made by Axel Birkmann
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Schule der Mörder
Schule der Mörder

Der Mann, der den Weihnachtsmann erschoss

Last Christmas
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Last Christmas


»I'm dreaming of a White Christmas. With every Christmas card I write«, tönte es leise aus den Lautsprechern des Supermarktes in Freising-Lerchenfeld. Alois Kreithmeier schob missmutig den Einkaufswagen durch die Gänge. Er hatte die ersten Dutzend Quadratmeter Einkaufsfläche unbeschadet hinter sich gelassen, sich mühevoll durch Dutzende von in rote Metallfolie gewickelte Weihnachtsmänner, Tonnen von Spekulatiuskeksen und Dominosteinen, Vanillekipferln und Christstollen gequält, nur um ein paar Rollen Toilettenpapier und Waschmittel für schwarze und bunte Wäsche zu kaufen. Und das an seinem freien Tag, an einem Samstag. Es nervte ihn kolossal.

Seit Wochen hatte er zusehen müssen, wie in fast jedem Lebensmittelladen Türme von Weihnachtsartikeln aufgebaut worden waren und aus den Schaufenstern in den Läden und Boutiquen rund um die Freisinger Innenstadt kontinuierlich alles Bunte verschwand, alles bis auf die Farben Rot, Gold und Silber.

Die fünfte Jahreszeit war eingeläutet: Das Weihnachtsgeschäft. Ohne das viele der Einzelhandelsläden nicht überleben konnten. Die Umsätze stiegen von Tag zu Tag in den letzten Wochen im Jahr. Manche Branchen machten an einem langen Samstag im Dezember so viel Umsatz wie sonst in einem ganzen Monat. Und immer früher wurden die Weihnachtsartikel den Kunden präsentiert. Ende August tauchten die ersten Lebkuchen in den einschlägigen Supermarktketten auf. Nach dem Motto, der frühe Vogel frisst den Wurm, zielte der Handel darauf, den Konsumenten immer früher das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Alois hasste das. Nicht dass er grundsätzlich etwas gegen Weihnachten und seinen ansonsten doch recht friedlichen Festcharakter hatte. Aber der Konsumterror und die fast unvermeidliche Beschallung aller Läden einschließlich Getränke- und  Drogeriemärkte mit Weihnachtsliedern rührten an seinen Nerven.

Zu allem kam noch hinzu, dass jeder bekannte oder unbekannte Gesangsstar genau in dieser Zeit sich noch einen Namen mit dem Einsingen von schnulzigen Weihnachtsliedern machen wollte. Im Radio lief nur noch dieses meist nur aus zwei oder drei Akkorden bestehende Gejaule. Was wäre Weihnachten auch nur ohne Musik, dachte Alois grimmig nach, als er den Einkaufswagen Richtung Haushaltsartikel schob. Spätestens Ende November wurden die Weihnachtsklassiker herausgeholt und im Radio oder zu Hause rauf und runter gespielt. Für viele gehörten diese Christmas Songs einfach zu Weihnachten. Für andere waren diese Lieder ein Grund, schnellstens den Ort zu wechseln. Aber wo sollte Alois auch hin? Fliehen? Dem Weihnachtstrubel entkommen? Melanie alleine lassen? Seinem Freising den Rücken zukehren, wenigstens für ein paar Tage? Er hatte schon darüber nachgedacht. Einmal über Weihnachten und Neujahr hinweg in die Sonne fliegen. Gedacht ja, dachte er, aber getan noch nie.

Im Weihnachtsgeschäft feierten die bösen Buben in Freising wohl selbst friedvoll das Fest, oder sie waren in den Urlaub in den Süden geflogen und kamen Anfang Januar erst wieder zurück um dann erneut ihrem kriminellen Treiben nachzugehen. Das Einzige was in dieser festlichen Zeit anstieg waren die Laden- und die Taschendiebstähle. Von kriminellen Machenschaften konnte man hier wohl nicht reden. Bei den Ladendiebstählen wurden eher gestresste Hausfrauen, unbeaufsichtigte Schüler und betagte Rentner erwischt. Und die Taschendiebe waren meistens Kleinkriminelle, die auf dem Revier seit Jahren bestens bekannt waren oder Hartz Vier Empfänger, die so ihr Weihnachtsgeld aufbessern wollten. Die schweren Jungs hatten Pause oder waren im Urlaub.

Und während der Feiertage aber auch danach stieg die Anzahl der Christbaumbrände, eher Fälle für die Feuerwehr von Freising und es stieg leider auch die tätliche Gewalt in den Familien. Männern die ihre Kinder und Frauen schlugen oder Frauen, die mit einer Bratpfanne das Verhalten ihres Gemahls korrigieren wollten. Und letztendlich überschlug sich nach dem Fest die Scheidungsrate. Dies hatte ihm ein befreundeter Richter am hiesigen Amtsgericht einmal zugeflüstert. Erschreckend, dachte Alois. Es war einfach erschreckend. Das Fest des Friedens sollte Familien zusammen bringen und nicht voneinander entfernen.

Seit dem letzten Kapitalverbrechen, dem Mord an einem Festzeltbesitzer während des Freisinger Volksfestes, war in und um Freising nichts Aufregendes passiert. Der Herbst war im Sauseschritt vorbei gerannt. Und nun war es kurz vor dem Ersten Advent. Es würde ein warmes und sonniges Weihnachtsfest werden. Kein Schnee war in Aussicht. Temperaturen weit über Null Grad.

»Auf das Wetter und die vier Jahreszeiten kann man sich auch nicht mehr verlassen«, grummelte Alois vor sich hin, als er so in den blauen Himmel blickte, während er an seinem Wagen den Kofferraum öffnete, um den Einkauf zu verräumen.

»Wie letztes Jahr. Am Heiligabend 22 Grad. Das ist doch kein Winter. Und dann der Schnee im Februar und 25 Tage Regen im Mai. Wo soll das alles nur hinführen?«, schimpfte er leise vor sich hin.

Alois warf seinen Einkauf in den Kofferraum, brachte den Einkaufswagen weg und stieg in seinen Golf als plötzlich sein Handy klingelte. Es war Melanie Schütz. Kriminalhauptkommissarin Melanie Schütz. Seine Kollegin. Ihr Namen erschien auf dem Display.

»Ja!«, meldete er sich knapp.

»Du Kreiti, wie seht es denn aus? Lust auf Glühwein und Bratwurst?«

Alois zögerte noch mit der Antwort. Melanie hatte etwas vor mit ihm. Seit ihre berufliche Beziehung etwas über das Dienstliche  hinaus ging, Melanie mittlerweile auch keinen festen Freund mehr hatte, sondern nur noch kurze Liebschaften für den hormonellen Ausgleich, so nannte sie es gelegentlich, versuchte sich seine Kollegin mitunter liebevoll um seinen Freizeitausgleich  zu kümmern: Einladungen ins Bierzelt, ab und zu mal ins Kino, Thailändisch oder Italienisch essen gehen oder ins Laienspieltheater in den Asamsaal.

Und immer begann ihre Einladung mit einem süßlich gesäuselten Kreiti. Wie er dieses Kreiti hasste. Und nun hatte sie wieder etwas mit ihm vor, vor dem er nicht fliehen konnte. Denn eine seiner schrecklichsten Eigenschaften war, dass er ihr noch nie ein »Nein« entgegen werfen hatte können.

»Was meinst du also? Heute Abend? Du hast ja sicher nichts vor. Glühwein und Bratwurst? Ich lade dich natürlich ein. Wir gehen zusammen auf den Weihnachtsmarkt. Der muss richtig schön sein. Er ist das erste Mal rund um den Domplatz vor dem Freisinger Dom. Also, was ist, Alois?«

»Muss das denn sein?«, knurrte Alois ins Telefon.

»Ja, das muss sein. Ich hole dich um halb sieben ab. Bis dann.«

Melanie hatte aufgelegt ohne auf Alois’ Antwort zu warten.

»Weihnachtsmarkt?«, stöhnte er laut auf. »Und das mir, als einem der schlimmsten Weihnachtsmuffel. Das kann ja heiter werden.«

Alois startete den Wagen und fuhr los.

Während er wieder zurück in seiner Wohnung in seinen Kleiderschrank starrte, klingelte es an der Tür. Alois zuckte zusammen und sprang behände in den Flur um Melanie hereinzulassen.

»Du bist ja noch gar nicht fertig«, sagte sie und sah ihn von oben bis unten an.

»Ich weiß nicht, was ich anziehen soll?«, antwortete Alois.

»Zieh ganz einfach eine Jeans an, Hemd und Pulli, eine warme Jacke und ein paar Stiefel. Wir sind draußen und wenn die Sonne weg ist, wird es kalt. Mach, ich warte im Wohnzimmer.«

Alois sah Melanie an. Sie selbst hatte eine enge Jeans an, ihre Beine steckten in diesen warmen Lammfellboots aus Australien, einen braunen Pullover über der Hose und einen weißen Schal um den Hals gewickelt. Darüber trug sie eine schwarze Wellenstein Jacke und auf dem Kopf eine Fellmütze, unter der ihre blonden Haare frech herausfielen. Sie sah süß aus.

»Gut, ich beeil mich«, sagte er und drückte sie kurz an sich. Dann verschwand er im Schlafzimmer. Es dauerte nicht lang, dann stand er ihr gegenüber. Genau so, wie sie es ihm geheißen hatte. Blue Jeans, schwarze Stiefel über der Hose, ein graues Hemd mit schwarzem Pulli und über allem eine dunkelblaue Daunenjacke, die ein bisschen zu eng sein musste, denn er sah ein wenig aus wie das Michelin Männchen, die gleichen Ringe um den Bauch, nur nicht in Weiß, sondern in schwarz.

Melanie zog die Augenbrauen hoch, gab aber kein Urteil ab, sondern öffnete die Wohnungstür und machte sich auf den Weg. Alois folgte ihr schweigend.

Melanie ließ Alois fahren. So konnte sie doch den einen oder anderen Becher Glühwein oder Feuerzangenbowle genießen. Alois parkte im Parkhaus am Wörth. Von dort aus machten sie sich zusammen auf den Weg zum Domberg. Sie überquerten die Bahnhofstrasse und folgten der oberen Domberggasse. Nach einigen Metern rechterhand marschierten sie einen kleinen steilen Fußweg hinauf, der direkt auf den Domberg führte. Sobald Sie durch den Torbogen auf den Domvorplatz gegangen waren,  das Kardinal-Döpfner-Haus befindet sich auf der rechten Seite, öffnete sich vor ihren Augen der Weihnachtsmarkt, der unter dem Namen »Adventszauber« an diesem ersten Adventswochenende stattfinden sollte.

Der Freisinger Domberg, im Zentrum Freisings und von weitem sichtbar, diente dieses Jahr erstmalig als stimmungsvolle Kulisse für einen Adventsmarkt der besonderen Art. Die Besucher erwartete am ersten Adventswochenende, neben abwechslungsreichem Kulturprogramm und Kunsthandwerk, inspirierenden Workshops und kulinarischen Köstlichkeiten, auch eine Bastelstube, Musik, und Essensstände und Glühwein.[1]

Im Domhof hatten die Veranstalter insgesamt 31 Hütten aufgebaut, hinzu kamen noch weitere zwölf Aussteller im Renaissance-Innenhof des Kardinal-Döpfner-Hauses. Etwa die Hälfte der Kunsthandwerker stammte aus dem Landkreis, mit dabei waren Töpfer, Schnitzer, Wollspinner und ein Glasbläser. Unter seiner Anleitung konnten die Besucher selbst ein Glasobjekt herstellen. Auf dem Programm stand auch viel Musik. Am heutigen Samstag sollten das Collegium Vocale Frisingae, der Gospel-Chor Freysing Larks, das Vokalensemble Cantabile und die Frisinga Fratzn auf der Bühne stehen.

»Zuerst etwas essen, oder wollen wir sofort mit dem Trinken anfangen?«, fragte Melanie ihren Kollegen, hängte sich bei ihm ein und zog ihn Richtung Glühweinstand.

»Vielleicht doch zuerst etwas essen. Ich habe seit dem Frühstück nichts mehr zu mir genommen.«

»Du Armer du, hattest du denn keine Zeit?«, foppte sie ihn.

»Nein. Ich habe immerhin einen Haushalt zu führen«, entrüstete sich Alois.

»Einen Einpersonenhaushalt, dass ich nicht lache. Ach entschuldige, hatte ich ja ganz vergessen, einen Eineinpersonenundeinhundhaushalt. Das ist schon was. Wo ist eigentlich Gizmo?«

»Bei Freunden. Ich brauchte mal etwas Zeit für mich allein.«

»Zeit für dich allein?«, äffte sie ihn nach. »Du bist doch immer allein. Sorry, du führst ja einen Haushalt.«

»Richtig. Das macht Arbeit«, sagte Alois voller Inbrunst. »Und unter der Woche komme ich nicht dazu, da muss ich mit dir böse Buben jagen.«

»Erstens darfst du mit mir böse Buben jagen, es zwingt dich doch keiner, und zweitens, wann haben wir denn den letzten bösen Buben gejagt. Die beiden Studenten mit zwei Tüten voll Gras in ihren Rucksäcken könnten wir ja wohl nicht zum engsten Kreis der organisierten Kriminalität von Freising nennen oder?«

»Tja, Melanie, es halt im Moment ruhig in Freising. Unsere Spitzbuben sitzen sicher auf den Malediven in der Sonne und machen uns erst im Januar wieder das Leben zur Hölle.«

»Na gut. Du hast mich überzeugt. Also erst mal was essen. Eine Bratwurst? Komm, da vorne gibt es einen halben Meter Bratwurst. Eine weiße oder eine Rote?«, fragte sie ihn und zerrte ihn die Richtung des Grillstandes.

»Rot oder Weiß?«

»Ja, es gibt rote und weiße Bratwürste. Einen halben Meter in einer sehr langen Semmel. Ich lade dich ein. Also Alois, rot oder weiß?«

»Gut, dann nehme ich eine Rote.«

»Zwei Rote!«, rief Melanie zu einem jungem Mann, der hinter einer Theke im Grillhäusl stand und die Bratwürste mit einer metallenen Grillgabel auf einem runden Rost wendete, der über einem glühenden Holzkohlenfeuer an einem Gestell baumelte. Sein Kollege schnitt zwei etwa 35 cm lange Baguette Semmeln auf und hielt sie ihm hin. Vorsichtig legte der junge Mann am Grill jeweils eine seiner hellbraun gebratenen Bratwürste in die Kerbe.

»Senf hat’s rechts im Eimer. Macht 10 Euro zusammen«, sagte er und reichte die Semmeln in eine Serviette eingeschlagen Melanie über den Tresen. Alois nahm ihr sofort eine der Würste ab und beträufelte sie mit Senf. Dann biss er hungrig ins offene Ende.

»Die sind lecker«, sagte er mit vollem Mund und biss nun auch die andere Seite der Wurst gierig ab.

»Langsam, Alois, es nimmt dir keiner was weg. Wir sind doch nicht auf der Flucht.«

»Ich hab Hunger«, entschuldigte er sich und biss ein weiteres Mal hinein. Melanie hatte ihre Wurst nicht einmal zur Hälfte geschafft, da wischte Alois sich schon den Mund mit der Serviette ab und schaute sehnsüchtig auf die verbliebenen Würste auf dem Spindelgrill.

»Hast du etwa noch Hunger?«, fragte sie ihn erstaunt.

»Das war schon mal ein guter Anfang. War lecker.«

»Du Fressnase. Jetzt gibt es erst einmal einen Glühwein, dann sehen wir weiter. Es gibt ja auch noch ein paar andere Stände.«

Melanie schritt langsam immer noch den Rest ihrer Wurst genießend zwischen den Buden hindurch Richtung Glühwein und Feuerzangenbowle. Vor einem Glühweinstand blieb sie stehen und deutete Alois mit dem Victoryzeichen an, er solle zwei Becher dieses teuflischen Getränks holen.

Das Essen bildete eine gute Grundlage für den Alkohol. Melanie und Alois standen wie ein älteres Ehepaar in ihren Drink vertieft an einem Bistrotisch und wärmten sich die Hände am warmen Becher. Während sie so dastanden und den Besuchern, die langsam an ihnen vorbei schlenderten. zuschauten, machte sich am anderen Ende des Freisinger Adventszaubers jemand ganz anderes auf, um die Besucher an diesem Abend in Verzückung zu bringen und sie gedanklich in ihre Jugend zurückzubringen: der Weihnachtsmann oder auch bekannt als der Heilige Nikolaus.

 

Es war schon spät und er war noch nicht fertig. Eigentlich hasste er den Job. Aber was sollte er machen. Im Winter war das für ihn fast die einzige Möglichkeit Geld zu verdienen. Und so schlecht bezahlt war es nicht.

Vor ein paar Jahren hatte ihn ein Freund darauf aufmerksam gemacht. Fast in allen Großstädten gab es zur Weihnachtszeit eigene Agenturen mit mehren Angestellten, die nichts anderes taten, als Familien- und Betriebsfeiern mit ihrer Anwesenheit zu beglücken, und Kindern wie Erwachsenen Tränen in die Augen zu treiben. Und so hatte es dann in Freising angefangen.

Am Anfang nur ein paar unterbezahlte Aufträge in Kindertagestätten, Schulen und betrieblichen Weihnachtsfeiern. Jetzt nach ein paar Jahren war für ihn daraus ein richtiger Geschäftszweig geworden. Im Winter, wenn seine andere Arbeit wegen schlechtem Wetter meist ausfiel, stiefelte er verkleidet munter darauf los und machte den Auftraggebern eine Freude. Er verlangte pro Stunde 30 Euro und die wurden ohne Zögern jedes Mal bezahlt. An Weihnachten warfen die Menschen nur so mit Geld um sich. Auch die weniger Betuchten. Einige seiner Aufträge kamen sogar aus den Wohnsilos im Lerchenfeld. Auch hier wollten die Eltern ihren Kindern eine vorweihnachtliche Freude machen.

Heute hatte er aber den Auftrag von der Stadt Freising höchst persönlich bekommen. Vom Bürgermeisteramt. Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher hatte es geschafft, zum ersten Mal einen Weihnachtsmarkt auf dem Domberg zu organisieren. Mit dem ortsansässigen Gewerbeverband und einigen Herren vom Ordnungsamt war ihm das Meisterstück gelungen. Der Bürgermeister musste den Freisinger Bürgern etwas bieten. Sein städtisches Ordnungsamt war vor ein paar Monaten durch den mysteriösen Tod des zuständigen Leiters in die Presse gekommen. Man hatte seine Leiche im Waldlehrpfad in der Nähe der Plantage gefunden. Allem Anschein war er in einen Bestechungsskandal um die Vergabe von Stellplätzen rund um das Freisinger Volksfest verwickelt. Und ein abgelehnter Schausteller soll ihn erschossen haben.

Jetzt waren die Gemüter wieder beruhigt und der Adventszauber, so nannte man den neuen Markt, füllte die Boulevardpresse. Und um allem noch einen oben drauf zu geben hatte man ihn gebucht. Für das gesamte Wochenende. Für die Stadt eine kleine Summe Geld aus der Portokasse, für ihn eine stolze Summe Geld, die ihm bis in den Januar hinein helfen würde.

Er zog seine gefütterte Hose hoch und zwirbelte eine weiße Kordel als Gürtel durch die Schlaufen. Dann schlupfte er in ein weißes Hemd und steckte es in die Hose. Schließlich kam der schlimmste Augenblick seiner Maskerade, den hautfreundliche Klebstoff auf den Wangen und dem Kinn vorsichtig verteilen, um den weißen Bart daran halten zu können. Auf seine eigenen schmalen Augenbrauen setzte er dicke weiße aus Watte. Dann zog er die Joppe über, setzte die Mütze auf, schlupfte in seine Wanderstiefel und drehte sich um die eigene Achse vor einem großen Spiegel im Schlafzimmer.

Er sah perfekt aus. Niemand würde ihn erkennen. Jetzt fehlten nur noch der Leinensack und der Stock mit der Rute. Er blieb stehen und starrte auf sein Spiegelbild. Wer ihm da wohl aus dem Spiegelbild entgegen lächelte, sagte er leise zu seinem zweiten Ich.

Einmal hatte ihn ein junges Mädchen bei einem seiner Auftritte gefragt, ob er von Coca Cola komme. Kurz hatte er gestutzt, doch dann ihre Frage schlichtweg verneint. Obwohl sein jetziges Erscheinungsbild, das Erscheinungsbild der Gegenwart, in den 1930er Jahren von Coca Cola aus der Vielfalt der verschiedensten Darstellungen aufgegriffen und in riesigen Kampagnen weltweit vermarktet wurde.

Natürlich kannte er die Wurzel seines verkleideten Ichs. Die hatte es nämlich in der Reformation. Die Protestanten sollten sich nicht mehr vom Heiligen Nikolaus der Katholiken beschenken lassen, der bisher zu seinem Namenstag Geschenke für Kinder hinterlegt hatte. Der Schenktermin wurde kurzerhand auf den heutigen Weihnachtstermin verlegt und zwei andere Figuren als protestantische Ersatzleute für den Nikolaus ins Leben gerufen: das Christkind und der Weihnachtsmann. Und das, was ihm jetzt aus dem Wandspiegel hämisch entgegen lächelte, das war sein zweites Ich, wenigstens für die Weihnachtszeit.

Ihn lächelte ein kräftiger Weihnachtsmann an, mit roter Hose, roter Jacke, einem schneeweißen langen Bart, roter Mütze und festen schneesicheren Stiefeln. So wie er jetzt aussah, so stellte sich jedes Kind und vor allem auch die Erwachsenen, die ihn schließlich bezahlten, den Weihnachtsmann vor. Heute gab es fast keine andere Vorstellung vom Weihnachtsmann mehr als die von Coca Cola popularisierte. Der einst ehrwürdige Gabenbringer drohte zum Hampelmann zu verkommen. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit grinste der rot-weiße gekleidete Weihnachtsmann, a la Coca Cola mit Zipfelmütze, aus den Supermarktregalen. Und seit der Coca Cola-Weihnachtsmann durch das Fernsehen spukte, wissen viele Kinder nicht mehr, wie er eigentlich aussieht, der echte Nikolaus.

Sein anfängliches Nikolauskostüm mit goldgewirktem Gehrock, dem Messgewand, einer Mitra und einem Bischofs-Stab hing schon seit Jahren im Schrank. Denn Nikolaus von Myra, ca. 270 nach Christus im Gebiet der heutigen Türkei nahe Antalya geboren, war ein Bischof der Frühkirche. Und als Sohn reicher Eltern habe er sein ganzes Vermögen an die Armen verschenkt, sagt die Überlieferung. Deswegen auch die Geschenke.

Er schaute gebannt auf sein Spiegelbild. Sein jetziges rotes Kostüm hingegen war die aktuelle Arbeitskleidung des Weihnachtsmannes. Und so wollten sie ihn auch haben. Und so zeigte er sich auch dem Volk. Ein letzter Blick in den Spiegel. Er salutierte seinem Gegenüber, schnappte sich den Leinensack mit Orangen, Nüssen und Äpfeln, klemmte seinen Wanderstock mit Rute unter die Arme und machte sich auf den Weg zum Adventszauber, dem Weihnachtsmarkt auf dem Domberg, auf dem er in den nächsten Stunden alt und jung mit seinen Gaben aus dem Sack beschenken wollte.

Schwer beladen und in sich tief versunken, machte er sich auf den Weg. Er hatte eine kleine Wohnung in der Altstadt, brauchte also keinen Wagen nehmen und so stampfte er immer wieder mit einem tiefen »Ho! Ho! Ho!« die Steige zum Domberg hinauf. Er war so mit sich und seinem albernen »Ho! Ho! Ho!« beschäftigt, was er fast jedem Passanten begeistert entgegen schleuderte, dass er die Gestalt nicht bemerken konnte, die ihm in gehörigem Abstand durch die Altstadt folgte.

Die Gestalt hatte vor seinem Haus gewartet und war ihm dann gefolgt. Sie war in einen gefütterten Wintermantel mit Kapuze gehüllt und hatte diese tief ins Gesicht gezogen. Das Gesicht war somit nicht zu erkennen. Ihre Hände hatte sie in den Taschen des Mantels versteckt. Fünfzig Meter hinter ihm schlich sie ihm nach. Sie schmunzelte bei jedem seiner Ausrufe.

Die Person, die ihn jetzt verfolgte, hatte kurz zuvor noch im Internet gelesen, dass Weihnachtsmänner, in australischen Kaufhäusern, künftig auf ihren traditionellen Ruf »Ho! Ho! Ho!«  verzichten sollten. Die Mitarbeiter einer Weihnachtsmann-Firma seien angewiesen worden, stattdessen künftig »Ha! Ha! Ha!« zu rufen. Der althergebrachte Ruf könnte Kinder erschrecken.

Doch davon hatte der rote Mann, der vor der Person keuchend die Stiegen hochlief noch nichts gehört. Wenn jemand darüber nachdachte, dass möglicherweise der große Mann im roten Mantel mit weißem Bart furchteinflößend wirken könnte, dann glaube ich ganz sicher nicht, dass es die Psyche eines Kindes schädigte, wenn er »Ho! Ho! Ho!« rief, sagte der Verfolger leise zu sich. Wobei dieser Weihnachtsmann bald überhaupt nichts mehr sagen wird, fügte er zynisch hinzu. Dann war es aus mit dem »Ho! Ho! Ho!«. Der Verfolger lächelte diabolisch.

Die letzten Stufen auf den Domberg hinauf fing er schließlich an zu singen, einen Song der Gruppe Wham: »Last Christmas I gave you my heart, but the very next day you gave it away. This year, to save me from tears, I'll give it to someone special.«

Dieser Song war einer der am meisten gehörten Christmas Popsongs der Welt. Und er passte so zu dem heutigen Tag wie kein anderer. »Last Christmas«, wiederholte der Verfolger den Refrain. »Last Christmas I gave you my heart.« Wie wahr? Nur es würde umgekehrt sein. Du wirst mir dein Herz geben. Und das würde alles beenden. Die Person schmunzelte erneut bei den Gedanken an das, was jetzt kommen würde.

Der Weihnachtsmann mischte sich mutig unter das illustre Völkchen auf dem Domberg, verteilte hier und da ein paar Hiebe mit der Rute, kramte aus seinem Sack, Äpfel, Nüsse und Orangen und verschenkte die Gaben an Kinder und auch an Erwachsene, wenn sie denn im letzten Jahr brav geblieben waren. Zwischendurch schäkerte er immer mal wieder mit jungen Mädchen, wie es der richtige Nikolaus wohl niemals getan hätte.

Sein Verfolger ließ ihn nicht aus dem Augen. Und hielt immer genügend Abstand zum Vordermann. Erst, als der Weihnachtsmann nach einiger Zeit sich in eine ruhige Ecke zwischen Dom und Bibliothek zurück zog, um eine Zigarette zu rauchen, schritt er aus einer Tarnung und lief direkt auf ihn zu.

»Na mein lieber Weihnachtsmann«, sagte der Schatten zu dem Mann in Rot. »Erkennst du mich? Kannst du dich an mich erinnern?«

Der Weihnachtsmann nahm einen kräftigen Zug von seiner Zigarette und schaute die Person fragend an.

»Dann will ich dir helfen, lieber Weihnachtsmann«, sprach die Person und nahm die Kapuze vom Kopf.

Ein helles Gesicht kam zum Vorschein, dass durch die vielen Lampen und Kerzen vom Adventsmarkt umso mehr erstrahlt wurde. Der Weihnachtsmann erschrak. Das konnte nicht sein. Er kannte diese Person. Schon recht lange. Sie hier? Vor allem was wollte diese Person von ihm? Ja, er kannte sie wirklich. Die Person kam näher und holte ihre Hände aus den Taschen ihres Mantels. In der rechten Hand hielt sie eine kleine Pistole in der Hand und richtete sie auf seine rechte Brusthälfte. Dem Weihnachtsmann hatte es die Sprache vollkommen verschlagen. Er sah die Waffe auf sich gerichtet, dabei fiel ihm die Zigarette aus dem Mund. Er hätte noch um Hilfe rufen können. Doch seine Kehle war wie zugeschnürt. Seine Stimme stumm.

Und sein Schreien wäre sicher im Lärm des Marktes untergegangen. Zumal auf einer kleinen Bühne nur ein paar wenige Meter entfernt von ihnen, eine Gruppe Musiker angefangen hatte, Weihnachtslieder zu spielen. Wie eine Vorsehung spielten sie den bekannten Popsong von George Michael: Last Christmas. Als der Schlagzeuger den Takt vorgab und der Sänger mit weicher Stimme den swingenden Song begann, drückte die Person dem Weihnachtsmann die Pistole auf die Brust und drückte ab. Der Knall ging im allgemeinen Lärm völlig unter.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte der Getroffene den Schützen an und auf den Flecken auf seinen Brust, der sich auf seinem weißen Hemd ausbreitete und es rot werden ließ. Dann brachen sich seine Augen und er fiel nach hinten gegen die Wand der Bibliothek. Er rutschte hinab und fiel vornüber. Er blieb auf den kalten Pflastersteinen liegen.

Der Schütze steckte die Pistole zurück in die Tasche, warf einen letzten Blick auf den Toten, dann drehte er auf dem Absatz um und mischte sich wieder unter die Besucher. Der ganze Vorgang hatte nur ein paar Sekunden gebraucht. Niemand hatte etwas mitbekommen. Der Mörder war genauso schnell wie er gekommen auch gleich wieder untergetaucht.

 Der Weihnachtsmann lag nun auf den Pflastersteinen des Domberges, ein feines Rinnsal aus warmem Blut hatte sich inzwischen gebildet und floss langsam vom Toten weg.

Es dauerte eine ganze Weile, bis eine Besucherin den Leichnam fand. Aufgeregt rannte sie zurück und rief laut nach einem Arzt. »So helft doch«, schrie sie die Besucher an. »Der Weihnachtsmann liegt da auf dem Boden, er blutet, er braucht dringend Hilfe. Ist denn kein Arzt hier?«

Alois stand mit Melanie an einem Stand. Sie hatten mittlerweile ihren dritten Glühwein in der Hand und von dem Vorfall in der Seitengasse am Dom nichts mitbekommen. Erst als die Frau an ihnen vorbei stürmte und Alois konnte noch gerade seinen Becher aus der Schusslinie bringen als sie an ihm vorbei rannte, schauten sich die beiden Kommissare neugierig an. Melanie hatte sich als Erste wieder im Griff. Sie stellte ihren Becher ab und rannte der Frau hinterher.

»Was ist denn passiert?«, rief sie laut und hielt die Frau am Arm fest. »Und vor allem wo?«

Die Frau stockte in ihren Bewegungen, drehte sich um und sah die Kommissarin verängstigt an. »Da hinten am Dom, da liegt er, er muss gestürzt sein, denn er blutet, muss sich verletzt haben. Kommen Sie.«

»Wer liegt da?«

»Der Weihnachtsmann!«

»Der Weihnachtsmann?«, fragte Melanie ungläubig.

»Ja der Weihnachtsmann! Sind sie denn eine Ärztin?«

»Nein!«, antwortete Melanie. »Ich bin von der Polizei. Zeigen Sie mir bitte, wo Sie ihn gefunden haben. Alois, trink aus«, rief sie ihrem Kollegen zu, »wir werden gebraucht.«

Sekunden später standen sie an der Leiche des Weihnachtsmannes. Ein kurzer Druck mit zwei Fingern an der Halsschlagader und Melanie Schütz wusste sofort, dass hier jede Hilfe zu spät kam.

»Der Mann ist tot«, flüsterte sie Alois ins Ohr. »Und der ist ganz sicher nicht gestürzt, bei dem vielen Blut hier. Es ist wohl besser, wir rufen unsere Freunde von der KTU, Rainer Zeidler und Josef Schurig. Und ein paar Kollegen von der Bereitschaft. Auch wenn ich noch nichts Konkretes weiß, der Weihnachtsmann ist auf jeden Fall keines natürlichen Todes gestorben.«

»Bist du dir da sicher?«, fragte Alois Kreithmeier.

»So ziemlich. Schau mal.« Melanie hatte vorsichtig die Jacke des Toten geöffnet. »Der rote Fleck. Das ist alles Blut. Er ist entweder erstochen oder erschossen worden.«

»Dass er nicht erwürgt worden ist, das sehe ich auch.«

Melanie gab auf seine schnoddrigen Aussagen keine Antwort, sondern bat die Frau, die den Toten entdeckt hatte, etwas abseits auf die Kollegen zu warten. Sie bräuchten ihre persönlichen Daten.

»Was mich nur wundert«, sagte sie wieder an ihren Kollegen gerichtet, »warum das Blut auf der rechten Seite der Brust heraussickert.«

»Das wird uns wohl Frau Dr. Nagel erklären müssen«, antwortete Alois. »Ich weiß es nicht. Und ich verstehe es sowieso nicht.«

»Was verstehst du nicht, Alois?«

»Wie man den Weihnachtsmann erschießen kann. Der hat doch niemandem etwas getan.«

»Aber dieser hier hatte wohl einen Feind, und der hat ihm sein Lichtkein ausgeknipst«, sinnierte Alois und starrte gebannt auf die Leiche.

»Das kann man wohl sagen. Dieser Weihnachtsmann stand jemandem im Weg.«

 

 



[1] Quelle: Süddeutsche Zeitung, Petra Schnirch, 27.11.2013