gelungenen Überraschung in der Villa Caprese hatte sie darüber kein Wort verloren. Sie hatten beide schweigend im Zug und in der Metro gesessen und jetzt im Forum Romanum wich er diesem Thema geschickt aus, indem er Andrea mit geschichtlichen Informationen fütterte, die aus einem Reiseführer stammten, den er sich an einem Kiosk besorgt hatte.

Andrea, die ihm sonst bei seinen Ausführungen stundenlang zuhören konnte, zeigte heute wenig Interesse an den antiken Bauwerken, obwohl sie keine Zeit verlieren wollte und ihn recht schnell aus der Villa zum Zug geschleppt hatte. Aber sie wollte das Gebäude verlassen, in dem sie so unerwartet Sibylle Späth antreffen musste.

Andrea saß schweigend auf einem Stein und starrte auf die Säule. Ich komme irgendwie nicht voran, dachte sie, immer wieder, wenn es mir gelingt, ein wenig Ordnung in mein Leben zu bringen, passierte etwas. Liegt es nun an mir, fragte sie sich, ziehe ich das Unglück an wie ein helles Licht Fliegen und Motten.

Eine selbsterfüllende Prophezeiung? Wenn es ihr zu gut ging, wenn sie dachte, „hier bin ich Mensch, hier darf ich sein“[2], schlug das Schicksal immer wieder erbarmungslos zu. Warum ihr gerade Goethes Faust in den Sinn kam?

Sie durfte ihre Glücksgefühle nicht ausleben, denn jedes Mal wenn es ihr gut ging, sie sich wohl fühlte, knallte es. Menschen kamen ums Leben, sie wurde betrogen, hinters Licht geführt oder von Personen aus ihrem nächsten Umfeld enttäuscht. Oder war das alles nur ihre eigene, ganz persönliche Sicht der Dinge? Ihre Wahrnehmung der Realität? Nahm sie gewisse Ereignisse zu ernst, interpretierte sie zu viel hinein? Sollte sie vielleicht lernen, das Leben etwas gelassener zu nehmen, loszulassen, nicht jedes kleinste Detail auf die Goldschale zu legen?

„Dir liegt doch etwas auf dem Herzen?“, fragte Benjamin und legte seinen Arm um ihre Schultern. „Möchtest du darüber reden?“

Andrea drückte ihren Kopf gegen seine Schulter, antwortete aber nicht.

„Es hat sicher etwas mit Sibylle zu tun? Ich wusste nicht, dass sie hier wohnt. Glaube mir.“

„Das weiß ich“, sagte sie leise. „So plötzlich und unvorbereitet der Frau gegenüber zu stehen, mit der du mich betrogen hast, war ganz einfach etwas zu viel für mich. Und so schnell kann ich mich nicht umstellen. Zuerst dieser Schock und dann soll ich mich auf alte Steine konzentrieren. Wie soll das nur gehen?“

„Aber in der Villa hast du …“

„In der Villa habe ich das nur gesagt, um dort raus zu kommen“, unterbrach Andrea ihn.

„Okay! Habe ich verstanden. Da hast du sicher Recht. Es tut mir leid. Ich konnte das nicht ahnen. Sollen wir zurückfahren und uns ein Hotelzimmer suchen? Wir müssen nicht in der Villa übernachten.“

„Wie sieht das denn aus? Soll ich vielleicht fliehen, mich vor dieser Frau verstecken? Ich denke gar nicht daran. Jetzt sind wir da. Und wie sieht dein Besichtigungsplan aus? Welche alten Steine gibt es denn als Nächstes?“ Andrea wurde aufmüpfig,

Benjamin fühlte, dass es nicht gut wäre, wenn er weiter auf der Sibylle-Geschichte herumreiten würde. Sie sollten das Thema vorerst lassen. Es wäre wirklich besser, Andrea mit antiken Bauwerken abzulenken.

„Lass uns ins Kolosseum gehen. Ins Amphitheater Flavium. Es ist 15 Uhr. Wir treffen uns um vier mit Piccard vor dem Eingang. Da haben wir gut eine Stunde Zeit. Oder wir gehen zuerst auf den Kapitol. Von dem Hügel haben wir einen guten Ausblick über das ganze Gelände bis hin zum Kolosseum. Und über das Thema Sibylle sollten wir nicht mehr sprechen. Wir sollten das Thema endlich ruhen lassen. Ich bin nicht der Vater von ihrem Kind. Und es ist Vergangenheit. Lass ganz einfach los, Andrea. Ich habe sie auch vergessen.“ Benjamin erhob sich, ergriff Andreas rechte Hand und zog sie zu sich hoch. Er umarmte sie und küsste sie sanft auf den Mund. „Ich liebe dich und nur dich“, flüsterte er.

Sie stiegen über eine imposante Treppe nach oben und standen schließlich vor zwei beeindruckenden Figuren der Brüder Castor und Pollux, den Söhnen von Jupiter und Leda. Der Sage nach haben sie auf Seiten der Römer in die Schlacht am See Regillus gegen die Latiner eingegriffen und die Nachricht vom römischen Sieg in die Stadt gebracht.

In der Mitte des weiten Platzes imponierte ihnen eine Kopie des berühmten Reiterstandbildes von Marc Aurel. Der Kapitolshügel ist der kleinste der sieben Hügel Roms, aber einer der wichtigsten. Das Kapitol war das Zentrum der Stadt. Hier befand sich zur Römerzeit der berühmteste Tempel, der Tempel des Jupiter Capitolinus. Die Amtsantritte der Konsuln wurden hier gefeiert und die Triumphzüge endeten regelmäßig hier oben auf dem Kapitolshügel.

Doch die Bedeutung und die Architektur des Kapitols haben sich im Laufe der Geschichte gewandelt. Die Treppe und den Platz hat kein geringerer als Michelangelo entworfen. Michelangelo begann den Platz 1538 neu zu gestalten. Von da an war der Platz nicht mehr dem Forum Romanum, sondern dem Vatikan zugekehrt. Heute ist er von drei Renaissancepalästen eingerahmt, dem Senatorenpalast mit der Stadtregierung, dem Palazzo dei Conservatori und dem Palazzo Nuovo.

Nach einem Blick über die so genannte Cordonata, eine große von Michelangelo gestaltete Freitreppe, die mit ihren 124 Stufen auch Himmelsleiter genannt wird und zur Kirche Santa Maria in Aracoeli führt, stiegen Andrea und Benjamin wieder hinab. Diese rampenartige Treppe mit einem weißen Geländer in der Mitte endet auf dem Kapitolsplatz und bildet somit den heutigen Hauptzugang. Im Hintergrund entdeckten die beiden die Reste der Fassade des von Kaiser Augustus errichteten Marcellus-Theaters, einem damals freistehenden Rundbau, der einst 15 000 Besucher fasste und seit 17 v. Chr. regelmäßig genutzt wurde.

Schließlich verließen sie Hand in Hand diesen historischen Platz Richtung Kolosseum und marschierten über die Via Sacra, die heilige Straße, den gepflasterten Hauptweg des Forum Romanum, die direkt vom Kapitol zum Kolosseum führt.

Zu beiden Seiten dieser Straße wurde auf dem Forum zu Zeiten der Römischen Republik im Senat große Politik gemacht und Eroberungspläne des Imperiums geschmiedet. Neben den politischen Bauwerken befanden sich hier die ehrwürdigsten Tempel der Stadt.

Doch auch das alltägliche Leben hatte auf dem Forum Romanum einen Mittelpunkt. Es wurden Geschäfte gemacht und in Markständen allerhand feilgeboten. Und die Basiliken, der Name der Römer für ein Gebäude, das gleichermaßen für geschäftliche Zwecke und auch für die Unterbringung der Gerichte erbaut wurde, dienten profanen Zwecken wie dem Markt- oder Börsenverkehr oder auch als Ort für Gerichtsverhandlungen.

Und so wurde auf der Via Sacra so manche Tat und auch Missetat in Roms Geschichte begangen, feierliche religiöse Feste gefeiert, gewaltige Triumphzüge der siegreichen Feldherren abgehalten, aber auch im Gedränge die täglichen Besorgungen in den Basiliken erledigt. Es wurde geredet, geklatscht und gewürfelt; und es wurden hier Geschäfte abgeschlossen und Römisches Recht gesprochen.

Schließlich standen Andrea und Benjamin auf dem weiten Platz vor dem Kolosseum. Rechter Hand befand sich der Konstantinbogen, ein dreitoriger Triumphbogen zu Ehren des Kaisers Konstantin errichtet. Aber direkt vor ihnen türmte sich die viergeschossige, insgesamt neunundvierzig Meter hohe Fassade des Kolosseums auf. Das Amphitheater Flavium war und ist das größte antike Baumonument Roms und gilt als Symbol für die Unvergänglichkeit der Ewigen Stadt. Der spätere Name Kolosseum leitete sich von der einstmals davor aufgestellten Kolossalstatue des Kaisers Nero, dem Colosso, ab. Sie soll über dreißig Meter hoch gewesen sein.

Zur Eröffnung des Kolosseums fanden unter Titus 80 n. Chr. 100-tägige Festspiele statt. In der Arena, die mehr als 50 000 Menschen fasste, fanden Gladiatorenkämpfe, Tierhatzen und Naumachien[3] statt. Obwohl das Kolosseum nach dem Untergang des Römischen Reiches immer wieder als Steinbruch genutzt wurde, ist der Bau nach wie vor imposant.

Benjamin blickte auf sein Mobiltelefon.

„So, es ist jetzt kurz vor vier Uhr. Schauen wir mal, ob wir in dem Getümmel irgendwo unseren Franzosen entdecken. Da vorne wird der Eingang sein“, Benjamin zeigt mit ausgestrecktem Arm Richtung Längsseite auf den jetzigen Besuchereingang. „Da wird dann auch die Kasse sein. Dort unter den Arkaden. Da geht es hinein.“

„Okay! Gehen wir dort hin.“

Benjamin sog laut die Luft zwischen seine Zähne, als er an dem Bauwerk emporblickte. Er hatte im Reiseführer gelesen, dass das Kolosseum bereits im Altertum ein großer Favorit für die Sieben Weltwunder der Antike war. Es soll der größte geschlossene Bau sein, der von den Römern jemals errichtet worden war. Eine Meisterleistung stellte die ausgefeilte Bühnentechnik dar. Das Kolosseum hatte einen doppelten Boden mit zahlreichen Falltüren und Aufzügen, aus denen Bühnenbilder und das Auftreten von Tiere und Menschen wie aus dem Nichts gezaubert werden konnten.

Über fünfzigtausend Zuschauern soll die Arena damals Platz geboten haben. Die Bürger Roms konnten hier Wagenrennen, Gladiatorenkämpfe und andere grausame Schauspiele miterleben, bei denen oft Menschen und Tiere getötet wurden. Das Kolosseum ist daher zu einem Synonym für das römische Leitbild der Politik „Brot und Spiele“ geworden.

Die Männer, meist Kriegsgefangene, Sklaven oder Verbrecher, die zum Tode verurteilt waren, kämpften dort gegeneinander oder gegen wilde Tiere wie Löwen und Tiger um ihr Leben.

Piccard wartete auf sie. Anscheinend hatte er seinen Besuch in der Vatikanstadt mit einem guten Ergebnis abschließen können, denn er empfing sie mit einem Lächeln auf den Lippen.

„Hallo!“, rief er freudig, als er sie auf sich zukommen sah. „Ich habe Karten für uns. Kommt, wir gehen hinein.“ Piccard wedelte mit Eintrittskarten in der Hand vor ihnen herum.

Nach einem kurzen Hallo und einer Frage, wie denn der Besuch im Vatikan gewesen sei, deren Beantwortung Piccard geschickt auswich, schritten die drei im Westen des Bauwerks durch die Porta Triumphalis, das Tor, durch das in der Antike normalerweise die Gladiatoren einzogen.

Morituri te salutant“, sagte Benjamin, als er durch die Arkaden schritt, „die Todgeweihten grüßen dich.“

Andrea hatte seine Worte verstanden und zeigte ihm einen Vogel. Benjamin lachte nur, schwellte seine Brust und schritt breitbeinig wie ein mit Brustpanzer und Schwert bewaffneter Kämpe in die Arena.

Piccard führte sie ins Innere der Arkadengänge und folgte einer Treppe in die oberen Stockwerke. Das Gebäude wie auch die Arena waren ellipsenförmig erbaut worden. Die ersten drei Stockwerke bestehen aus jeweils 80 Arkaden, gerahmt von Halbsäulen, die im Untergeschoß der dorischen, in der Mitte der ionischen und im dritten Stockwerk der korinthischen Ordnung folgen. Das vierte, oberste Geschoß besteht aus ebenfalls 80 von Pilastern getrennten Wandfeldern. Dort oben befanden sich Vorrichtungen zur Aufnahme von 240 Holzpfosten, an denen gewaltige Sonnensegel befestigt werden konnten, um die Zuschauer im Innern der Arena zu schützen. Nur an der Nordseite hat sich die viergeschossige, insgesamt 49 Meter hohe Fassade weitgehend vollständig erhalten.

Piccard blieb an einer der Arkaden stehen und zeigte mit dem Arm auf die ehemaligen Zuschauertribünen.

„Es ist interessant, wie die Römer damals die Sitzplatzsituation zu meistern wussten. Manchmal denke ich, dass sich hier einige der moderneren Fußballstadien eine Scheibe abschneiden könnten. Die Zuschauer wurden durch ein ausgeklügeltes System von Durchgängen, Rampen und Treppen zu ihren Plätzen geführt. Jeder Bürger besaß eine Marke mit der Platznummer und Angaben zu den entsprechenden Ein- und Aufgängen. Quasi wie eine Eintrittskarte bei einem Konzert oder einem Fußballspiel. Dabei war der Ort, an dem ein Zuschauer Platz nehmen durfte, streng nach der Zugehörigkeit der Schichten und Berufsklassen der römischen Gesellschaft geregelt. Der erste, nur aus wenigen Stufen bestehende Rang war den Senatoren vorbehalten. Ihre Plätze waren durch ihre Familiennamen gekennzeichnet. Es folgten drei Ränge für die männlichen Bürger, die nach sozialen und berufsständischen Gesichtspunkten Platz nahmen. Und ganz oben folgte ein hölzerner Rang, wo die untersten Schichten und die Frauen Platz zu nehmen hatten. Wie in der Oper verschiedene Ränge, nur nicht durch den Preis differenziert, sondern durch den bürgerlichen Rang.“

Benjamin fühlte sich in die Zeit der römischen Kaiser zurückversetzt. Tausende von grölenden und kreischenden Zuschauern. Die Sonnensegel waren zugezogen, um vor der heißen Sonne zu schützen. Benjamin schloss für einen Moment die Augen und stellte sich das Gedränge auf den Sitzreihen vor. Eine kreischende Masse, die sich an den brutalen Darbietungen ergötzte. Senatoren in edlen Gewändern und Tuniken, aber auch adrette Frauen, die den Kämpfern zujubeln, um sich verschreckt abzuwenden, sobald es ernst wird. Während unten in der Arena sich die dem Tod Geweihten darauf vorbereiteten, ihr armseliges Leben mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Benjamin begann zu spüren, welche Ängste, Wut und Hass die Menschen erlebt haben mussten, die hier ihrem Tod ausgeliefert waren. Eine antike Reality Show.

„Über die Jahrhunderte haben einige Hunderttausend Menschen in dieser Arena den Tod gefunden nebst den zahllosen Tieren“, fuhr Piccard fort, „Das Kolosseum ist der blutigste Ort der italienischen Geschichte. Seit 1999 dient das Kolosseum in Rom als Gedenkstätte und Monument gegen die noch immer in vielen Ländern präsente Todesstrafe. Als Zeichen des Mitgefühls für die Opfer, aber auch als Protestbekundung für die barbarischen Gesetze erstrahlt das Kolosseum immer dann für 48 Stunden in bunten Farben, wenn in irgendeinem Staat auf dieser Welt ein Todesurteil ausgesetzt oder aber die Todesstrafe abgeschafft wird.“

„Das wird wahrscheinlich nicht sehr oft der Fall sein“, sagte Andrea, „es gibt noch viele Länder, in denen die Todesstrafe praktiziert wird. Ich habe im Spiegel gelesen, dass im vergangenen Jahr weltweit mindestens 3797 Menschen hingerichtet wurden. Da in vielen Ländern die Todesstrafe unter Geheimhaltung angewendet wird, liegt die tatsächliche Zahl der Hinrichtungen wahrscheinlich wesentlich höher. Den Rekord hält China mit mindestens 3 400 Menschen, die exekutiert wurden. Wenn keine Begnadigungen stattfinden, kommen die Lichter im Kolosseum nicht oft zum Leuchten.“

„Es gibt noch 76 Staaten mit der Todesstrafe.“ Piccard blickte starr auf die Arena.

„Das sind verdammt viel“, sagte Andrea, „Obwohl ich nicht weiß, was besser ist, sofort für mein Verbrechen hingerichtet zu werden oder ein Leben lang weggesperrt zu sein.“

„Hoffen wir, dass Sie niemals vor diese Wahl gestellt werden“, fügte Piccard hinzu, „lassen Sie uns in die Arena und in die Reste der Kellerräume gehen. Mal sehen, was wir da alles betrachten können. Und den Abschluss bildet dann das Museum. Ein paar Vitrinen mit alten Fundstücken und Zeichnungen, wie das Kolosseum mal früher ausgesehen hat.“

„Gut! Gegen wir in die Löwengrube“, rief Benjamin und marschierte Richtung Treppe. Vor einer verschlossenen Stahltüre blieb er stehen.

„Wir kommen nicht hinunter. Die Tür ist zu.“

„Doch, doch. Warten Sie hier, ich bin gleich zurück“, sagte Piccard und verschwand in einem Gang. Kurze Zeit später kam er mit einem Museumswärter zurück, auf den er, während er neben ihm her ging, unablässig auf Italienisch einredete. Benjamin verstand kein Wort, aber es musste gewirkt haben, denn der Wärter öffnete die Tür und zeigte auf seine Armbanduhr.

Un'ora! Poi ho dovuto chiudere di nuovo. Inserisci una sola ora! Eine Stunde! Dann muss ich wieder schließen. Bitte nur eine Stunde!“, ermahnte sie der Wärter.

Naturalmente. E ancora, grazie. Selbstverständlich. Und noch mal, vielen Dank“, versprach Piccard.

Die drei verschwanden hinter der Stahltür. Ein Klicken verriet, dass die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel und die Kellerräume wieder für die gewöhnlichen Touristen verschlossen waren.

„Was haben Sie gemacht, dass wir hier herunter dürfen?“, fragte Andrea.

„Ein kleines Geheimnis“, sagte Piccard verschmitzt, lachte und schritt voran.

An Marmorsäulen und zerbrochenen Steintribünen vorbei schlüpften die drei hinab ins Untergeschoss. Das zweite Klicken der Stahltür konnten sie nicht mehr hören. Die Stahltür war ein weiteres Mal geöffnet und wieder geschlossen worden.

Einige Meter tief führte die Treppe in den Keller des Kolosseums. Andrea, Benjamin und Alphonse Piccard traten hinaus in das verfallene Stadion. Moos und Minze wucherten in dem feuchten Mauerlabyrinth, über dem einst ein Fußboden aus Holz lag. Piccard zeigte auf einen schmalen Gang.

„Hier kamen früher die Löwen durch.“ Dann verschwand der Franzose in einem unterirdischen Gewölbe, das zur Gladiatorenkaserne hinüberführte.

„Hierher!“, rief er, „der Versorgungstrakt für die Todgeweihten. Wir sind jetzt in den Eingeweiden des Kolosseums. Normalerweise sind diese Räume nur an gewissen Tagen für die Öffentlichkeit zugängig. Also schätzen Sie die heutige Privatführung.“

„Es ist, als ob wir in die Hölle hinabsteigen. Ich kann mich sicherlich täuschen, aber ich rieche immer noch das viele Blut.“

„Bis ins 6. Jahrhundert war das Kolosseum in Betrieb. Danach verfiel es und wurde sogar als Lieferant für Bausteine benutzt. Nach Christi Geburt wurden hier die ersten Gläubigen den Löwen zum Fraß vorgeworfen. Jedes Jahr sollen hier annähernd tausend Menschen umgekommen sein. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen hier unten, warten auf Ihren Tod, beten zu Gott und hoffen auf Erlösung, um Minuten später als Märtyrer im Bauch eines ausgehungerten Löwen zu verenden. Aber nicht nur Christen, auch Verbrecher wurden hier hingerichtet. Vater- und Muttermörder, aber auch Tempelschänder, Brandstifter oder Kriminelle aus den Kolonien wurden von der römischen Justiz verurteilt, hier zu sterben. Die Verurteilten wurden stehend auf einen Karren gebunden und zur Zerfleischung freigegeben.“

„Hören Sie auf! Bitte! Mir wird schlecht. Ich muss mich gleich übergeben. Ihre Geschichten, der Gestank hier und dann die Gewissheit, dass hier Menschen nur wegen ihrer religiösen Überzeugung starben. Nicht die wilden Tiere sind die Bestien, die Menschen, die das veranlasst haben, und die Menschen, die dabei zusahen.“ Andrea würgte und beugte sich Richtung Boden. Doch sie fasste sich wieder und richtete sich auf.

„Sie haben Recht, folgen Sie mir in die Räume unter der Arena, da ist bessere Luft. Hier sollen zwei Dutzend Lifte für Bären, Raubkatzen oder Wölfe existiert haben und zwanzig bewegliche Plattformen, mit denen man Dekorationen und Personal emporhob. Mit dieser Mechanik konnten die Veranstalter wie aus dem Nichts ganze Löwenrudel aufs Spielfeld heben. Nur wer dem Volk Brot und Spiele bot, konnte als Senator Karriere machen.“ Piccard führte seine Freunde durch einen Gang in einige Räume, die mitten in der ellipsenartigen Arena lagen. Jetzt konnten sie von hier aus in die Rotunde des Stadions blicken. Früher waren diese Keller mit einer dicken Holzdecke nach oben hin verschlossen.

„Das müssen einmal die Raubtierkäfige gewesen sein“, sagte Benjamin und pulte an dem rostigen Rest einer Metallstange herum.

„Die Löwengrube! Tatsächlich“, bestätigte Piccard, „hier sehen Sie die Reste eines möglichen Hebewerks, mit denen die Tiere hinaufbefördert wurden.“ Piccard zeigte auf Löcher im Boden und vermoderte Reste eines Holzrades.

Während Benjamin Piccard gefolgt war und alles gewissenhaft untersuchte, blieb Andrea stehen und drehte sich plötzlich um. Sie hatte zuvor den beiden interessiert gelauscht, nun aber ein ungewöhnliches Geräusch hinter sich gehört. Da die Stahltür hinter ihnen wieder verschlossen worden war, müssten sie allein hier unten sein. Sie spähte durch den Gang und lauschte. Doch es blieb wieder alles ruhig.

„Ich habe mal irgendwo gelesen, dass es gar nicht erwiesen sein soll, dass hier Christen den Löwen vorgeworfen wurden. Und der Film Gladiator von Ridley Scott, der zum größten Teil hier im Kolosseum spielt, soll Hunderte historische Mängel haben.“

„Das mag richtig sein, Benjamin. Auch wenn man nicht allzu viel über das Martyrium von Christen in diesem Amphitheater weiß, so ist es doch seit langem ein Gedenkort für die Blutzeugen, die dort für ihren Glauben eintraten. Am Karfreitag eines jeden Jahres betet der Papst dort mit vielen tausend Gläubigen den Kreuzweg. Das Kolosseum soll ein Mahnmal für all jene Gläubigen der Welt werden, die ihr Bekenntnis zum wahren Gott mit ihrem irdischen Leben bezahlt haben.“

„Der wahre Gott nach der Meinung der Christen?“

„Natürlich!“

„Die Mohammedaner glauben auch an ihren wahren Gott. Und die Juden? Jehova oder Jahwe?“

„Jahwe! Sie haben Recht, im Gegensatz zu den anderen Völkern jener Zeit, die eine ganze Götterwelt verehrten, glaubten die Juden nur an einen einzigen Gott. Jahwe. Die jüdische religiöse Tradition war die erste monotheistische Religion, deren Gott auch als der Gott Israels bezeichnet wird. Und bei den fünf Weltreligionen Hinduismus, Judentum, Buddhismus, Christentum und Islam ist sie zusammen mit dem Hinduismus die älteste der Großen Fünf. Religion an sich gab es schon immer. Seitdem der Mensch denken kann. Und die erste überhaupt war sicherlich einfach nur so etwas wie ein urzeitlicher Schamanismus. Anbetung von Dingen, die der Mensch nicht begreifen konnte. Das erste religiöse Erleben, das mit der Entstehung des menschlichen Bewusstseins verbunden zu sein scheint, begann vermutlich bereits vor 500 000 Jahren. So sagen auf jeden Fall die Wissenschaftler. Es sollen die ersten Begräbniskulte entstanden seien. Das soll auch bei den Neandertalern bewiesen sein.“

„Das ist sehr lange her. Und es sind Theorien. Doch wann ist das Judentum entstanden?“, fragte Benjamin.

„Gott soll vor etwa 4 000 Jahren einen Bund mit Abraham und seinen Nachkommen geschlossen haben. So steht es zumindest in der Bibel. Abraham sollte beweisen, dass er wahrhaft gläubig ist. Gott forderte von ihm, dass er seinen einzigen Sohn Isaak für ihn opfert, doch kurz vor der Tötung unterband Gott die Opfergabe. Dafür belohnte er Abraham mit Reichtum und vielen Nachkommen.Die jüdische Religion verlangt daher den ehrfürchtigen und beispielhaften Gläubigen, dass Gottes Gesetze befolgt werden müssen. Und der Mensch darf nicht nach einer Begründung forschen, da der Mensch nicht in der Lage ist, die göttliche Logik zu verstehen. Die Erfüllung der Gebote Gottes ist eine Selbstverständlichkeit.“

„Also ist die jüdische Religion fast 4 000 Jahre alt? Und mit den Geboten meinen Sie die Zehn Gebote?“

„Ja und nein. Die jüdische Religion ist nachweisbar 4 000 Jahre alt. Doch es handelt sich nicht nur um die Zehn Gebote allein, wenn sie auch die bekanntesten und härtesten sind. Moses hat die Thora, die er von Gott erhalten hatte, dem Volk der Hebräer am Berg Sinai überreicht. Wenn Sie so wollen, war dieses Schriftenwerk die Weiterentwicklung des Bundes, seine Manifestation und Ausarbeitung, die einigende Verfassung.“

„Die Thora ist doch nur so eine Schriftenrolle, oder?“

„Die Thora ist quasi die hebräische Bibel, sie ist für Juden „das Buch der Bücher". Sie umfasst die fünf Bücher Moses mit den 613 Vorschriften, davon sind 248 Gebote und 365 Verbote. Sie sehen also, es sind etwas mehr als nur die Zehn Gebote, die wir in der christlichen Gemeinschaft kennen.“

Benjamin pfiff durch die Zähne.

„Also ein religiöses Gesetzbuch!“

„Richtig, aber auch falsch. Der hebräische Begriff Thora bedeutet Lehre, Unterricht, Belehrung und auch Gesetz. In diesem Sinne besteht die Thora, wie das Leben selber auch, nicht aus einzelnen, voneinander getrennten Teilen. Mensch und menschliches Leben sind immer eine Mischung von allem, der ganzen Welt und all ihrer Teile. Natürlich schafft der Mensch durch seine Existenz künstliche Teilungen, definiert Beschränkungen und zieht Grenzen. In Wirklichkeit aber wird jeder einzelne Mensch mehr oder weniger von allen anderen Teilen der ganzen Menschheit genährt. Die in der Thora enthaltenen Gesetze umfassten jeden Aspekt des Lebens, ob weltlich oder religiös. Sie waren neu und unbekannt, für die Welt um 1 250 vor Christus gar schockierend. So gab es Vorschriften darüber, wann, was und wie man zu essen hatte. Diese Speisevorschriften waren eine erhebliche Einschränkung für ein Wüstenvolk, das jede Gelegenheit nutzen musste, um satt zu werden.“[4]

„Daher kommt also die koschere Küche. Aber es ist doch nur eine Rolle?

„Ja, das stimmt. Sie wird immer wieder kopiert. Handschriftlich. Nicht gedruckt wie die Bibel. Der Text wird auf handgefertigtem Pergament aus der Haut reiner Tiere geschrieben. Zum Schreiben werden Gänsekiele und reine Tinte verwendet. Die Thorarolle wird auf zwei Stäbe aufgewickelt. Und diese Holzstäbe werden als „Baum des Lebens“ bezeichnet. Dann wird um die Thorarolle ein spezielles Stoffband gebunden und anschließend wird sie mit einem reich bestickten Mantel bedeckt, der sie beschützen und verzieren soll.

Und diese kostbare Schriftenrolle darf nicht mit bloßen Händen berührt werden. Als Lesehilfe dient ein silberner Stab, an dessen Ende sich eine kleine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger befindet.“

„Ich habe es einmal im Fernsehen gesehen, bei einer jüdischen Hochzeit.“

Während Benjamin und Piccard andächtig zusammen auf die Reste der Ränge starrten und sich über die jüdische Religion unterhielten, hörte Andrea wieder ein Geräusch. Andrea folgte ihrer Eingebung und ging zurück in den Gang. Sie mussten die einzigen Besucher hier unten sein, es sei denn, der Wärter hatte weitere inoffiziell hereingelassen. Jetzt hörte sie es wieder. Ein Husten. Jemand hatte gehustet. Sollte sie zu den anderen zurück und sie darüber informieren, oder machte sie sich, wie so oft, viel zu viele Gedanken?

Doch wenn jemand hustete, dann waren sie nicht allein hier unten. Eigenartig, dachte sie. Andrea schlich den Gang weiter entlang. Rechts und links zweigten weitere Tunnel und verfallene Keller- oder Kerkerräume ab. Es war dunkel, die Sonnenstrahlen fanden nur sehr schwer ihren Weg hierher, es roch nach Fäulnis, nach Dreck und nach Tod. Andrea wollte gerade wieder umdrehen und zurückeilen, da hörte sie ein weiteres Geräusch. Diesmal war es ein metallisches Klacken. Als ob jemand einen Schlüssel in einem Schloss umdrehte. Es klackte zweimal, dann war es wieder ruhig.

Andrea hielt den Atem an und blieb stehen, um besser hören zu können. Doch nichts. Nur Stille. Sie war mittlerweile von Benjamin und Piccard so weit weg, dass sie die beiden nicht mehr hören konnte und die dicken Mauerwände schluckten den Schall von den Touristen draußen in der Arena. Unheimlich war es hier unten. Sie war dem Geräusch weiter gefolgt und bog um eine Kurve. Der Schock kam so überraschend, dass ihre Stimme auf einmal versagte und sie keine Zeit mehr hatte, um Luft zu holen, nach Hilfe zu rufen oder ganz einfach wegzulaufen. Andrea blickte auf den Lauf einer Waffe mit Schalldämpfer und in die braunen, durchdringenden Augen eines Mannes, den sie bereits kannte, leider nur zu gut. Sie blickte in die Augen des Mossad-Agenten Moshe.

Sein älterer Partner Shimon stand seitlich, packte sie am Arm und legte ihr fest eine Hand auf den Mund. Moshe bohrte ihr den Lauf der Waffe in die Brust. Mit weit aufgerissenen Augen blickte sie auf die beiden Agenten, die sie vor wenigen Tagen in ihrer Obhut hatten und denen sie mit Hilfe Kassims und Piccards entkommen konnte. Wie kommen die denn plötzlich hierher, fragte sie sich. Doch bei dieser Frage blieb es auch, denn sie wollte Benjamin und Piccard warnen. Sie trat nach den Schienbeinen ihrer Peiniger, doch der Griff Shimons war wie eine Stahlklammer und seine Hand auf ihrem Mund ließ sie keinen einzigen Ton herausbringen. Ihre Verteidigung brach zusammen.

„Bleiben Sie ruhig! Es passiert Ihnen nichts, wenn Sie stillhalten“, flüsterte Shimon ihr ins Ohr.

„Wo sind Ihre Freunde?“, fragte Moshe.

Andreas hektischer Blick nach hinten verriet die Richtung, aus der sie gekommen war. Shimon schob sie vor sich her und Moshe hielt sie mit der Waffe in Schach.

„Vorwärts!“, kommandierte er leise und stieß ihr den Lauf in den Rücken.

 

Benjamin und Piccard hatten bemerkt, dass Andrea nicht mehr hinter ihnen stand.

„Wir sollten mal nach Ihrer Freundin schauen. Unser Gespräch über Religion hat sie gelangweilt.“

„Vielleicht ist ihr auch nur schlecht und sie musste sich übergeben. Der Geruch hier unten und der Gedanke an die blutrünstigen Ereignisse, die sich hier abgespielt haben, das kann einem ganz schön auf den Magen schlagen. Suchen wir sie!“

Piccard gehorchte und wollte gerade die Löwengrube verlassen, als Andrea wieder direkt vor ihnen auftauchte. In Begleitung. Es dauerte einige Sekunden, bis die beiden Männer realisierten, was sie da vor sich sahen. Andrea war in Begleitung der beiden Mossad-Agenten aus Tel Aviv.

„Shalom! Monsieur Piccard und Herr Breitner. So schnell sieht man sich wieder. Und dann an einer so exponierten Stelle.“ Shimon schubste Andrea in Richtung der beiden Angesprochenen.

Piccard und Benjamin hatte es die Stimme verschlagen.

„Sie haben doch nicht gemeint, dass wir Sie damit durchkommen lassen, Bruder Alphonse?“

„Bitte ...“, stotterte Piccard, „woher wissen Sie …?“

„Ach, das war nicht besonders schwer“, antwortete Shimon dem Franzosen. „Wir haben überlegt, wo geht ein Geistlicher hin, wenn er der Meinung ist, er wird verfolgt. Auch wenn er nicht weiß, wer die Guten und die Bösen sind. Er geht nach Rom. Und was macht er in Rom, er besucht den Vatikan. Also mussten wir nur den Vatikan beobachten. Die verschiedenen Eingänge. Und stellen Sie sich vor, wer betritt heute Vormittag an der östlichen Vatikanmauer, rechts von den Kolonnaden gelegen, die Porta S. Anna, den Haupteingang des Vatikans? Monsieur Piccard. Ihr Konterfei ist nicht zu verwechseln. Und so mussten wir nur warten, bis Sie wieder herauskamen. Und wir sind Ihnen hierher gefolgt. Die Stahltür stellte sich für uns nicht als Problem dar. Und jetzt sind wir hier. Ich denke, es gibt einiges zu besprechen.“

Piccard starrte Shimon an. Benjamin konnte es ihm ansehen, damit hatte er nicht gerechnet. Wie erfolgreich auch immer sein Tag im Vatikan gewesen sein mag, das Erscheinen der beiden Israelis konnte alles zunichte machen. Das sah man ihm an.

„Was wollen Sie?“

„Immer noch Ihre Bücher. Wir sind der einhelligen Meinung, dass sie in unserem Gewahrsam sicherer sind als in Ihrem, wobei wir anscheinend nicht die einzigen sind, die Jagd auf sie machen.“

„Was meinen Sie damit? Meine Bücher sind in Sicherheit. Sie brauchen da keine Angst zu haben. Sie sind im Vatikan. In der Bibliothek. Vor neugierigen Blicken und unerwünschten Besuchern fest verschlossen.“

„Dann werden Sie die Bücher holen müssen sonst …“

„Sonst was? Seien Sie doch nicht kindisch. Wollen Sie wieder einen meiner Freunde als Geisel nehmen und gegen die Bücher tauschen? Vielleicht diesmal Herrn Breitner?“ Piccards Stimme überschlug sich. Er war verärgert.

Benjamin blickte böse zu Piccard, doch der beruhigte ihn mit einem verheißungsvollen Blick. Die beiden Agenten standen vor ihnen und sagten vorerst nichts.

„Und Sie sind hier in Rom, in meiner Stadt, auf meinem Terrain. Hier spielen wir nach meinen Regeln. Und die könnten gefährlich sein, vor allem für illegale Agenten des israelischen Geheimdienstes.“

Moshe und Shimon hatten etwas ihren Schwung verloren. Der anfängliche Vorteil der Überraschung war verflogen.

„Und wie soll es jetzt weiter gehen?“, fragte Piccard sie provozierend.

Moshe und Shimon sahen sich gegenseitig an. Andrea spürte richtig, wie es in ihren Köpfen arbeitete und hämmerte. Sie wussten nicht weiter. Piccard hatte Recht mit seinen Behauptungen. Und das wussten sie. Wieder eine Entführung? Und das vor den Augen der römischen Polizei? Ungeschickt. Sie hatten keinen richtigen Plan. Waren Hals über Kopf nach Rom gereist. Ihre verletzte Eitelkeit hatte sie dazu getrieben. Und dann hatten sie überraschend Piccard entdeckt. Und jetzt standen sie beide hier vor ihnen. Mit einer Waffe in der Hand. Aber eine Pistole im Anschlag war kein ausreichender Argumentsverstärker.

„Macht es Ihnen etwas aus, diese doofe Pistole einzustecken, nachher geht sie los und jemand wird verletzt“, fauchte Andrea.

Moshe stutzte, steckte aber die Pistole ins Halfter unter seiner linken Schulter.

„Gut! Wie soll es jetzt weitergehen? Wir wollen die Bücher, Sie wollen sie nicht hergeben. Pattsituation. Oder was glauben Sie?“

„Vielleicht sollte ich erst einmal wissen, warum Sie so angestrengt danach suchen und bereit sind, so viele Risiken einzugehen.“

„Das ist recht einfach erklärt“, sagte Moshe. „Sie haben über Dinge Buch geführt, die die katholische Kirche in Misskredit bringen könnte. Natürlich nur dann, wenn diese Ereignisse an der richtigen Stelle platziert werden. Doch soweit soll es nicht kommen. Sagen wir einmal, der Staat Israel braucht sie als Unterpfand für seine nächsten diplomatischen Verhandlungen mit dem Vatikan.“

„Ohne Erpressung geht bei euch wohl nichts“, maulte Benjamin dazwischen.

„Große Worte, Herr Breitner, wenn Sie sich da nicht täuschen. Die römisch-katholische Kirche ist eine Glaubensgemeinschaft, die angibt, Nächstenliebe zu predigen und zu leben und für die Ärmsten da zu sein. Doch immer häufiger weicht die Kirche von ihren Glaubensgrundsätzen ab, um sich mit antiquierten Ansichten in die Politik einzumischen. Glaubensvertreter wettern zum Beispiel gegen die rechtliche Gleichstellung von Lesben und Schwulen. Auch nehmen sie sich das Recht heraus, sich in die Politik einzumischen. Hat denn die katholische Kirche aus ihren Verbrechen Konsequenzen gezogen?“

„Was meinen Sie damit?“, fragte Andrea.

„Im Heiligen Jahr der Kirche 2000 sprach der Papst Johannes Paul II. das „Mea culpa[5]“ der katholischen Kirche und bat um Vergebung der Sünden. Doch wer geglaubt hat, die Kirche bekennt sich zu ihrer Schuld am Tod der Millionen Opfer der Inquisition, nennt die Verantwortlichen, bereut, macht wieder gut, soweit möglich durch Rückgabe von konfisziertem Eigentum und vernichtet gar die furchtbaren Schuldsprüche, Anklagen und Beschlüsse zur Inquisition, die immer noch in den Archiven lagern, der wurde bitter enttäuscht. ‚In manchen Zeiten haben die Christen bisweilen Methoden der Intoleranz zugelassen …’, das war alles, was der Papst zum Holocaust, zur Massenvernichtung der Katarer und der vielen Andersgläubigen zu sagen wusste.“

„Was hätten Sie denn erwartet?“, mischte sich Piccard ein.

„Ein Eingeständnis. Das wäre das Wenigste. Und jetzt die Diskussion um den Holocaust-Verleugner Bischof Williamson. Dieser Mensch behauptete, in 2 000 Jahren hätten wir Juden nichts unversucht gelassen, um die katholische Kirche zu unterwandern und Christus aus dem Christentum zu entfernen. Und er leugnete unter Berufung auf den pseudowissenschaftlichen Leuchter-Report die Existenz von Gaskammern und behauptete, im Zweiten Weltkrieg sei kein einziger Jude vergast worden.“

„Daher weht also der Wind. Ihr braucht etwas, um den Papst zu kompromittieren. Richtig?“ Piccard war wieder ganz der Alte. Es ging nicht mehr um die Bücher, es ging um die Verfehlungen der Kirche, insbesondere die gegen das jüdische Volk.

„Nein! Es geht um die Wahrheit. Williamson ist gefährlich, er hat seine Thesen nicht zurückgenommen und sich sogar mit der französischen Holocaustleugnerin Michèle Renouf getroffen. Diese Frau behauptete, Israel hatte niemals, zu keiner Zeit, das moralische Recht besessen zu existieren.“

„Das ist nur eine dumme Frau“, fauchte Piccard, „man kann sie nicht für voll nehmen. Sie war ein bekanntes Model, Schönheitskönigin und Tänzerin und gehört heute zum britischen Jetset.“

„Sie ist gefährlich und niemand stoppt sie. Sie unterstützt Williamson und Toben[6] und tritt öffentlich bei Holocaust-Konferenzen auf. Dort verspritzt sie dann ihr Gift und hält antisemitische Reden, unter anderem in Teheran.“

„Und da meinen Sie, meine Tagebücher helfen Ihnen?“

„Wir wissen, dass Sie, Bruder Alphonse, mit Williamson und der Renouf zu tun hatten, es wäre interessant zu lesen, wie und was da war.“

„Und was soll Ihnen das helfen? Die beiden sind kranke Menschen, im Kopf und im Geiste krank.“

„Aber sie sind niemals von der Kurie richtig in die Schranken gewiesen worden. Eher verniedlicht und verleugnet.“

„Lassen wir das Geplänkel, die Bücher sind im Vatikan. Wenn Sie die Bücher haben wollen, müssen Sie diese selbst holen.“ Piccard stand vor den beiden Agenten wie ein Pitbull vor dem Angriff, jederzeit bereit loszustürmen und zuzubeißen.

So habe ich den souveränen Franzosen noch nicht erlebt, dachte Benjamin. Normalerweise hat er seine Gefühle unter Kontrolle. Doch bei diesem Thema versagt seine Contenance.

Wie bei einem Duell standen sich die Kontrahenten gegenüber, jeder beobachtete den anderen, keiner sagte etwas.

Benjamin starrte auf die beiden Parteien. Dann stutzte er plötzlich und deutete mit seinem Zeigefinger auf einen roten Lichtpunkt auf der Brust des jüngeren Agenten, der dort aus heiterem Himmel auftauchte. Moshe folgte dem Zeigefinger mit Blicken und entdeckte den zittrigen Punkt auf seinem Hemd. Ihm war sofort klar, um was es sich handelte. Der Profi wusste Bescheid. Der rote Punkt war eine Zieloptik eines Scharfschützengewehrs. Moshe erstarrte in seinen Bewegungen und schnauzte Piccard an.

„Ist das einer von Ihren Leuten, der da auf mich zielt?“

„Herrgott noch mal: Nein. Das muss ein Gewehr mit Laserpointierung sein. Da zielt jemand auf Ihr Herz. Bewegen Sie sich nicht. Wir wissen nicht, wo der Schütze steckt. Er muss irgendwo auf der Tribüne sein. Nur von dort hat er ein so gutes Schussfeld auf uns.“

Plötzlich tauchte auf Shimons Brust ein ähnlicher roter Punkt auf, der langsam um die Stelle wanderte, wo sich sein Herz unter Jacke und Hemd befinden musste.

„Das sind zwei Schützen!“, rief Shimon und bewegte sich nicht mehr. „Das sind doch Ihre Leute, Piccard. Ihre Rückendeckung, allzeit bereit. Und jetzt? Wollen Sie uns liquidieren, hier mitten im Kolosseum?“

„Glauben Sie mir doch, ich weiß von nichts. Ich weiß nicht, wer da auf Sie zielt. Bleiben Sie nur erst einmal ruhig stehen, mir fällt schon etwas ein. Die müssen Gewehre mit Präzisionsmunition haben, hochleistungsfähige Patronen, die wahnsinnig schnell fliegen und die ihr Ziel fast nicht verfehlen. Ein Schritt zur Seite und Sie sind beide tot.“

„Das wissen wir“, zischte Moshe den Franzosen an. „Wenn es nicht Ihre Leute sind, wer ist es dann und mit solchen Waffen. Die GIS?“

„Die italienische Terrorabwehr? Die haben vielleicht solche Waffen, aber einen solchen Einsatz? Das traue ich denen nicht zu. Die Schützen spielen mit uns. Wenn die Sie töten wollten, hätten sie es schon längst getan. Es geht hier um etwas anderes. Es geht hier womöglich nur um eine Warnung: Lassen Sie uns in Ruhe oder so.“

„Also doch Leute, die hinter Ihnen stehen?“

„So möchte ich das nicht ausdrücken. Es sind eher Leute, die nicht wollen, dass Sie uns belästigen und dass Sie die Bücher bekommen. Und das könnten viele sein.“

„Was machen wir jetzt?“

„Andrea, haben Sie zufällig einen Kosmetikspiegel in Ihrer Handtasche?“

„Nicht zufällig, aber ich habe einen. Wollen Sie den haben?“

„Ja, bitte! Reichen Sie ihn mir herüber, aber unauffällig. Bis jetzt sind wir drei noch nicht im Visier. Wenn wir jetzt gehen, wissen wir nicht was passiert, und ich möchte nicht am Tod dieser ehrenwerten Herren aus dem Staate Israel mitverantwortlich sein“, sagte Piccard leicht ironisch.

Andrea reichte ihm den Spiegel.

„Es ist Nachmittag, die Sonne steht im Westen; die letzten Sonnenstrahlen gelangen durch die Öffnung über uns hier herein. Die Schützen müssen im Westen auf einem der Stockwerke sitzen oder liegen. Wahrscheinlich dort, wo wegen der Renovierungsarbeiten die Arkadengänge gesperrt sind. Da entdeckt sie niemand. Sie werden mit einem Restlichtverstärkerobjektiv arbeiten und Schalldämpfer benutzen. Ich werde versuchen, sie für den Bruchteil einer Sekunde zu blenden. Das sollte reichen.“

„Ja und?“, fragte Moshe, etwas ungeduldig auf den Punkt über seinem Herzen starrend.

„Der Schusswinkel ist recht steil. Das heißt, im Gang erwischen sie uns nicht. Es muss jetzt alles ganz schnell gehen. Benjamin, du wirfst dich auf Shimon, ich mich auf Moshe. Du musst ihn umwerfen, aus der Schussbahn bringen. Andrea, Sie lassen sich ganz einfach fallen und robben in den Gang hinein. Das alles, wenn ich ‚jetzt’ sage.“

Die beiden Agenten, Benjamin und Andrea sahen Piccard ungläubig an. Er dachte, er könnte die beiden Schützen übertölpeln. Und wenn es mehr als zwei Schützen waren? Wenn sie einer aufs Korn genommen hatte, ganz ohne Laserpunkt? Zu spät, darüber nachzudenken.

Piccard hob langsam den Spiegel in die Höhe, immer höher, bis er ihn blitzschnell auf einer Linie zwischen den Mossad-Agenten und den vermeintlichen Schützen hatte. Die Sonne knallte in den Spiegel, der wiederum reflektierte das Licht, das für den Bruchteil einer Sekunde die Schützen blenden musste. Piccard rief „jetzt“, und alle, die vorher steif und unbeholfen in der Löwengrube gestanden hatten, warfen sich auf den Boden.

Andrea hatte sich zuerst fallen lassen und kroch wie eine Wahnsinnige zum Ausgang. Benjamin hatte sich mit aller Gewalt gegen Shimon geworfen, der aus dem Gleichgewicht geraten nach hinten mit dem Kopf gegen das Mauerwerk fiel und benommen auf dem Boden liegen blieb. Piccard hatte kein Problem, den leichteren Moshe sekundenschnell zu Fall zu bringen. In dem Moment, als sie alle zusammen auf den kalten, bemoosten Steinboden fielen, knallten dumpf tönend Geschosse über ihnen in die Steine und ließen nach ihrem Einschlag spitze Gesteinsbrocken über sie rieseln.

Es hatte geklappt. Sie hatten es geschafft, waren aus dem Schusskreis der unbekannten Schützen entkommen. Im Tunnel waren sie in Sicherheit. Moshe und Shimon waren etwas benommen, der Sturz mit dem Kopf auf die harten Steine hatte ihnen etwas die Besinnung geraubt. Piccard war der erste, der wieder voll bei der Sache war. Gekonnt zog er mit einem Griff die Pistole aus dem Halfter des jüngeren Agenten, während er fast zugleich Shimon nach einer möglichen Waffe abtastete. Doch der war unbewaffnet.

„Los, hauen wir ab“, rief Piccard, „folgen Sie mir, wir gehen woanders raus aus den Mauern.“

„Und die beiden Israelis?“, fragte Andrea besorgt. Sie hatte gesehen, dass es den beiden nicht so gut ging.

„Die müssen selbst zurechtkommen. Das wird schon. Kommen Sie! Das sind Profis. Die können einiges wegstecken.“

Andrea und Benjamin rappelten sich auf, ließen die beiden geistig leicht umnebelten Agenten am Boden liegen und rannten hinter dem Franzosen her. Der lief, als ob er sich bestens im Untergrund des Kolosseum auskannte, einen verwinkelten Gang entlang, hechtete einige Stufen nach oben und blieb plötzlich vor einer mit einem dicken Vorhängeschloss verschlossenen Gittertür stehen. Ohne zu Zögern entsicherte er die Pistole und schoss mit ein paar dumpfen Schüssen auf das Schloss, das sofort nachgab und in Einzelteilen an der Tür hängen blieb. Mit einem Ruck öffnete Piccard die Tür und schob das Gitter auf die Seite. Andrea und Benjamin drängten sich hinter ihm ins Freie. Plötzlich standen alle drei auf dem großen Platz vor der Arena.

„Das ist der Theatereingang, wenn hier drin irgendwelche Aufführungen stattfinden. Muss man es halt wissen. Nehmen wir ein Taxi und dann nichts wie weg von hier. Das ist alles etwas zu viel Aufregung in zu kurzer Zeit für mich.“

„Wem sagen Sie das?“, stöhnte Andrea hinter ihm.

Benjamin kam als Letzter durch das Tor. Niemand nahm von ihnen Notiz. Und Museumswärter waren keine zu sehen. Das einzige, was Benjamin sehen konnte, waren zwei Männer, die an der Piazza del Colosseo in einen dunklen amerikanischen Van sprangen. Zwei Männer, so konnte er aus der Entfernung erkennen, und ihre Statur und ihre Bewegungen ließen darauf schließen, dass sie um die 40 Jahre alt sein mussten. Ihre Gesichter konnte er leider nicht sehen. Mit dem Finger piekste er Piccard in den Oberarm und zeigte dann auf die beiden. Das, was Benjamin an ihnen zuerst aufgefallen war, waren ihren schmalen langen Koffer, die sie in der Hand hielten und durch die Hecktür des Wagens auf die Ladefläche fallen ließen. Koffer, in die gut und gern auch ein Gewehr mit Zielfernrohr gepasst hätte. Und sie trugen schwarze Overalls. Eine Kleidung, die nicht ganz zu den üblichen Touristen um das Kolosseum herum passte.

Piccard visierte die beiden Männer kurz an, konnte aber auch nicht ihre Gesichter erkennen, sie waren ganz einfach zu schnell im Geländewagen verschwunden. Dann nickte er Benjamin zu und gab die Buchstabenzahlenkombination der Autonummer in sein Handy ein. Er drehte sich um und marschierte schnurstracks auf die Via Nicola Salvi zu, um ein Taxi zu erwischen.

Kurze Zeit später saßen sie in einem Opel Astra, der sie zurück zur Villa Caprese bringen sollte.

„Wer waren diese Männer?“, unterbrach Benjamin das Schweigen.

„Ich weiß es nicht, aber ich bin mir sicher, das waren die mutmaßlichen Schützen. Sehr gut ausgebildet, diszipliniert, das waren Profis. Aber ich habe die Autonummer. Bruno muss uns helfen. Der Wagen kann natürlich auch gestohlen sein. Aber das glaube ich nicht.“

„Kirche, also Pulitura, oder Staat, GIS? Wollten die uns töten?

„Keine Ahnung. Ich denke, sie wollten uns nicht töten, sie haben uns beschützen wollen.“

„Also die Agenten töten, sonst hätten sie nicht geschossen.“

„Vielleicht? Das macht das Ganze nicht einfacher. Wir werden mit Bruno sprechen müssen, vielleicht weiß der mehr oder kann uns helfen. Ich werde ihm die Autonummer geben. Er soll seine Beziehungen spielen lassen. Dann sehen wir weiter.“

„Uns beschützen?“, rief Benjamin fast hysterisch. „Das kann ich einfach nicht glauben. Seit wir Sie kennen, beschützt uns niemand. Man schießt auf uns mit Gewehren, Tränengas, Granaten und Raketen. Dass uns jemand beschützt, das wäre mir neu. Und letztendlich haben diese Typen doch geschossen. Sie hätten genauso gut uns treffen können. In diesem Spiel, so kommt es mir vor, ist sich jeder der Nächste. Jeder handelt nur für sich und geht dafür sogar über Leichen.“

„Ich kann Sie verstehen, Benjamin“, sagte Piccard, „doch wir brauchen Brunos Hilfe, nur durch ihn werden wir etwas Licht ins Dunkel bringen können. Alles andere sind Thesen und sinnlose Polemik.“

Benjamin nickte. Die Diskussion führte zu nichts, da gab er Piccard Recht. Sie brauchten Fakten. Doch woher nehmen?

Andrea hatte nur zugehört. Seit den Schüssen hatte sie nichts gesagt. Sie saß in sich zusammengesunken im Taxi und hoffte, dass der Albtraum, in dem sie zu sein schienen, bald aufhören würde. Hoffentlich!



[1] Anmerkung des Verfassers: siehe Antares Trilogie Band 2: das Kollektiv des Bösen

[2] Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!" - Faust I, Vers 940 / Faust

[3] Als Naumachie bezeichnete man in der Antike Nachstellungen von Seeschlachten zur Massenunterhaltung sowie die Anlagen, in denen diese Schauspiele stattfanden.

[4] Quelle: Zentralrat der Juden in Deutschland

[5] Lat.: Meine Schuld

[6] Fredrick Toben ist ein australischer Staatsbürger und bekannter Revisionist und Holocaustleugner.