made by Axel Birkmann
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Schule der Mörder
Schule der Mörder

Blutiges Freibier

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Der Bierberg


Obwohl der Sonntag der letzte Tag des Freisinger Volksfestes war, die Sonne lachte und der Himmel in Bayernblau erstrahlte, war es relativ ruhig auf dem Festgelände. Die meisten Freisinger Bürger waren unter der Woche schon ein paar Mal auf dem Festplatz gewesen und so widmete man sich dann wieder den anderen netten Orten, wo man an der frischen Luft ein gekühltes Weißbier, ein saftiges Halbes Hendl,  oder einen frischen Obazden genießen konnte.

Einer dieser Plätze ist der Biergarten der Brauerei Weihenstephan, der ältesten Brauerei der Welt. Auf dem sogenannten Weihenstephaner Berg, der zweiten größeren Erhebung in der Stadt Freising direkt nach dem Domberg, und nach einer ehemaligen Abtei benannt, befindet sich die Brauerei mit ihrem Bräustüberl mit angrenzendem Biergarten.

Von hier aus hat man einen wunderbaren Blick über die Stadt Freising und ihre schöne Landschaft. Mitten im Campus des Lehrstuhls für Brauereitechnologie und in unmittelbarer Nachbarschaft zur ältesten Brauerei der Welt befindet man sich hier am wahren Ursprung des Bieres. 500 Plätze erwarten die Gäste unter freiem Himmel und 80 überdachte Plätze im Salettl, ein kleines, offenes Gartenhaus, das der Bauform eines Pavillons entspricht.

Weihenstephan ist die älteste, noch bestehende Brauerei der Welt. Im Jahr 725 wurde ein Benediktinerkloster auf der Spitze des Weihenstephaner Berges gegründet. Die Mönche begannen schon bald Bier zu brauen und mit dem Erhalt des Brau- und Schankrechts im Jahr 1040 war die Klosterbrauerei Weihenstephan offiziell eröffnet. Während der nächsten 1000 Jahre musste das Kloster viele schwere Zeiten überstehen. Weihenstephan wurde mehrfach überfallen, geplündert und zerstört, unter anderem durch Schweden, Frankreich und Österreich. Darüber hinaus brannte das Kloster viermal komplett nieder. Nicht einmal das schwere Erdbeben im Jahr 1348 und drei Pestepidemien konnten die Mönche zum Aufgeben bewegen. Unglücklicherweise wurde das Kloster dennoch 1803 aufgelöst und sämtliche Besitztümer sowie Rechte gingen in die Hände des bayerischen Staates. Das Brauereigeschäft stand jedoch unter der Leitung des Staatsgut Schleißheim und somit konnte weiter ungestört Bier gebraut werden. 1852 zog die landwirtschaftliche Zentralschule und somit auch die bayrischen Brauschüler von Schleißheim nach Weihenstephan. Über die Jahre hat sich Weihenstephan zum Zentrum der Brautechnologie in Deutschland, ja sogar weltweit entwickelt.

Neben der Tatsache, dass Weihenstephan die älteste, noch bestehende Brauerei der Welt ist, ist hier auch der Geburtsort des Obazda. Katharina Eisenreich, die Wirtin des Biergartens von 1920 bis 1958, servierte hausgemachten Obazda an ihre Gäste, der sich daraufhin schon bald zu einer traditionellen bayerischen Speise entwickelte und heute in so ziemlich jedem Biergarten verkauft wird. Die industrielle Produktion von Obazda, einschließlich Exportprodukte, erfolgt noch immer nur in Bayern.[1]

Das Bräustüberl Weihenstephan schenkt nicht nur Helles aus, sondern auch verschiedene Sorten Weißbier.

Um den geschichtlichen Hintergrund kümmerte sich keiner der vielen Gäste unter den mächtigen Kastanienbäumen. Sie saßen an Biertischen, tranken Bier, genossen Bayerische Schmankerl und freuten sich über die warmen Sonnenstrahlen, die durch das dichte Blätterwerk der Laubbäume im Garten ihren Weg bis hinunter zu den Gästen fanden.

Der Biergarten ist in zwei Teile eingeteilt. Im einen Teil können die Gäste à la Carte bestellen und werden bedient. Die Speisekarte ist umfangreicher und hochwertiger. Im anderen Teil ist Selbstbedienung angesagt. Die Gäste müssen ihre Getränke an der Schänke und das Essen an der Kochstation selbst holen. Obwohl der Garten voll war, war die Lautstärke angenehm. Es war Sonntagmittag und die meisten Gäste waren damit beschäftigt, ihr Mittagsmahl einzunehmen und ein frisch gezapftes Bier zu trinken. Wesentlich entspannter wie im Festzelt in der Luitpoldanlage auf dem Volksfestgelände.

Vor der Schänke standen mehrere Gäste an und warteten darauf, dass ein neues Weißbierfass angeschlossen wurde. Es dauerte nur wenige Minuten, dann floss die hellbraune Flüssigkeit wieder goldgelb in die Weißbiergläser und die Gäste konnten ihrem sonntäglichen Frühschoppen weiter frönen.

Der liebe Gott musste ein Bayer sein, so hatte sicher einige der Biergartengäste gedacht, als sie einen kühlen Schluck Bier die Kehle runter rinnen ließen und dabei den königsblauen Himmel bewunderten.

Kurze Zeit später, nachdem das neue Fass angeschlossen worden war, krümmte sich plötzlich einer der Gäste vor Schmerzen. Der Biergenuss schien ihm nicht bekommen zu sein, denn der Druck in seinem Magen ließ ihn sofort die Toilette im Wirtshaus aufsuchen und sich dort übergeben. Sobald der erste Gast im Haus verschwunden war, wand sich der nächste Gast vor Schmerzen und erbrach sich direkt neben einem Biertisch.

Aus dem sonntäglichen friedlichen Frühschoppen war völlig unerwartet ein hektisches Treiben entstanden. Mehrere Gäste hielten sich verkrampft ihren Bauch und versuchten rennend ins Haus auf die Toilette zu kommen. Den meisten gelang es nicht und so spuckten sie ihr Bier und ihr Mittagessen auf die Stufen zum Bräustüberl, auf dem Weg zur Toilette oder gleich direkt auf den Kies im Biergarten. Zu den Magenkranken kamen noch die besorgten Verwandten und Bekannten hinzu, die sich sichtlich Sorgen um die Leidenden machten.

Die Gemütlichkeit war auf einen Schlag verschwunden. Schreie vermischten sich mit den Brechgeräuschen der Gäste, die ihren Mageninhalt nicht in sich behalten konnten. Rufe nach einem Arzt, einen Notarztwagen des Roten Kreuzes wurden laut und vor allem die ersten Anschuldigungen einer möglichen Lebensmittelvergiftung seitens der Küche des Bräustüberls. Mittlerweile war der Wirtsbetrieb vollends zum Erliegen gekommen. Bedienungen und Küchenpersonal kümmerten sich um die teilweise am Boden liegenden Gäste. Die Bierschänke und die offene Küche im Garten wurden geschlossen und nach wenigen Minuten fuhren mit Sirene und Blaulicht die ersten Rettungswagen den Berg hinauf.

Behände sprangen Sanitäter in roten Uniformen zwischen die Gäste und kümmerten sich um die erkrankten Biergartenbesucher. Der Biergarten hatte sich in wenigen Minuten in ein Notlazarett verwandelt. Immer mehr Gäste krümmten sich vor Schmerzen, übergaben sich genau dort, wo sie sich gerade befanden, fielen schließlich von höllischen Bauchschmerzen gepeinigt zu Boden oder legten sich mit letzter Kraft auf eine leere Bierbank.

Weitere Notarztwagen hielten vor dem Wirtshaus. Sanitäter, Krankenpfleger und Ärzte wuselten zwischen den Gästen herum, um sich um die unter den überrascht aufgetauchten Symptomen leidenden Biergartenbesucher zu kümmern. Erstaunlicherweise hatte es nur die Besucher im Selbstbedienungsteil getroffen. Die Gäste im abgegrenzten Servicebereich waren nicht davon betroffen. Die meisten standen da und sahen zu, wie immer mehr medizinisches Personal auf den Platz strömte.

Die maßgeblich Erkrankten wurden erst einmal vorsorglich auf Liegen gelegt, mit Decken oder Goldfolie abgedeckt. Die ersten Patienten hingen bereits an einem Tropf mit Kochsalzlösung, um den verlorenen Wasserhaushalt notdürftig auszugleichen. Doch trotz dieser geballten Kraft von Notärzten, war die Quelle der Verstimmung der Patienten noch nicht herausgefunden worden. Das Personal hatte die Bierschänke und die Küche im Biergarten zwar geschlossen, aber woher diese plötzliche Magenverstimmung und der Brechreiz kam, darüber gab es noch keine Theorie.

Zwischen all den Patienten und dem medizinischen Personal stiefelte ein Mann mit Anzug und Krawatte umher und gab Anweisungen. Dr. Wickord vom Gesundheitsamt.

Mittlerweile waren auch einige uniformierte Beamte aus der Polizeidienststelle aus der Haydstraße vor Ort und sorgten für Ordnung. Sie sperrten den Ausgabebereich des Biergartens ab. Es sollte nichts verändert werden und vor allem keine Lebensmittel entfernt werden. Andere nahmen Personalien auf und befragten die Angehörigen.

 

Alois Kreithmeier fläzte auf dem Sofa, seinen Hund Gizmo an seiner Seite und schaute mit halbem Auge Fernsehen, als plötzlich sein Diensttelefon klingelte und Polizeihauptwachmeister Dallinger ihm ins Ohr plärrte: »Alois, wo steckst du denn. Hier in Freising ist die Kacke richtig am Dampfen. Hast du denn bis jetzt nichts mitbekommen?«

Alois Kreithmeier war so überrascht, dass es ihm an einer Antwort fehlte. Nur ein brummiges Knurren entwich seinem Mund.

»Im Biergarten in Weihenstephan gibt es eine Epidemie. Zig Leute sind auf einen Schlag erkrankt. Magenschmerzen und Brechreiz. Rotes Kreuz, Johanniter und Arbeiter-Samariter-Bund geben sich am Berg die Klinke.«

Alois brauchte etwas Zeit um alles zu verstehen. Doch die Zeit gab ihm Dallinger nicht.

»Alois, hörst du mich?«, brüllte er ins Telefon.

»Du bist nicht zu überhören, Dallinger, aber was soll ich damit. Wenn der Obazda schlecht war in Weihenstephan, dann ist das ein Fall fürs Gesundheitsamt, aber nicht für die Mordkommission. Wo steckst du denn, Dallinger?«

»Ich bin auf dem Berg. Wir sorgen für Ruhe, sichern die Beweismittel und verhören die Gäste.«

»Dann ist ja gut, dann braucht ihr mich ja nicht. Und lass die Finger vom Obazden, es könnten leicht Salmonellen drinnen sein. Hörst.«

»Das kommt nicht vom Obazda. Das ist was Größeres. Das LKA ist auch schon da.«

»Wer?«, fragte Kreithmeier laut.

»Burger und Hoger, deine beiden Freunde.«

»Dieter Burger und der Hoger? Aha. Das sind nicht meine Freunde. LKA? Ich komme. Was ist mit Melanie?«

»Ist schon auf dem Weg.«

»Wieso denn das?«

»Nun ich habe sie vor dir angerufen.«

Alois war sauer. Immer wieder wurde die Frau in seinem Zweimannteam bevorzugt, obwohl er der Chef der Abteilung war.

»Und der Zeidler und der Schaurig auch«, fügte Dallinger kleinlaut hinzu.

»Schurig, Dallinger, Schurig heißt er.«

»Ach ja?«

»Knallkopf! Gab es denn bis jetzt einen Toten.«

»Noch nicht, Alois, das kann aber noch werden.«

»Gut ich komme, und fasst nichts an. Hörst du?«

»Klar doch Ehrensache.« Dallinger hatte aufgelegt. Im nächsten Moment klingelte es wieder und das Display zeigte den Anrufernamen Melanie Schütz.

»Kreithmeier, wo brennt es denn Melanie?«

Melanie wiederholte in kurzen Sätzen, was ihm gerade der Dallinger schon alles erzählt hatte. Er wollte ihr immer wieder kundtun, dass er auf dem Weg sei und alle Informationen gerade erst vom Dallinger bekommen hatte, aber sie ließ ihn einfach nicht zu Wort kommen und plauderte munter darauf los. Endlich fasste er sich einen Mut und schrie ins Telefon: »Stopp Melanie, stopp.«

Melanie unterbrach ihren Redefluss.

»Ich weiß es schon«, rief er in den Hörer. »Der Dallinger hat mich gerade angerufen. Atme mal bitte zwischendurch ein. Ich komme. Ach nur zu deiner Info. Burger und Hoger sind schon vor Ort. Das LKA. Ich weiß nicht warum. Aber behalte sie bitte im Auge. Freising ist unsere Stadt. So ich fahre dann los. Bis gleich.«

Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern legte auf. Dann schnappte er sich seinen Hund und beeilte sich. Auch wenn Lebensmittelvergiftung ohne Todesfolge nicht gerade zu ihrer Arbeit gehörte, aber wenn das LKA auftauchte, steckte meistens etwas Schlimmes dahinter, und das wollte er auch wissen. Und dem LKA war nicht zu trauen, das hatten die letzten Fälle in der Domstadt gezeigt.

 

Alois Kreithmeier musste seinen Wagen unten auf dem Parkplatz parken. Der Weg den Berg hinauf zum Haupteingang des Bräustüberls war zugestellt von Krankenwagen, Polizeiwagen und einem Wagen der Feuerwehr. Blaulichter, hin- und her laufende Sanitäter und verschreckte Gäste bestimmten das Bild um ihn herum, als er sich schnaufend den Berg hinauf gequält hatte. Organisation konnte man das gerade nicht nennen, dachte er.

Wir sorgen für Ruhe, hatte der Dallinger gesagt. Davon war nichts zu merken. Wie ein aufgeschreckter Hühnerhaufen wirkte der Biergarten, kurz nachdem, der Fuchs eingedrungen war. Immer  wieder liefen Leute an ihm beunruhigt und hektisch vorbei.

Es musste tatsächlich etwas Größeres sein, denn Alois konnte knapp drei Dutzend Erkrankte zählen, als er seinen Blick suchend über den Biergarten gleiten ließ. Männer und Frauen teilweise auf Bierbänken,  Krankenliegen und auch auf dem Kies liegend, mit Decken zugedeckt und mit rührseligen Verwandten und Freunden an der Seite.

Gizmo lief brav an seiner Seite, bis er Melanie mitten drin erkannte. Sie war tatsächlich vor ihnen hier erschienen. Gizmo rannte los und stoppte zwischen ihren Beinen, bellte und wedelte solange mit dem Schwanz, bis sie den weißen Knäuel zu ihren Füßen erkannt hatte und ihm seinen Nacken kraulte. Erst dann gab er Ruhe und setzte sich brav neben sie.

Melanie drehte sich um und erkannte Gizmos Herrchen, das direkt auf sie zuhielt.

»Alois«, rief sie ihm laut zu, »Alois, schön dass du da bist. Es ist ein Irrenhaus.«

»Was ist denn passiert?«, fragte dieser.

»Wir wissen es nicht. Das Gesundheitsamt lässt gerade alle Gläser und Teller von unseren Leuten konfiszieren. Es wird wohl etwas im Essen gewesen sein. Es kam ganz plötzlich. Fast 40 Menschen sind davon betroffen.«

»Und was kam ganz plötzlich?«

»Magenschmerzen, ein plötzliches Völlegefühl und dann dieser Brechreiz. Alles so schnell, dass die meisten es nicht bis zur Toilette schafften, sondern sich hier im Biergarten, im Flur und im Treppenhaus des Gasthauses übergeben mussten. Eine Riesensauerei. Es riecht schrecklich. Und alle sind völlig erschöpft.«

»Salmonellen?«, fragte Alois.

»Wir wissen es nicht. Das Gesundheitsamt hat zudem auch das Landeskriminalamt eingeschaltet. Wir stehen alle vor einem Rätsel. Dieter Burger lässt in ihrem Auftrag alles Geschirr einsammeln und die Gaststätte vorerst schließen, bis wir Näheres wissen. Ein Skandal. Ein Lebensmittelskandal. Und das mitten in Freising. Eine regelrechte Tragödie.«

»Ist jemand gestorben, Melanie.«

»Nein, bis jetzt noch nicht. Ein Arzt meint, dass der Brechreiz auch etwas Gutes habe. So würden etwaige Giftstoffe aus dem Magen gespült. Gestorben? Nein bis jetzt nicht. Und ich hoffe, es bleibt auch so.«

»Aber was macht dann die Mordkommission hier?«

»Wir helfen mit so gut es geht. Der Rainer und der Schurig sind auch da. Sie inspizieren die Bierschänke und die Küche. Im Moment heißt es Ruhe zu bewahren.«

»Wie auch?«

Alois drehte sich um und zeigte auf eine Gruppe von Leuten die außerhalb der polizeilichen Absperrung mit Objektiven und Diktiergeräten auf den maßgeblichen Tatort zielten.

»Die Presse ist schon da. Und das hier wird die ansonsten relativ müde Montagsauflage zügig in die Höhe treiben. Ich kann  mir die Schlagzeile schon vorstellen: Lebensmittelskandal in Weihenstephan.«

»Es hilft alles nichts. Wir müssen die Gaststätte schließen, bis wir herausgefunden haben, was diesen Anfall heraufbeschworen hat. Und ob es gefährlich, wenn nicht sogar tödlich ist.«

»Na gut, ich gehe mal zur Spurensicherung. Behalte du mal deinen Freund vom LKA im Auge. Ich muss ihn nicht unbedingt sehen.«

»Er ist nicht mein Freund, Alois, ganz sicher nicht.«

»Schon gut Melanie, behalte ihn ganz einfach im Auge. Komm Gizmo, wir suchen den Rainer. Komm. Auf geht es.«

Gizmo machte keine Anstalten seinem Herrchen zu folgen. Er rieb sich an Melanies Beinen, blickte Alois zwar treu an, blieb aber sitzen. Alois zischte nur leise »Verräter«, dann ließ er seinen Hund bei Melanie und schritt zur Bierschänke, in der Zeidler und Schurig ihre Arbeit machten.

»Und, habt ihr was gefunden?«, fragte er Rainer Zeidler, als er die Bierschänke betreten wollte.

»Stopp Alois, bitte, bleib draußen, wenn dann nur mit Plastiküberziehern und Einmalhandschuhen.«

»Schon gut. Ein „Schön dass du auch schon kommen konntest, Alois“, hätte es auch getan, Rainer. Und habt ihr was?«

»Wir haben alles abgesucht. Nichts Auffälliges finden können. Alle Lebensmittel sind frisch, gekühlt gelagert und fein säuberlich getrennt. Ich denke, dass wir auf die Laborauswertung warten müssen. Das Einzige, was mir aufgefallen ist, sind zwei Fässer Weißbier. Na ja, nicht direkt aufgefallen. Nur auf beiden Fässern ist ein kleines blaues Kreuz mit einem Filzstift darauf gemalt. Das eine Fass ist hier an der Zapfanlage, das andere steht hier im Kühlraum. Die Kreuze sind fast gar nicht zu erkennen. Nur es muss ein wasserunlöslicher Filzstift sein, sonst hätte der an dem glatten Metallfass nicht haften können. Und was die Kreuze bedeuten, weiß ich nicht. Wir nehmen sie auf jeden Fall mit. Der Hoger vom LKA schickt uns noch Jemanden, der uns helfen soll. Alles kommt nach München ins Labor des LKAs. Die haben dort mehr Möglichkeiten wie wir in Freising.«

»Habt ihr denn wenigstens einen Verdacht?«, fragte Kreithmeier.

»Es hat den Anschein, dass es etwas aus den beiden Schänken im Biergarten sein muss. Aus der Küche oder aus dem Inneren des Gasthauses kann es nicht sein«, klärte ihn Zeidler auf.

»Wie kommt ihr darauf?«

»Das ist recht einfach. Der Biergarten ist in zwei Hälften eingeteilt. Der etwas noblere Bereich mit richtigen Stühlen und Tischen auf Holzbohlen, da wird bedient. Da gibt es Speisen von der Speisekarte und die Getränke kommen vom Gasthaus. Der Rest des Biergartens, Bierbänke und Tische auf dem Kies, das ist der Selbstbedienungsbereich. Da muss sich jeder seine Getränke und Speisen selbst holen. Und genau hier hat der Erreger zugeschlagen. Hier sind die Gäste plötzlich erkrankt. Wie eine Epidemie. In wenigen Minuten waren jede Menge Gäste davon betroffen. Bekamen fast zeitgleich starke Magenschmerzen und mussten sofort Kotzen. Also folgern wir, dass sie alle das Gleiche gegessen oder getrunken haben und zwar in geringem Abstand, sonst wären die Symptome nicht sofort bei allen zur geleichen Zeit aufgetaucht. Speisen sind laut Kassenbuch ziemlich durcheinander ausgegeben worden. Es wäre sicher augenscheinlich gewesen, wenn sie alle Hendl gegessen hätten. Den einzigen Schnittpunkt, den wir bei allen Infizierten feststellen konnten war, dass sie eine Halbe Weißbier getrunken hatten.«

»Das heißt im Klartext?«

»Dass sie eigentlich nur durch das Weißbier angesteckt werden konnten.«

»Abgelaufenes Weißbier?«

»Bier hat zwar auch ein Mindesthaltbarkeitsdatum, aber ich glaube nicht, dass abgelaufenes Weißbier solche Auswirkungen beim Konsumenten erzielen kann. Da muss schon etwas anderes dahinter stecken.«

»Bakterien?« Kreithmeier sah seinen  Kollegen fragend an.

»Wir hatten zuerst an Pilze gedacht«, antwortete dieser. «Mykotoxin zum Beispiel.«

»Mykotoxin?«

»Ja«, gab Schurig plötzlich vom Besten. Er stand stramm vor Kreithmeier, hielt einen kurzen Vortrag und sah dabei am Kommissar vorbei. »Mykotoxin ist ein Schimmelpilzgift, das bei der Herstellung von Bier anfallen kann. Das für die Bierherstellung benötigte Getreide kann schon auf dem Feld mit Schimmelpilzen befallen sein, wie zum Beispiel Mutterkorn. Im Gärungsprozess wird das Ganze noch verstärkt. Symptome von möglichen Vergiftungen sind Leber- und Nierenschädigungen, Beeinträchtigungen des Immunsystems, Haut- und Schleimhautschäden, oder hormonelle Auswirkungen wie Fruchtbarkeitsstörungen. Manche Mykotoxine sind auch krebserregend und können Erbschäden hervorrufen.[2]«

»Und zum sofortigen Brechreiz führen?«

»Das eher weniger«, antwortete Zeidler. »Das ist etwas anderes.«

»Heißt das deiner Meinung nach«, hakte Kreithmeier vorsichtig nach, »dass die Fässer eventuell manipuliert wurden?«

»Keine Ahnung.«

»Nehmen wir einmal an, ich möchte ein Bierfass manipulieren, warte es ab, Rainer«, sagte Kreithmeier als er sah, wie Rainer Zeidler tief Luft holte und etwas entgegnen wollte. »Bitte höre mir mal kurz zu, nehmen wir also einmal an, ich möchte ein Bierfass manipulieren«, wiederholte er sich, »was müsste ich tun?«

Rainer Zeidler holte tief Luft, blies die Luft aber wieder langsam raus. »Du müsstest den Manipulator, also den Krankheitserreger oder die Bakterien, auf eine Spritze aufziehen und dann die Nadel vorsichtig durch die Gummischließe für den Zapfhahn durchstecken und die Flüssigkeit so in das Fass bringen. Die Gummischließe würde kein Entweichen der Kohlensäure zulassen. Und wenn die Nadel wieder draußen ist, würde kein Mensch den Einstich bemerken können.«

»Aha. Das ist einfach.«

»Ja, das ist es. Und dein Mittel sollte geschmacksneutral sein, es sollte den eigentlichen Biergeschmack nicht verfälschen, es soll ja nicht auffallen.«

»Okay, habe ich verstanden. Und nun die nächste Frage, wer wäre zu so etwas fähig, und wer würde so etwas machen und die letzte Frage warum das alles?«

»Alois, das ist deine Aufgabe, das herauszufinden oder die des LKAs. Aber die Idee ist nicht schlecht. Wir werden diese Fässer mit dem blauen Kreuz besonders genau untersuchen.«

»Dann bietet dem LKA eure Hilfe an und begleitet die Sachen. Und ruft mich an, wenn ihr etwas gefunden habt. Klar.«

»Klar, Alois.«

»Bevor der Burger die Info bekommt.«

»Ich habe verstanden, Alois, du natürlich als aller Erstes. Wird gemacht. Und jetzt genug geplaudert. Lass uns unsere Arbeit machen.«

Kreithmeier ließ die beiden Spusi Männer ohne ein weiteres Wort zu sagen allein und schritt Richtung Melanie Schütz, die in eine hitzige Diskussion mit Dieter Burger und einem Herrn in Anzug und Krawatte verwickelt zu sein schien.

»Wir müssen den Katastrophenschutz informieren, Frau Schütz, das müssen Sie doch verstehen. Das könnte der Anfang einer sich schnell verbreitenden Epidemie sein. Und die müssen wir eindämmen.«

»Herr Doktor Wickord, ich kann Ihre Bedenken ja verstehen. Nur schauen Sie sich um. Hier sind ein paar Dutzend Menschen, die allerhöchstens an einer Lebensmittelvergiftung erkrankt sind, aber nicht an einem Ebola-Virus oder dergleichen. Dann müssten wir die ganze Stadt Freising unter Quarantäne nehmen, wollen Sie das verantworten?«

»Wir müssen eine Ausbreitung verhindern«, verteidigte sich der Angesprochene, ein großgewachsener Mann mit schütteren blondem Haar und einer Brille auf seiner schmalen Nase. Er hielt seine Hände wie zu einer Predigt gefaltet vors Gesicht und starrte die Kommissarin flehend an.

»Bevor wir nicht alles geklärt haben«, unterstütze Dieter Burger Melanie, »brauchen wir niemanden verrückt machen. Ich sehe das genauso wie die Kollegin Schütz. Und es hat tatsächlich, das kann ich mit absoluter Bestimmtheit sagen, nur die Personen getroffen, die im Selbstbedienungsteil gesessen haben. Die anderen sind kerngesund. Es handelt sich ganz sicher nicht um einen ansteckenden Virus. Nach dem größten Schreck geht es einigen wieder ganz gut. Geschwächt ja, aber sie müssen, laut den Ärzten hier vor Ort, nicht ins Krankenhaus.«

Alois hatte sich leise herangeschlichen und dem Gespräch zugehört. Plötzlich drängte er sich vor und sagte: »Herr Wickord, Gesundheitsamt nehme ich an?« Der Mann im Anzug nickte. »Herr Wickord, darf ich mich kurz vorstellen? Alois Kreithmeier, Kriminalpolizei Freising. Danke. Ich hatte gerade eine interessante Unterhaltung mit meinen Kollegen von der Spurensicherung. Und die haben Indizien gefunden, die dafür sprechen, dass an den Weißbierfässern manipuliert worden sein könnte. Wir werden morgen nach einer biochemischen Untersuchung auf jeden Fall mehr wissen. Im Moment finde auch ich, dass wir den Ball flach halten sollten und nicht die Pferde scheu machen. Wenn der Katastrophenschutz die Sache übernimmt, dann gleitet es uns komplett aus der Hand, und dafür ist es noch zu früh. Lassen sie die Mediziner ihren Job machen und unsere Laborleute. Könnten Sie damit leben?«

»Gut, warten wir die Tests ab. Wann rechnen Sie mit den ersten Berichten, Herr Burger?«

Dieter Burger schaute auf die Uhr. »Es ist jetzt kurz vor 15 Uhr. Bis wir hier fertig und dann in München sind? 17 Uhr. Ich denke heute Nacht um 23 Uhr.«

»Gut«, sagte Wickord, »dann warte ich mit meiner Meldung bis 24 Uhr. Aber dann muss ich es tun, wenn sie mir keine Gegenbeweise für eine globale Epidemie liefern können.«

»Das ist fair. Gut 24 Uhr. Punkt Mitternacht rufe ich Sie an.«

»Und uns nicht vergessen, Dieter, nicht wahr«, mahnte Melanie ihren Kollegen vom LKA an.

»Ja, ja. Ich werde mich darum kümmern. Bitte entschuldigen Sie mich, ich habe jetzt noch Einiges zu tun.«

»Nehmen Sie Zeidler und Schurig mit, die beiden können Ihnen gern zur Hand gehen. Zwei erfahrene Beamte.«

Burger sah Kreithmeier skeptisch an. Seine Mimik sagte fast: Was führt der Kommissar im Schilde? Er nickte trotzdem, bedankte sich für die angebotene Unterstützung und zog von dannen.

Melanie sah ihm nach.

»Sie entschuldigen uns Herr Wickord«, sagte Kreithmeier und schob seine Kollegin beiseite.

»Hast du zufällig den Geschäftsführer der Brauerei gesehen«, fragte er sie. »Es wäre doch ein Wunder, wenn der nicht hier aufgetaucht wäre.«

»Ja er steht dort neben einem der Notärzte. Was willst du von ihm?«

»Lass dich überraschen. Komm, begrüßen wir ihn.«

 

Kreithmeier schritt voran und Melanie folgte ihm brav. Er steuerte direkt auf einen kräftigen Mann mit einem vollen und freundlichen Gesicht zu, der neben einem der Ärzte stand und sich wissbegierig um den Zustand der Kranken erkundigte. Er trug einen dunklen Trachtenanzug und ein helles Hemd ohne Krawatte.

»Herr Professor Dr. Schrädler?«, fragte Alois höflich und unterbrach das Gespräch.

»Ja, der bin ich. Und wer will das wissen?«

»Kriminalhauptkommissar Alois Kreithmeier und meine Kollegin, Kriminalhauptkommissarin Melanie Schütz. Wir würden Sie gerne einmal kurz sprechen.«

Sichtlich überrascht sah der Direktor der Bayerischen Staatsbrauerei Weihenstephan die beiden Beamten an. Erst als ihm Kreithmeier seinen Ausweis vor die Nase hielt, reagierte er.

»Bitte kommen Sie. Eigentlich hätte es längst der Fall sein müssen. Unterhalten wir uns. Aber nicht hier. In meinem Büro. Wenn Sie mir bitte folgen wollen.«

Professor Dr. Schrädler schritt voran über den Vorplatz der Brauerei auf ein Verwaltungsgebäude zu. Die beiden Kommissare folgten und zwischen ihren Beinen turnte Gizmo umher. Er hatte den Professor ein paar Mal gefährlich angeknurrt und nur ein paar böse Blicke seitens Melanies hatten den armen Mann davor bewahrt, von Gizmo angebellt zu werden. 

 

Der Brauereidirektor schloss die Türe auf und marschierte voran in den ersten Stock. In einem holzgetäfelten Büro wies er seine Gäste an, an einem Besuchertisch Platz zu nehmen. Gizmo legte sich zu Melanies Füssen.

Alois blickte sich um. Das Büro war standesgemäß. Ein großer Schreibtisch aus dunklem Holz, dahinter ein Chefsessel aus schwarzem Leder. An den Wänden Urkunden von DLG Prämierungen der einzelnen Biersorten des Hauses. Und in einer Vitrine verschiedene Bierkrüge, Gläser und Flaschen der Spezialbiere Xan, einer Art alkoholfreiem Wellnessbier und Infinium, einer Art Hopfenprosecco.

»Schön dass Sie sich Zeit für uns nehmen. Was halten Sie von dieser Geschichte, Herr Professor?«, begann Melanie das Gespräch.

»Es ist kurz gesagt eine Tragödie. Diese ganzen Menschen. Krank auf unserem Gelände. Und dann die Presse. Ein nicht kalkulierbarer Schaden. Eine Tragödie.«

»Schon gut Herr Professor, ich kann Sie verstehen. Aber Sie sagten vor ein paar Minuten noch, es hätte längst der Fall sein sollen. Ich habe es so verstanden, dass dieses Gespräch viel eher hätte stattfinden sollen, dieses Gespräch mit der Polizei.  Ist das richtig so?«

Der Professor dachte nach. Dann stand er auf und schritt an einen Aktenschrank, öffnete die Tür, griff nach einem von blauer Pappe geschützten Akt und legte ihn vor sich auf den Tisch.

»Sie haben Recht, meine Dame, mein Herr. Wir hätten früher reden sollen, dann wäre das wahrscheinlich nicht passiert.«

Alois war hellhörig geworden. »Sie haben damit gerechnet, Sie wissen also, was das war?«

»Ja, ich glaube, dass war ein gezielter Anschlag auf unsere Brauerei.«

Alois und Melanie holten tief Luft, ließen sich langsam in die Lehne der Besucherstühle fallen und blickten den Direktor erstaunt an.

»Und?«, fragten sie fast einstimmig.

Der Direktor holte tief Luft, dann sagte er: »Wir werden erpresst.«

 

 

 




[1] Quelle: www.biergärtenmünchen.de

[2]  Medienmitteilung der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon ART