made by Axel Birkmann
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Schule der Mörder
Schule der Mörder

Der Komplex von Antares

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Nymphenburg


Mads Mortensen saß am Arbeitstisch im Keller von Schloss Breitenberg im Kontrollraum, der vor Jahren in die ehemalige Zisterne der alten Burgverliese eingebaut worden war. Er tippte auf einer Tastatur einige Worte. Über eine gesicherte Leitung schickte er Mails an seinen Freund und ehemaligen Kollegen Stephen Young vom NSA. Die NSA, die National Security Agency, ist der größte und finanziell am besten ausgestattete Nachrichtendienst der Vereinigten Staaten. Sie ist für die weltweite Überwachung und Entschlüsselung elektronischer Kommunikation zuständig und in dieser Funktion ein Teil der Intelligence Community, in der sämtliche Nachrichtendienste der USA zusammengefasst sind.

Stephen war als Führungs-Agent der Sektion Asia/Pacific zugeordnet. Seine Aufgabe war die Aufklärung insbesondere der Aktivitäten instabiler und unberechenbarer Regime wie die von Korea, Myanmar und den Philippinen.

Young und Mortensen hatten sich auf einem internationalen Meinungsaustausch der Geheimdienste in Dallas kennen gelernt. Der dänische Geheimdienst hatte mit Asien und Pazifik nicht viel zu tun, seine Aufgabe war es eher, den osteuropäischen Nachrichtendiensten, islamischen Verschwörern und der Russenmafia die Stirn zu bieten, die allesamt das liberale Dänemark gern als Sprungbrett für ihre Aktivitäten im Rest von Europa benutzten. Young war damals für die Konterspionage gegen den wieder erstarkten russischen Geheimdienst zuständig. Mads Aufgaben erstreckten sich über Skandinavien bis hin ins Baltikum.

Mads tippte weiter. Vor sich hatte er einen Ordner aufgeschlagen, der mit kyrillischen Buchstaben beschriftet war. Er blätterte darin. Es waren Dossiers und Berichte über Aktionen des russischen Geheimdienstes. Mads konnte Russisch, es hatte zu seiner Ausbildung gehört. Neben den in Russisch gehaltenen Texten über KGB und FSB fand er auch welche in Englisch, Herkunft NSA und CIA. Mads überflog einige Seiten über den aktuellen Geheimdienst der Russischen Föderation.

Relativ kurz nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde 1991 von Boris Jelzin ein Nachrichtendienst gegründet, der 1995 in den FSB Federalnaja Sluschba Besopasnosti Rossijskoj Federazii, die Bundesagentur für Sicherheit der Russischen Föderation überging. Der FSB wurde damals praktisch zum inoffiziellen Nachfolger des KGB gekürt. Während der KGB ein sowjetischer Geheimdienst war und sich auf die gesamte Sowjetunion erstreckte, war der FSB jetzt rein russisch und erstreckte sich nur auf Russland. Beide waren und sind auch in internationale Aktivitäten verwickelt. Unter Putin stiegen die weltweiten Aktivitäten der Agenten der FSB. Vor allem die Ausspionierung von Industriegeheimnissen wurde Priorität der wieder schnell wachsenden Industriemacht Russland.

Mads Mortensen blieb an einer Seite hängen: Mysteriöser Tod eines armenischen Oligarchen. Er musste schmunzeln, hier hatte Antares mit dem FSB zusammengearbeitet. Der verstorbene Sean Matheson war an der Liquidierung beteiligt gewesen. Schnee von gestern, dachte er. Er suchte etwas ganz Bestimmtes, konnte es aber nicht finden. Er stellte den Ordner weg und schlug den nächsten auf. Mafia stand kyrillisch auf dem Einband. Russische Mafia. Mads Mortensen hatte sie bereits kennen gelernt.

Die Russische Mafia war seiner Meinung nach ein sehr schwer einschätzbarer Gegner, der rücksichtslos und ohne Hemmungen einen Verdrängungswettbewerb auf den Märkten des international organisierten Verbrechens einläutete: Waffenhandel, Prostitution, Menschenhandel und Rauschmittel, ein Milliardengeschäft. Young und Mortensen hatten früher mitunter an der Bekämpfung der Russenmafia in St. Petersburg und Moskau zusammengearbeitet. Denn die Mafia hatte ihre Hände bei der Vernichtung der Atomköpfe in den Bunkern der ehemaligen Sowjetunion mit im Spiel. Was würde die eine oder andere Regierung für einen Atomkopf bezahlen, dachte Mads, Millionen, Milliarden. Er überflog die verschiedenen Berichte und Kommentare in dem Ordner.

Seit dem Zerfall der Sowjetunion in die damalige GUS wurden plötzlich ehemalige Sowjetrepubliken aufgrund der in ihrem Territorium stationierten taktischen Atomraketen Atommächte. Mit dem Zerfall gab es neben Russland drei weitere Nachfolgestaaten der UdSSR mit Kernwaffen: die Ukraine, Weißrussland und Kasachstan. Die Ukraine war zeitweise das Land mit dem drittgrößten Kernwaffenarsenal der Erde. Alle diese Staaten waren Vertragsparteien des START-1-Vertrages, welcher 1991 von der Sowjetunion und den USA unterzeichnet wurde und 1995 in Kraft trat. Die Ukraine, Weißrussland und Kasachstan sicherten zu, ihr Kernwaffenarsenal zu vernichten. Kasachstan und Weißrussland wurden bis 1996 kernwaffenfrei. Der letzte ukrainische Sprengkopf wurde im Oktober 2001 in Russland vernichtet.

Ein Bericht aus dem Weißen Haus in Washington bestätigte seine Vermutungen, dass die Amerikaner am meisten Angst vor dem Szenario hatten, dass während der Abrüstung Sprengköpfe verschwanden und durch undurchsichtige Kanäle in die Hände von Extremisten oder Terroristen gelangten. Hier könnte leicht die Russische Mafia mitwirken. Mit einem einzigen Waffengeschäft konnte man Millionen verdienen. Nie war der Händler der Schuldige, nur der, der sich die Waffe besorgte und auch verwendete. Doch um eine atomare Waffe einzusetzen, genügte es nicht, die Waffe zu haben, es gehörten auch weitere technische Vorraussetzungen dazu, um sie zu aktivieren. Das fehlte, Gott sei Dank, den meisten noch, dachte Mads. Doch wie lange noch?

Mads Mortensen lehnte sich zurück und streckte seine Hände aus. Er blickte starr auf einen der Bildschirme und grübelte.

Ja, nach dem Anschlag auf das World Trade Center 2001 war Amerika verwundbar geworden. Und die USA waren immer wieder Ziele von extremistischen Selbstmordattentätern gewesen, oder ihre Institutionen im Ausland, Botschaften, Militärgebäude und Schulen. Nachdem die Gefahr aus Mittelasien gebannt war, wuchs die Gefahr im Mittleren Osten, im Irak, im Iran und schließlich auch in Pakistan. Pakistan, ein moslemischer Staat mit einer Atombombe und einem labilen Regime. Und nach Geheimdienstinformationen sollte der Iran kurz vor dem Bau einer dreckigen Bombe sein. Deshalb also wurde Stephen Youngs neues Aufgabengebiet Asien, schlussfolgerte Mads. Young war für diesen Job der geeignete Mann. Er kannte sich in diesem Metier gut aus.  

Mads beugte sich vor und las weiter. Ein Bericht der Internationalen Atombehörde ging davon aus, dass der Iran in Sachen Urananreicherung nicht bluffte. Die Experten hielten es für wahrscheinlich, dass das Land einmal eigene Atombomben bauen kann – wenn, dann allerdings frühestens in vier Jahren.

Mads blätterte durch die einzelnen Berichte und fand weitere analytische Beobachtungen. Ein Geheimdienst-Mitarbeiter soll Informationen besorgt haben, stand in einem Dossier, dass der Iran sogar seit kurzem die Atombombe besaß. Die Raketen könnten problemlos Europa erreichen. Spekulationen oder Wirklichkeit, fragte sich Mads.

Konkrete Beweise gab es hierfür nicht, wie in dem Dossier stand. Man war sich nicht sicher, aber man wollte auf Nummer sicher gehen, nicht wie vor dem Irakkrieg, als die Beweise für die Existenz von Anlagen zur Herstellung von biochemischen Kampfmitteln im Irak, die zum Einmarsch der Koalition in dieses Land führte, getürkt waren. Deshalb schlug der Schreiber des Berichtes keine weiteren Aktionen vor, man sollte nur weiter beobachten und Standby bleiben. Standby, dachte Mads, wem sollte das nutzen?

Laut den Informationen in diesem Bericht waren die Angaben, die der Iran dem Westen gab, teilweise sogar von China vorgegeben. Sinn sollte sein, einen Keil zwischen die Politik der Europäer und der USA zu treiben, aber auch, um zu diesem Zeitpunkt den Westen nicht vollends zu verprellen. China hatte dem Iran Tausende von Panzern, mehrere Boden-Luft-Raketen, Luft-zu-Luft-Raketen und Marschflugkörper, gepanzerte Personenfahrzeuge und Artilleriezubehör sowie Tausende Panzerabwehr-Raketen und mehr als hundert Kampfflugzeuge und Dutzende kleiner Kriegsschiffe verkauft. Der Berichterstatter hatte seinem Bericht eine ganze Liste von Waffenverkäufen beigefügt. Wie eine Einkaufsliste für einen Supermarkt, nur dass es hier um todbringende Artikel ging und nicht um Shampoo, Wurst oder Käse. Es war ein Milliardengeschäft. Und China hatte längst in der Waffentechnik den Anschluss an die westlichen Staaten erreicht.

Der Verfasser fand es als sicher, dass China dem Iran außerdem bei der Entwicklung seiner Marschflugkörperproduktion behilflich war und das Land mit Technologie und bei der Entwicklung seines heimlichen Chemie- und Nuklearwaffenprogramms unterstützt hat. In der Reichweite seiner Raketen konnte Europa zu einem atomaren Angriffsziel werden.

Zu diesem potentiellen Gegner, der den Beweis für die Atombombe liefern musste, so analysierte der Berichtsverfasser, gesellte sich Mitte 2009 der kommunistische Staat Nordkorea, der unter seinem Diktator Kim Jong-il einen neuen Atomsprengsatz gezündet hatte – laut russischen Angaben in der Stärke der Hiroshima-Bombe.

Mads überflog weitere Details über mögliche Raketenstarts. Der UNO-Sicherheitsrat berief, den Unterlagen nach, eine Eilsitzung ein. Und US-Präsident Obama forderte Konsequenzen. Weltweit hatten Politiker den mutmaßlichen Atomtest Nordkoreas scharf verurteilt. Nach eigenen Angaben hatte Pjöngjang unterirdisch einen nuklearen Sprengsatz gezündet – und zwar erfolgreich, wie die staatliche Nachrichtenagentur KCNA verkündete.

Das kommunistische Regime von Kim Jong-il hatte erstmals im Oktober 2006 einen Atomsprengsatz erprobt. Damals war der Test nach Einschätzung von Experten wegen technischer Schwierigkeiten nur bedingt erfolgreich gewesen. Der neue Test sei aber Teil der Maßnahmen, um die nukleare Abschreckung zur Selbstverteidigung zu stärken, hieß es bei KCNA. Das Land habe damit die Sprengkraft und Präzision seiner Atombombe gesteigert.

Eine schriftliche Stellungnahme des russischen Verteidigungsministeriums bestätigte den unterirdischen Atomtest. Die Kernexplosion soll eine Kraft von 10 bis 20 Kilotonnen gehabt haben. Und die Detonation sei etwa 80 Kilometer nordwestlich der nordkoreanischen Stadt Kilchu registriert worden. Die von den USA 1945 über Hiroshima abgeworfene Atombombe hatte eine Sprengkraft von rund 15 Kilotonnen. Am frühen Morgen nach dem Test hätten Seismologen in Russland, Südkorea, Japan und in den USA Erdbeben der Stärke 4,5 bis 4,7 registriert. So die Angaben der Russen.

Mads nahm sich einen Schreibblock und fasste alles zusammen. Er malte mit wenigen Strichen Nordkoreas Grenzen auf das Blatt, dann Südkorea und etwas davon entfernt die Umrisse der Japanischen Inseln. Mit dem Stift zog er einen Kreis um Nordkorea, dann einen Strich nach Japan. Mads dachte nach. Die Gefahr, die von Nordkoreas Macht besessenen Diktator ausging, würde eher das friedliche Südkorea und den Erzfeind Koreas, Japan, betreffen. Südkorea und Japan. Falls es zu einem Krieg kommen würde, dann hier auf der koreanischen Halbinsel. 

Mads Mortensen studierte weitere Artikel und Nachrichten, die sich mit diesem Thema befassten, fasste sie schriftlich kurz zusammen und verschickte seine Analyse mit allen benötigten Informationen, auch die, die sie aus Japan von Osamu Masaki erhalten hatten, weiter an Stephen Young. Vor allem seine Bemerkungen zu den gezielten Tests mit Mittelstreckenraketen gegen Japan und über weitere mögliche unterirdische Atomtests. Auch die Tatsache, dass Nordkorea den Drogenmarkt in den USA und in Europa mit Produkten zum Selbstkostenpreis überschwemmen wollte, um das organisierte Verbrechen und die damit zusammenhängende Wirtschaft zu schwächen, schrieb er Young. Sollte Stephen Young sich darüber Gedanken machen, letztendlich wurde er dafür bezahlt.

Wieweit die NSA ihm bei seinen eigenen Aktivitäten helfen konnte, war nicht vorauszusehen. Für Young arbeitete Mads immer noch für ein Geheimkommando des PET, des dänischen Geheimdienstes. Thema Terroristenbekämpfung. In den letzten Jahren hatten sie mehrfach Mitglieder der Al Quaida in Kopenhagen festgenommen. Bei den Festnahmen und den gleichzeitig durchgeführten Razzien in insgesamt elf Kopenhagener Wohnungen fanden die Ermittler scharfen Sprengstoff. So konnten durch ihre Zugriffe Terroranschläge verhindert werden. Dass Mads Mortensen mittlerweile für die Bruderschaft des Kollektivs arbeitete, war Stephen Young noch nicht bekannt. Mads wollte dieses noch eine zeitlang für sich behalten. Da er auf Youngs Wissen und seine Kontakte in Asien zurückgreifen wollte, bat er ihn um ein kurzfristiges Treffen.

Stephen Young bekam die Mails seines Freundes direkt vom NSA Server auf sein Mobiltelefon übermittelt. Seit ein paar Tagen war er in München an der amerikanischen Botschaft für Recherchen tätig und konnte so mit Mads, der sich in der Nähe von Heilbronn aufhielt, einen Termin für ein Treffen in Süddeutschland vereinbaren. Mads war einverstanden und schlug für das Treffen München vor. Sie einigten sich auf den Schlosspark in Nymphenburg. Ein geeigneter Platz, um inmitten von Sommerfrischlern und Touristen unbeobachtet einen ausgiebigen Spaziergang zu machen und sich gegenseitig auszutauschen.

Mads wartete zwei Tage später vor dem Haupttor des Parkkomplexes des Schlosses Nymphenburg mitten in München. Es herrschte Föhn im Alpenvorland. Der Föhn ist ein warmer, trockener Fallwind, dessen Charakteristika die deutliche Erwärmung und Trocknung der Luft ist: mitten im Herbst Temperaturen wie im Sommer.

Die späte Herbstsonne ließ Mads blonde Haare in der Sonne leuchten. Entsprechend der sommerlichen Lufttemperatur trug er nur ein weißes, kurzärmeliges Hemd, Bluejeans und flotte lederne Sommerschuhe. Seine Kleidung ließ ihn wie einen Touristen aussehen, nicht wie einen hochgradig dekorierten Elitesoldaten, der einem Geheimbund diente.

Stephen Young konnte Mads schon von weitem erkennen. Er hatte seinen Wagen direkt vor dem Seitentrakt des Schlosses geparkt und sah Mads blondes Haar in der Sonne aufblitzen. Stephen war Afroamerikaner, die moderne Ausdrucksweise für die in den USA geborenen Farbigen. Hochschulsport und immer wieder Training in den Ausbildungszentren der CIA und NSA hatten ihm eine gute Kondition und eine sportliche Figur gegeben, die er gekonnt unter einem gelben Hemd verbarg, das er über einer schwarzen Hose trug. Dazu ein Paar leichte weiße Sneaker ohne Strümpfe und ein federnder Gang. Stephen könnte jederzeit als einer dieser schnellen, kräftigen Leichtathleten des Schlages eines Carl Lewis, der insgesamt neun Goldmedaillen von den olympischen Spielen mit nach Hause brachte, gelten.

Mads kam Stephen entgegen. Es war für Außenstehende ein sonderbarer Anblick, wie sich ein kaffeebrauner US Athlet und ein wasserstoffblonder Skandinavier für kurze Zeit in den Armen lagen. Die beiden fassten sich sofort nach ihrer herzlichen Begrüßung.

„Mads, lange nicht gesehen“, fing Stephen die Konversation an, „wie geht es dir? Du siehst aus wie das blühende Leben.“

Stephen sprach fast ohne Akzent Deutsch. Mads antwortete ihm in der gleichen Sprache.

„Persönlich hervorragend, immer noch ledig. Frauen gibt es zwar genug, aber keine, die bereit ist, das dauernde Reisen zu ertragen. So sind meine Beziehungen aufregend, heftig und immer leider zu kurz. Und wie geht es dir? Was machen deine Ambitionen, nach Asien zu ziehen, oder wohnst du schon in Tokio?“

„No, no, ich bin zu groß für Japan. Ich überrage in der Ginza alle Leute. Obwohl die Asiatinnen mich verehren. Aber ich werde immer ein Gaijin sein, ein Fremder, ein Außenseiter. Meine Ehe ist die Firma, mit der bin ich verheiratet. Wo brennt es denn? Lass uns in den Park gehen.“

Die beiden sportlichen Agenten schlenderten durch das geschmiedete Tor in den Park.

Der Nymphenburger Schlosspark ist eines der größten und bedeutendsten Gartenkunstwerke Deutschlands. Mit seinem alten Baumbestand, den zahlreichen Wasserwegen und den versteckten Parkburgen lädt er ein, auf Entdeckungstour zu gehen.

Vor der Westseite des Schlosses breitet sich ein axialsymmetrisch aufgebauter Gartenbereich aus, der von schnurgeraden Wegen durchzogen wird, die sich alle am westlichen Fluchtpunkt – der griechischen Götterkaskade – treffen.

Vom streng nach geometrischen Mustern gestalteten Gartenbezirk geht es weiter in den Park hinein, der als Jagdrevier für Fürsten und Könige gedacht war.

In der Marienklause lebten zu Zeiten der bayerischen Kurfürsten Mönche. Und für den Fall, dass es die hochherrschaftlichen Regenten wieder einmal zu bunt trieben, verbrachten sie hier ein paar Tage in Buße und in Demut.

Gerade der Wechsel zwischen den gewundenen Wegen, die scheinbar ziellos mal hierhin, mal dorthin führen – über steinerne Brücken und hölzerne Stege – und den schnurgeraden Kieswegen, die an den Kanälen entlangführen, macht den besonderen Reiz des Parks aus.

Stephen und Mads schlenderten über das Große Parterre den langen Wasserweg entlang, den Mittelkanal, Richtung Große Kaskade.

„Ich habe deine Mail gelesen. Woher hast du diese Informationen, Mads?“

„Das tut nichts zur Sache. Ich habe keine Details, nur mündliche Aussagen, doch wie es mir scheint, beruhen sie auf Tatsachen, denn sonst hättest du dich nicht sofort zu einem Treffen mit mir aufgemacht. Wie es aussieht, kommen sie von Kevin Broker vom CIA. Du müsstest ihn eigentlich kennen. Arbeiten CIA und NSA nicht zusammen?“

„Eigentlich schon, aber zwei so große Behörden, da dauert es manchmal etwas länger und das Kompetenzgerangel, du weißt schon“, antwortete Stephen.

„Ja, ja, kenne ich. Das hatten wir alles schon mal, wenn ich ans World Trade Center denke. Informationen waren da, keiner hat es geglaubt, für wichtig gehalten und so sind sie im Behördendickicht untergegangen. Das hat 3 000 Menschen das Leben gekostet und New York zwei stattliche Hochhäuser. Wieso bist du eigentlich in München?“, fragte Mads. Dabei nahm er einen flachen Kiesel auf und ließ ihn über das Wasser schlittern.

„Besprechungen, nichts weiter als Besprechungen!“

„Ich sehe schon, du darfst mal wieder nichts verlauten lassen, geheime Kommandosache.“

„Come on, bullshit!“, antwortete Stephen, „You know, du weißt schon, der übliche Bürokram!“

„Stephen, wir kennen uns zu lange, als dass ich dir diesen Mist glaube. Dein Aktionsgebiet ist in Asien. Also was machst du hier, verdammt noch mal!“

„Ist ja gut. Die Informationen, die du mir geschickt hast, sind für mich nicht neu. Teilweise kommen sie mir sogar sehr bekannt vor. Ich kann nur so viel sagen, es sind Dossiers des CIA, wahrscheinlich von Kevin Broker, die anscheinend in Kopie aus Seoul verschwunden sind. Wir haben dieses Material schon gekannt und ausgewertet. Das mit den Drogen war mir neu, passt aber zu Kim Jong-il, dem Westen und Japan zu schaden. Er ist ein alter, geifernder Kettenhund, der jedem in die Beine beißen will, der sich auch nur in die Nähe seines Zwingers begibt. Bis jetzt tobt er sich nur in Nordkorea aus. Unterstützung durch die Chinesen, Duldung besser gesagt, und Duldung der Russen. Pamphlete des Weltsicherheitsrats und Schreiben unseres Präsidenten. Die Frage ist nur, was passiert, wenn er seine Kette durchbeißt?“

„Ihr habt ihn doch sicher auf eurer Liste der unerwünschten Diktatoren dieser Welt an oberster Stelle stehen?“

„An erster Stelle? Ich weiß nicht, da steht sicher Mahmud Ahmadinedschad, der iranische Präsident, ein ultrakonservativer Politiker. Der ist gefährlicher. In der Auseinandersetzung um das iranische Atomprogramm bestreitet Ahmadinedschad die Nutzung der Atomenergie für kriegerische Zwecke. In einem Interview sagte er sogar: ‚Wir brauchen keine Atombombe. Wir brauchen das nicht. Was sollen wir mit einer Bombe?’ Wer glaubt ihm denn? Zu den Hauptmerkmalen von Ahmadinedschad internationalen Auftritten gehören seit Beginn seiner Präsidentschaft aggressive antiisraelische Äußerungen, die den Aufruf zum Kampf gegen Israel, das Absprechen des Existenzrechts Israels, Vernichtungsvorhersagen, antisemitische Verschwörungstheorien sowie Holocaustleugnungen umfassen. Auf unserer Liste sicher die Nummer eins.“

„Dann ist der Nordkoreaner eure Nummer zwei?“

„Wahrscheinlich! Er ist unberechenbarer. Es gibt wenig fundierte Berichte über sein Handeln. Und es ist sehr schwierig, Informanten in Nordkorea anzuwerben. Es werden immer wieder Ausländer und Landsleute wegen des Verdachts der Militärspionage festgenommen. Ihnen wird vorgeworfen, als Agenten für ausländische Geheimdienste gearbeitet zu haben. Laut Aussage der nordkoreanischen Geheimdienste hätten die ausländischen Auftraggeber diesen verdorbenen nordkoreanischen Bürgern Geld gegeben, sie mit Sex gelockt oder sie erpresst. Ihre geheimen Operationen hätten sich auf die Auskundschaftung militärischer Kernobjekte und strategischer Orte in Nordkorea gerichtet.“

„Dann seid ihr also nicht so erfolgreich. Was macht ihr gegen die atomare Bedrohung, die von Nordkorea ausgehen könnte?“

„Die Siebte Flotte patrouilliert vor Korea. Von den derzeit der Siebten Flotte zugeteilten Schiffen operieren die meisten von US-Stützpunkten in Japan und Guam aus, darunter auch die USS George Washington als Amerikas einziger permanent außerhalb der USA stationierter Flugzeugträger. Die Siebte Flotte ist immerhin die größte aller amerikanischen Frontflotten: 60 Schiffe, 350 Flugzeuge und 60 000 Mann.“

„Alle Achtung! Eine stolze Streitmacht!“, bewunderte Mads die Aussagen von Stephen, „aber keine Befugnisse. Nordkorea ist tabu. Bei den ersten Raketenabschüssen über den Japanischen Inseln gab es auch nur Stellungnahmen des Weißen Hauses, sonst nichts Konkretes.“

„Sollen wir mit Nordkorea nur deshalb einen Krieg anfangen, weil sie eine Waffe entwickelt haben, die gerade mal an das Kaliber der Bombe von Hiroshima herankommt.“

„Die Bombe von Hiroshima hat immerhin 200 000 Menschen getötet.“

„Durch die Feuersbrunst und die späten Strahlenschäden. Die nordkoreanische Bombe, würde sie ins Yankee-Stadion geworfen, könnte sicher dort nicht einmal alle Besucher töten.“

„Aber für einen plötzlichen terroristischen Einsatz wäre das doch ausreichend, es würde den Anschlag auf das WTC um ein Vielfaches übertreffen. Wollt ihr es soweit kommen lassen?“

„Was sollen wir tun außer unserer Militärpräsenz im Japanischen Meer?“

„Stephen, ihr seid doch sonst auch nicht so zimperlich.“

„Mads! Du alter Kämpe. Denkst du, wir sollten einmarschieren oder ein Sonderkommando hinschicken. Wir sind nicht im Krieg mit Nordkorea. Blockade und Handelsembargo, ja, militärische Auseinandersetzung definitiv nein.“

„Nehmen wir einmal an, jemand wüsste, wo das geheime Waffenlager dieses Operettendiktators ist, auch sein Drogenlager. Und nehmen wir an, eine Gruppe von freiheitsliebenden, politisch engagierten Kämpfern könnte diese beiden Institutionen auslöschen, ohne natürlich Spuren zu hinterlassen, was würde das für euch bedeuten?“

„Erstens, kenne ich keine solche Gruppe. Zweitens ist ein Kommando in Nordkorea kein Spaziergang im Sonnenschein im Englischen Garten oder wie hier in Nymphenburg. Drittens würde es Nordkorea um vielleicht vier, fünf Jahre zurückwerfen, aber wie ich Kim Jong-il kenne, wird ihn das nicht hindern, seine Ziele zu verwirklichen. Er würde wieder alles neu aufbauen und wie gesagt, in ein paar Jahren stehen wir wieder an der gleichen Stelle. Und seit den Falschaussagen vor dem Irakkrieg über biologische Kampfmittel steht der CIA nicht besonders in der Gunst des amerikanischen Volkes. Barack Obama wird keine militärischen Risiken eingehen. Er ist sicherlich aus einem anderen Holz geschnitzt als sein Vorgänger Busch. Obama ist Politiker und ein Diplomat. Busch eher ein schießwütiger Cowboy.“

„Nehmen wir einmal weiter an, ich kenne eine solche Truppe. Und nehmen wir mal an, diese Leute wissen genau, was sie tun. Welche Unterstützung kann ich von dir bekommen?“

„Mads, du willst mir doch nicht erzählen, dass Dänemark Nordkorea den Krieg erklären will. Jetzt muss ich mich erst mal setzen und das Ganze verkraften.“

Stephen Young lachte und setzte sich auf eine der vielen Parkbänke, die parallel zu einem Wasserlauf unter Bäumen im Schatten stehen. Stephen streckte seine langen Beine von sich. Mads tat es ihm gleich.

Stephen drehte sein Gesicht zu Mads, sein Lachen verstummte und er blickte ihm eindringlich in die Augen.

„Du bist nicht mehr beim dänischen Geheimdienst. Stimmt’s?“

„Wenn ich dir jetzt alles erzähle, muss ich dich nachher erschießen.“

„Du hast doch gar keine Waffe bei dir.“

„Du bist alt geworden. Klar kann ich keine Waffe unter dem Hemd tragen, würde auffallen. Aber hier!“, Mads schob etwas seine Hose hoch, darunter erschien ein lederner Halfter um die Wade gezurrt mit einer kleinen schwarzen Pistole.

„Immer noch eine Glock. Du hältst nichts von amerikanischen Waffen oder deutscher Wertarbeit?“

„Stephen, ich bevorzuge seit Jahren Pistolen der österreichischen Firma Glock. Sie sind leicht, robust, zielsicher und können verdeckt getragen werden. Keine meiner Waffen hat mich jemals enttäuscht. Die kleine Pocket Rocket, die Glock 33, die ich hier habe, wiegt geladen nicht mal 800 Gramm und ist nur sechzehn Zentimeter lang, verschießt aber 357 Munition wie eine Smith & Wesson. Neun Schuss sind normalerweise ausreichend. Und du, immer noch Revolverfan oder auch mal eine Automatik?“

„Auch ich bevorzuge mittlerweile Automatikpistolen. Beretta mit 17 Schuss oder eine Browning 9 mm.“

„Also gut, ich werde dich nicht erschießen. Wie sieht es nun mit Unterstützung aus?“

„An was denkst du?“

„Waffen, Logistik, Verpflegung, Aufklärung. Hilfe durch eure Spionagesatelliten. Ein paar Aufnahmen wären toll. Ich denke, Google Earth wird nicht ganz ausreichend sein.“

„Wo wollt ihr hin?“

„Nach Yongbyon!“

„In die Höhle des Löwen. Warum gerade hier hin? Ich habe gehört, der Reaktor sei abgeschaltet. Inspekteure der IAEO[1] haben doch das ordnungsgemäße Herunterfahren in Yongbyon kontrolliert.“

„Ja! 2007. Heute soll er wieder aktiv sein. Wir haben Informationen, dass dort wieder waffenfähiges Plutonium produziert wird. Und, wie sieht es mit deiner Hilfe aus?“

„Ich weiß nicht, wer ihr seid, aber ihr seid lebensmüde. Wenn das stimmt, was du sagst, dann ist Yongbyon wahrscheinlich die bestbewachte Anlage in ganz Nordkorea. Da ist ein Einbruch in Fort Knox ein Spaziergang.“

„Du denkst immer nur militärisch. Die Männer, mit denen ich da hineingehen werde, sind Schattenkrieger, lautlos, unsichtbar, tödlich und blitzschnell. Ihre Hände können genauso tödliche Waffen sein wie ihre antiken Waffen.“

„Du meinst Ninja. Du redest von richtigen Ninja. Ihr seid wahnsinnig. Wohl zu viele Bruce Lee Filme gesehen? Für wen arbeitest du, Mads, für wen?“

„Beantworte meine Frage! Ganz einfach: Unterstützung ja oder nein?“

„Okay, ich werde sehen, was sich machen lässt. Natürlich nichts Offizielles und wir haben uns nie getroffen, geschweige denn miteinander gesprochen. Verstanden?“

„Bei mir kannst du dir sicher sein, deinem Haufen habe ich nie vertraut. Meine Männer arbeiten wegen Idealen und nicht wegen Geld. Immer wieder ist einer eurer Kameraden zum Gegner übergelaufen. Geld, Schulden, Sex, alles gute Gründe, sein Vaterland zu verraten. Und mir ist außerdem niemand gefolgt. Dass du beschattet wirst, hast du schon bemerkt?“

Erschrocken setzte sich Stephen Young auf.

„Mir ist jemand gefolgt? Wo?“

„Ganz ruhig, Stephen, ich kann mich auch täuschen, aber es ist dir ein Schlitzauge gefolgt. Japaner, Chinese, Koreaner, was weiß ich, ich kenne mich da nicht so aus. Nur, dass er mit einer Kamera auf Tourist macht. Er fotografiert, aber nicht das Schloss oder den Park, sondern hält, wenn wir es nicht merken, auf uns. Er steht etwa hundert Meter im Wald hinter einem Baum versteckt, ist fast nicht zu erkennen. Aber ich bin mir sicher, ich habe ihn vorher am Parkplatz gesehen. Zwischen den ganzen Besuchern ist er nicht sonderlich aufgefallen, aber seit wir hier auf der Parkbank sitzen, hat er sich nicht weiter im Park bewegt. Dreh dich bitte nicht um, ich möchte nicht, dass er etwas bemerkt. Wir schnappen ihn uns. Später.“

„Was heißt das, wir schnappen ihn uns? Das ist ungeschickt, dann wissen die doch, dass wir was wissen.“

„Stephen, woran arbeitest du im Moment. Warum ist ein Schlitzauge hinter dir her?“

„Das kann ich dir nicht sagen.“

„So viel zu gegenseitigem Vertrauen. Ich kann ihn mir schnappen und es aus ihm herausprügeln. Er wird sicher wissen, woran du arbeitest und warum er dich verfolgt.“

Die ganze Konversation der beiden Agenten war in ruhiger Sprache abgehalten worden. Vorbeilaufende Passanten hätten nichts mitbekommen können, geschweige denn, der angebliche Verfolger. Mads Mortensen sprang auf, setzte seine Sonnenbrille auf die Nase und sagte:

„Los, wir gehen etwas! Wenn er hinter uns her ist, wird er uns folgen. Ich möchte wissen, was er vor hat und wer ihn geschickt hat, da du mir ja nichts erzählen willst.“

Mads Mortensen blickte seinen Freund fragend an, doch der wich seinem Blick aus.

„Ich finde es etwas ungewöhnlich, dass einer der obersten Ressortchefs des NSA für den asiatischen Raum in München in einem Park von einem Asiaten verfolgt wird. Wer auch immer der Auftraggeber ist, er wusste, dass du in Deutschland bist und an irgendetwas arbeitest, dass für Asien, also konkret für den mandeläugigen Teil Asiens, wichtig ist.“

Stephen Young antwortete nicht, sprang behände hoch, reckte seine Glieder und erfasste aus den Augenwinkeln den andächtigen Beobachter, der sie mit einer Kamera in der Hand im Park hinter Bäumen versteckt anvisierte.

„Okay, lass uns gehen! Was hast du vor?“, sagte Stephen schließlich kurz und knapp.

„Allright!“, erwiderte Mads, „dann lass uns erst einmal weiter in den Park gehen, etwas weg von den Touristen. Es wird mir etwas einfallen. Komm!“

Fast wie ein verliebtes Schwulenpärchen schlenderte das ungleiche Paar den Mittelkanal entlang zur Großen Kaskade. Über die Große Kaskade stürzt ein beträchtlicher Teil des Wassers, das durch die Kanäle des Parks fließt, vom oberen in das untere Kaskadenbecken. Mads Augen folgten dem Wasserspiel, ganz unauffällig drehte er sich um und entdeckte den Asiaten, wie er ihnen in einem Abstand von zweihundert Metern folgte.

„Wie schnell kannst du Verstärkung bekommen?“, fragte er den Amerikaner.

„Fünf bis zehn Minuten maximal. Ich habe ein paar Leute im Generalkonsulat der amerikanischen Botschaft am englischen Garten, denen ich blind Vertrauen kann. Es kommt nur auf den Verkehr in der Stadt an.“

„Okay, rufe sie an!“ Mads hielt Stephen sein Mobiltelefon mit GPS Navigationssystem vor die Nase. „Hier, siehst du den Eingang in der Mauer? Hierher sollen Sie kommen. Mit einem Van. Wir schnappen uns den Burschen. Können wir ihn im Konsulat verhören?“

Stephen zögerte mit der Antwort.

„Ja, wir könnten es. Bist du dir denn sicher, dass wir das auch wollen?“

„Stephen, es hängt zu viel davon ab. Wenn sich bewahrheitet, was ich denke, dann ist er ein Nordkoreaner. Sie sind wahrscheinlich schon länger an dir daran. Er hat dich vom Konsulat aus bis hierher verfolgt. Mit Sicherheit. Und er muss auch einen Wagen haben.“

„Wie ist dein Plan, Mads?“

„Hier im Süden des Parks sind Durchgänge in die Parkmauer eingelassen. Es gibt im Wald Durchsichten. Das sind Schneisen mit Rasen bedeckt, eine davon geht Richtung Süden, das Löwental. Am Ende dieser Schneise ist ein Durchgang. Hier sollen deine Männer auf uns warten, sich nicht zeigen und den Wagen versteckt halten. Wir werden am Monopteros entlang um den Badenburger See laufen, das gibt deinen Männern etwas Zeit. Sie sollen eine SMS senden, wenn sie in Stellung sind. Nach der Badenburg laufen wir durch das Löwental. Hier sind nicht so viele Menschen. Und am Durchgang lauern wir ihm auf. Er wird in die Falle gehen.“

„Gut, ich rufe im Konsulat an.“

Mads und Stephen spazierten an diesem schönen Sommertag durch den Park, vorbei an einzeln stehenden Skulpturen, vorbei am Apollotempel, der auf einer Halbinsel am Ufer des südlichen Sees steht. Ein Monopteros mit zehn Säulen im korinthischen Stil aus grau-beigenem Sandstein. Im Innern befindet sich eine Marmorstele mit einer Widmung Ludwigs I.

Das nächste historische Bauwerk, an denen die beiden vorbeikamen war die Badenburg. Sie befindet sich am südöstlichen Ende des Großen Sees. Es war das erste Bauwerk in Europa, das ausschließlich dem Zweck diente, ein komfortables Bad genießen zu können.

Der Asiate folgte ihnen in gebührendem Abstand. Während Stephen und Mads in der Sonne über die Wiese im Löwental gingen, schlich ihr Verfolger durch den Mischwald, um nicht entdeckt zu werden. Am Ende des Waldes befindet sich eine große Parkmauer, die den ganzen Park umgibt. Nur ein kleiner Durchgang erlaubt es den Spaziergängern, den Park ohne unnötiges Klettern zu verlassen.

Jetzt ging alles sehr schnell. Stephen und Mads drängten sich durch den Einschnitt der Mauer und liefen mit schnellen Schritten über die Wiese außerhalb des Parks, um Abstand zu ihrem Verfolger zu bekommen. Ein kurzer Blick genügte den beiden, um sicher zu sein, dass Youngs Männer hinter der Mauer Stellung bezogen hatten, um ihren asiatischen Verfolger zu empfangen.

Vorsichtig spähte der Asiate durch den Durchgang, sah seine beiden Opfer in ausreichendem Abstand vor sich und wagte ohne weitere Vorsichtsmassnahmen den Weg durch die Mauer. Die Männer dahinter erkannte er leider erst zu spät. Bevor er seine Waffe ziehen konnte, wurde ihm eine starke Hand mit Chloroform getränktem Lappen fest aufs Gesicht gedrückt und eine schwarze Kapuze über den Kopf gezogen. Er versuchte, sich mit seinen Armen frei zu rudern. Seine Füße traten ins Leere in der Hoffnung, einen empfindlichen Körperteil seiner Angreifer zu treffen. Doch zu spät. Seine Sinne schwanden, die Beine knickten ihm weg, seine Arme fielen kraftlos ins Nichts und seine Kamera ins Gras. Kräftige Arme stützten ihn und trugen ihn zu einem bereit stehenden Lieferwagen. In Sekunden wurden seine Beine und Arme mit Kabelbindern gefesselt. Schließlich lag er bewusstlos auf dem Boden des Fahrzeugs.

Mads und Stephen kamen zurück gerannt. Mads fingerte einen Autoschlüssel aus der Hosentasche ihres Verfolgers.

„Gut gemacht!“, rief er den drei Männern zu, „wir sehen uns. Fahrt zu!“

Das Ganze hatte nicht einmal zwei Minuten gedauert. Kein Mensch hatte etwas mitbekommen. Mads und Stephen brachen auf, um an der Vorderseite des Schlossparks die Fahrzeuge zu holen.

Mads klickte auf dem Parkplatz vor dem Schloss mehrmals auf den elektronischen Türöffner, bis er ein Blinken an einem der parkenden Fahrzeuge bemerkte.

„Hier, der Mercedes. Die wissen anscheinend auch, was gut ist. Ich lasse meinen Wagen hier stehen und folge dir. Fahr du voraus.“

Stephen schritt entschlossen zu seinem BMW aus der Fahrbereitschaft des Konsulats, stieg ein und fuhr langsam über die Nördliche Auffahrtsallee Richtung Innenstadt. Treffpunkt war das amerikanische Generalkonsulat in der Königinstraße direkt am englischen Garten. Ein rechteckiger, moderner Bau, abgeriegelt durch Mauern und Stacheldraht.

Mads fühlte sich unwohl, als er mit dem gestohlenen Wagen hinter Stephen auf den Parkplatz hinter dem mehrstöckigen Gebäude fuhr. Er betrat seid langer Zeit das erste Mal wieder amerikanischen Boden. Und Stephen hatte hier großen Einfluss, Mads wurde unkontrolliert an der Schranke vorbeigewinkt. Mads war gespannt, was sie aus dem Koreaner herausbekommen konnten. Dass er Koreaner war, hatten sie mittlerweile herausgefunden, denn der Mann hatte einen nordkoreanischen Diplomatenausweis bei sich.

Freiheitsberaubung, Autodiebstahl, da kam einiges zusammen, dachte Mads, aber der Zweck heiligt die Mittel. Es gibt Schlimmeres. Mal sehen, wie gesprächig unser asiatischer Freund werden würde. Mal sehen.


 



[1] Internationale Atomenergieorganisation